TV-Kritik

Netflix-Serien aus Europa: Ausgerechnet Deutschland bringt den Durchbruch

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Netflix' eigenproduzierte Serien in Frankreich, Spanien und Italien waren enttäuschend bis ganz nett. Aus Deutschland kommt nun die erste europäische Netflix-Serie auf amerikanischem Niveau.

Als Netflix im Sommer letzten Jahres mit «Marseille» seine erste europäische Serie veröffentlichte, waren die Erwartungen riesig. Mit Gérard Depardieu war wohl der international bekannteste französische Schauspieler mit an Bord, der Stoff um Korruption im Rathaus der titelgebenden zweitgrößten Stadt des Landes ließ politische Relevanz erahnen und auf eine inhaltliche wie künstlerische Vergleichbarkeit mit «House of Cards» hoffen, dem über Jahre international wichtigsten Serienaushängeschild des Streaming-Anbieters.

Daraus wurde freilich nichts. Statt einer glänzenden philosophischen Narrative um einen korrupten Bürgermeister und ausgeklügelte Intrigen erwartete die gierigen Zuschauer eine laue Soap, die an die zahllosen von sentimentaler Erotik geprägten hirnlosen Serien erinnerte, mit denen im Land von Voltaire gnadenlos das Fernsehprogramm vollgestopft wird. «Marseille» sah eher aus wie ein ambitionierteres «Plus Belle la Vie» denn wie ein französisches «House of Cards» – um letzteres hatte sich mit «Baron Noir» immerhin schon vorher der Pay-TV-Anbieter Canal+ gekümmert.

Die Kritiken zu Depardieus koksendem Robert Taro waren – erst recht in Frankreich – jedenfalls vernichtend. Und während Netflix im selben Jahr sein lateinamerikanisches Portfolio mit der intellektuell wie emotional starken brasilianischen Serie «3%» um einen Schatz erweiterte, blieb Europa mit Frankreichs Rohrkrepierer im internationalen Netflix-Serien-Vergleich weit abgeschlagen.

Erst rund ein Jahr später erhielt der alte Kontinent eine neue Chance. Mit den «Chicas del Cable» (Bild rechts) wandte sich Netflix der iberischen Halbinsel zu und erzählte eine Serie über Telefonistinnen im Spanien der 20er Jahre. Wie «Marseille» konnte dieses Format zweifellos mit einem erstklassigen Production Value glänzen. Noch dazu blieben einem die intellektuellen Zumutungen, die schablonenhaften Charakterzeichnungen und der infantile Erzählduktus der französischen Europa-Netflix-Premiere erspart. Im Gegenteil: Die Figuren von «Telefonistinnen» (so der deutsche Titel) waren interessant geschrieben, und mit dezidierten feministischen Untertönen hatte die Serie auch eine gewisse erzählerische Ambition jenseits der opulent ausstaffierten visuellen. Trotzdem blieb man von der intellektuellen Schärfe und der Relevanz der amerikanischen Netflix-Serien weit entfernt.

Anfang Oktober startete Netflix mit «Suburra» seine dritte europäische Serie, die wieder in einem südlichen Land – diesmal: Italien – spielte. Und auch «Suburra» setzte den Trend fort, den Netflix mit seinen europäischen Serien ging. Wieder blieb man intellektuell und narrativ hinter den amerikanischen Pendants zurück, wieder wirkte der Neustart, mit dem Netflix einen großen europäischen Markt aufmischen wollte, weniger wie ein neuer Impuls als wie eine hochwertiger produzierte Dutzendware, wie man sie auf dem Zielmarkt bereits kannte.

Ausgerechnet in Deutschland, diesem Serienentwicklungsland, dem ersten nördlichen europäischen Markt, in dem Netflix eine eigenproduzierte Serie veröffentlicht, ändert sich nun auf einen Schlag womöglich: alles. Das Genre – ein Mystery-Thriller – passt überhaupt nicht zur von Krimis und Historiendramen dominierten heimischen Serienwelt. Und weder intellektuell noch erzählerisch noch visuell muss sich «Dark» hinter den großen amerikanischen (und lateinamerikanischen) Formaten verstecken, die Netflix zu einem globalen Game Changer im internationalen Seriengeschäft gemacht hatten.

Lesen Sie hier vor dem morgigen weltweiten Start noch einmal unsere ausführliche Rezension zu «Dark».

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