In «Das unerwartete Glück der Familie Payan» wird eine 49-Jährige ungewollt schwanger – und plötzlich wird nicht nur ihr Zukunftsplan vollständig durcheinander gewirbelt, sondern auch der ihre Familie.
Als Hauptfigur Nicole von ihrer unerwarteten Schwangerschaft erfährt, legt die hier auch als Autorin fungierende Nadège Loiseau eine ungeheure Behutsamkeit an den Tag. Diese ersten zwanzig Minuten sind ein Paradebeispiel dafür, wie man eine eigentlich klare Situation anhand einer Figur so komplex wie möglich aufbereiten kann. Auch die fabelhafte Karin Viard («Verstehen Sie die Béliers?») trägt dazu bei, dass der Zuschauer direkt beide Positionen verstehen kann: Auf der einen Seite ist da das nach wie vor vorhandene Muttergefühl von Nicole, viel Verantwortungsbewusstsein sowie die Erkenntnis, es nicht bei allen bisherigen Kindern immer richtig gemacht zu haben (schon früh rührt eine Szene, in welcher Nicole aufzählt, was sie bei ihrem ältesten Sohn alles verpasst hat) und was sich jetzt noch einmal nachholen ließe.
Auf der einen Seite kümmert sich Nadège Loiseau hingebungsvoll um das Gefühlsleben ihrer Figuren. Nicht nur Nicole wird in ihren Ängsten und Sorgen auch über gängige Allgemeinplätze hinweg ernst genommen – Karin Viard dankt es dem Skript, indem sie die zerrissene Mutter sehr differenziert und mit viel Gefühl für kleine Nuancen in Ausdruck und Bewegung verkörpert. Auch die Nebenfiguren erhalten ausreichend Profil. Da ist zum Beispiel der Vater Jean-Pierre (Philippe Rebbot), der nicht weniger hin- und hergerissen ist als seine Frau, jedoch ein weitaus weniger kontrolliert agierender Zeitgenosse ist. Da ist aber auch die älteste Tochter Arielle (Manon Kneusé), die es mit der Erziehung ihrer Tochter Zoé (Stella Fenouillet) nicht so ganz genau nimmt und damit als lebendes Beispiel für Nicoles vermeintlich gescheiterte Mutterrolle fungiert. Und dann ist da auch noch Nicoles Mutter Mamilette (Hélène Vincent), die lange Zeit wie der Stereotyp einer alten, verwirrten Rentnerin wirkt (leider erschöpft sich der Gag um die plötzlich immer wieder weg getretene Oma nicht nur irgendwann, er läutet eine vermeintliche Überraschung im letzten Drittel des Films auch wenig unbeholfen ein), haut aber in wichtigen Momenten so gezielte Äußerungen raus, dass man diese so nicht erwarten konnte und es ihnen gelingt, über zahlreiche plakative Szenen hinweg zu helfen.
Ängste vor dem Arztbesuch, die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit oder die Frage, wie man dem Rest der Familie die aktuelle Situation erklärt: All das sind Dinge, die Nadége Loiseau zwar anpackt, ihnen aber nicht ausreichend Beachtung schenkt. Wenn Nicole und ihre Tochter Arielle überlegen, wie sie ihrem hunderte Kilometer weit weg als Koch auf einem U-Boot arbeitenden Bruder die Nachricht der späten Schwangerschaft übermitteln können, kreieren die Macher daraus eine wenig überzeugende Episode über eine merkwürdige Geheimsprache, die der Geschichte zeitweise sogar die sonst durchgehend vorhandene Bodenständigkeit raubt. Auch die Diskussionen zwischen Mutter und Tochter erinnern mehr an klassische Screwball-Comedies als an handfeste Auseinandersetzungen und so wundert es irgendwie auch nicht, dass Arielle ihre Mutter gerade deshalb überhaupt nicht ernst nimmt. Dafür findet Nadège Loiseau gerade zum Finale hin schöne Kompromisse im Hinblick auf das angepackte Thema und lässt selbst in den absurdesten Momenten immer eine gewisse Form des Respekts für ihre Charaktere walten. Nur die Fruchtblase, die hätte in der aller letzten Szene dann nicht noch platzen müssen.

• Das unerwartete Glück der Familie Payan • Le petit locataire • Verstehen Sie die Béliers?
Manager Creative Productions (m/w/d)
Jungredakteur/Redakteur Casting (w/m/d)
Pflicht/-Orientierungspraktikant Redaktion (w/m/d)
Redakteur (w/m/d) oder Jungredakteur (w/m/d)
Jungredakteur/Redakteur (w/m/d)
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel