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Kultur ist, wenn das Fernsehen wegsieht

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Die documenta 14 ist ein Kulturereignis, weniger ein TV-Ereignis, weil es sich den Fernsehgesetzen widersetzt. Wie wenig Kultur und Massenfernsehen zusammenpassen, zeigt nicht nur dieses Beispiel. Eine Bestandsaufnahme.

„Lassen wir Fernsehen als Abspielstätte für Spielfilme aller Art beiseite, so sind die großen Fernsehereignisse diejenigen, die schon zur Hochzeit des Radios "events" waren. Fußballspiele und andere Sportveranstaltungen, Kriege, Katastrophen, Krönungen, Beerdigungen, bunte Abende, Ansprachen hochgestellter Persönlichkeiten […]. Kultur im Fernsehen hat nur insoweit eine Chance, als sie selber zum Ereignis wird […]. Aber welche Kultur finden wir in der Wirklichkeit überhaupt vor, über die, mit der und innerhalb der Fernsehen als Kulturereignis berichten könnte, ja: gibt es diese Wirklichkeit überhaupt noch?“

Diese Beobachtungen stammen aus einem Artikel des Fernsehmoderators Volker Panzer, und sie sind nicht in diesen Wochen erschienen, sondern 1999, vor 18 Jahren. Doch heute gilt diese Präzise Beschreibung der TV-Mechanismen umso mehr: Die sogenannte Eventisierung des Fernsehens ist mittlerweile umso stärker vorangeschritten. Gerade durch die Konkurrenz des Internets fühlt sich das TV-Medium unter Druck gesetzt, in Echtzeit Neues zu liefern und Einzigartiges. Dann wirken Fernsehen und soziale Internet-Medien auch wunderbar zusammen: Neben dem TV-Ereignis läuft die Twitter-Timeline parallel und wird zum Sekundärmedium des Events – bei Fußballturnieren, bei royalen Hochzeiten, bei politischen Großveranstaltungen.

Oder auch bei der Eröffnung der Hamburger Elbphilharmonie im Januar. Es ist eine große Bestätigung von Volker Panzers Thesen, die er vor 18 Jahren aufstellte: Da war es also mal wieder, dieses eine große Kulturevent. Es bündelt Geschichten einer Stadt und eines Gebäudes, die auch Nicht-Kulturinteressierte einfangen; es holt verlorengegangene Eliten zumindest für einen Abend zurück vor den Fernseher. Alles kulminiert in diesem einen Ereignis an diesem einen Abend, am 11. Januar 2017. Für wenige Momente war die Kultur zurück bei den großen Sendern, zu prominenter Zeit und unter viel Beachtung.

Bei der documenta ist das freilich etwas anders. Die alle fünf Jahre stattfindende Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst legt sich nicht fest auf ein bestimmtes Ereignis, auf ein Datum, in dem alles kulminiert. Allein die Ausstellungsdauer von drei Monaten lässt es nicht zu, die documenta 14 zu einem punktuellen Event zu verdichten, auf das sich alle Aufmerksamkeit richtet. Es widerspricht damit den Eventisierungs-Gesetzen des modernen Fernsehens, ganz bewusst: Es gibt so viel zu sehen und zu fassen in Kassel, so viel Unterschiedliches von so vielen Orten zu berichten, dass die Fernsehmacher sich mit der Berichterstattung schwertun. Abseits der (schmalen) TV-Kulturindustrie wohlgemerkt, die selbstredend und regelmäßig über die documenta spricht. Und die im Massenmedium Fernsehen nicht wahrgenommen wird. Sprich: bei 3sat in der «Kulturzeit» oder bei arte. Am nächtlichen Sonntag vielleicht noch im Ersten oder im ZDF. Umfangreiche mediale Begleitung bieten die Info-Radiosender des Hessischen Rundfunks sowie Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur mit eigenen Spezialsendungen.

An der documenta 14 erkennen wir, welchen Stellenwert die Kultur im deutschen Fernsehen einnimmt: einen Stellenwert der Nische, der vorbeigeht am normalen Zuschauer. Das ist zunächst eine nicht wertende Feststellung, und sie gilt seit Jahren. Denn auch das ist Fakt: Der Umfang der Kulturberichterstattung – fast ausschließlich über öffentlich-rechtliche Sender – hat sich kaum verändert. Die beiden Kultursendeplätze im Ersten und im ZDF am späten Sonntagabend existieren weiterhin. Zuletzt hat das ZDF noch einmal an der Kostenschraube gedreht, als man 2012 Volker Panzers «Nachtstudio» und «Das philosophische Quartett» einstellte. Dafür entstand die Philosophie-Talkshow «Precht», die bis heute im Programm ist.

Auch abseits der öffentlich-rechtlichen Sender tun sich Nischen auf, mehr oder weniger unbeobachtet. Sky Arts ist eine solche Nische, ein Prestige-Programm für die Bezahlplattform mit durchaus sehenswerten Produktionen wie «Master of Photography». Und auch hier hält die Elbphilharmonie Einzug: John Malkovichs Stück «Just Call Me God» ist bei Sky Arts als Aufzeichnung zu sehen. Angebote für Musik- und Kulturliebhaber gibt es ebenfalls, sie heißen Classica, Medici TV oder Idagio. Auch die Berliner Philharmoniker haben ihre eigene Bezahlplattform. Und Netflix wagt sich in das Feld langsam vor, beispielsweise mit der Dokumentationsreihe «Abstract: Design als Kunst». Damit werden die zahlungskräftigen Nischen bedient; der Otto-Normalzuschauer stolpert so keinesfalls mehr über Kultur. Die Schnittmengen werden immer kleiner.

Wie sagte schon der mittlerweile verstorbene Roger Willemsen vor vielen Jahren? „Ich habe immer an einem Fernsehen gehangen, von dem ich dachte, es muss Minderheiteninteressen zirkulieren lassen, es muss ein Medium sein, in dem sich Gesellschaft reflektiert. Es müsste eine Volksbildungsanstalt sein, ein Auffangbecken für alles, was in der Welt wichtig genannt werden kann. […] Das Fernsehen ist ein Medium der Abstimmung, jeden Abend mit der Fernbedienung wird abgestimmt. Und wenn ich abstimmen kann, will ich Faust II oder «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» sehen, dann werden viele Menschen sagen: ‚Na dann lieber «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», mein Leben ist schon anstrengend genug.‘ Aber Kultur besteht aus Überforderung. Und jeder Mensch wächst dadurch, dass er überfordert wird.“

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Familie Tschiep
25.06.2017 17:01 Uhr 1
Man sollte zwischen Kultur und Kulturberichterstattung unterscheiden. Dem Kulturauftrag kann ein Sender auch durch Ausstrahlung intelligenter Serien wie The Wire nachkommen.



Die meisten Berichte aus den Kultursendungen werden in der Kulturzeit um 19.20 Uhr wiederholt, das dürfte auch zeitlich für viele Zuschauer machbar sein.

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