Folge 325: Mit «Glücksrad», «Ruck Zuck» & Co. lässt RTLplus gerade das Fernsehen der 90er Jahre wieder aufleben. Das ist nicht nur nett und harmlos, sondern befeuert gefährliche Entwicklungen.
gewöhnlich widme ich mich im Fernsehfriedhof denjenigen Formaten, die tief unter den vermoderten Grabsteinen der Fernsehunterhaltung längst vergessen wurden. Dabei habe ich oft versucht, die alten Konzepte aus einer heutigen Perspektive zu bewerten und einzuordnen, um entweder die Absurdität einstiger Selbstverständlichkeiten oder die erschütternde Beständigkeit mancher Moralvorstellungen und Rollenbilder aufzuzeigen. Es ging mir also meist darum, nicht bloß alte Erinnerungen hervorzuholen, sondern diese kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls als vergangene, überholte und nicht mehr zeitgemäße Ansätze zu klassifizieren. Dies funktioniert deswegen, weil sich unsere Gesellschaft in vielen Punkten weiter entwickelt hat und mit bestimmten Themen offener, toleranter, aber auch sensibler umgeht.
Sicher, die Farben sind nun etwas pastellartiger, die Moderator*innen jünger, Preisgelder werden nicht mehr in D-Mark ausgezahlt und beim «Glücksrad» ist nur noch das „A“ anstelle des „A wie Anton“ käuflich. Davon abgesehen bleibt alles gleich. Beim «Familienduell» grunzen dieselben Schweine, bei «Jeopardy» blinkt derselbe 80er-Schriftzug im Hintergrund und «Ruck Zuck» verwendet dieselben Grafiken wie vor 20 Jahren. Alles wirkt lediglich etwas kleiner und harmloser. Es scheint, als würde sich RTL selbst in eine Zeit zurückversetzen wollen, in der sich die Anzahl der konkurrierenden Kanäle noch im unteren zweistelligen Bereich bewegte und das Unternehmen ein stetiges Wachstum bei Zuschauendenzahlen und Umsätzen bejubeln konnte.
Als „Retro-Shows“ oder „Wohlfühl-Fernsehen“ wird dieser Trend in der Presse oft liebevoll verniedlicht. Doch darin zeigt sich mehr als das schlichte Bedürfnis, behagliche Kinder- oder Jugenderinnerungen wiederaufleben zu lassen. In ihm spiegelt sich eine gesellschaftliche Sehnsucht nach vergangenen (vermeintlich besseren) Zeiten wider. Eine Sehnsucht nach einer Zeit vor dem Pluralismus, vor der Globalisierung und den mit ihr zusammenhängenden Problemen. Eine Sehnsucht nach einer Zeit mit einem klar definierten Rollenverständnis, nach einer Zeit mit einer überschaubaren Anzahl an zulässigen familiären Konstellationen und nach einer Zeit, in der man noch sagen durfte, was man denkt. Eine Sehnsucht nach einer Zeit, als die Welt zumindest noch einfacher und überschaubarer wirkte.
Und genau zu der Zeit, in der ein solches politisches Klima aufzieht, ruft die RTL-Gruppe einen Kanal ins Leben, der nichts außer alten Formaten zeigt und auf diese Weise eine kleine, perfekte, reaktionäre Welt anbietet, in der Veränderungen Hausverbot haben und Weiterentwicklungen draußen bleiben müssen. Praktischerweise trägt dieser Sender sogar den Namen von damals. Frei nach dem Motto: Lasst uns all diesen Menschen, die eher rückwärts als vorwärts denken im Fernsehen eine (altbekannte) Heimat bieten. Lasst uns ein Fernsehen veranstalten, das die Entwicklungen der letzten 20 Jahre völlig negiert. Lasst uns die Zeit aufleben, in der männliche Moderatoren ihre jungen, meist wortlosen Assistentinnen noch umherscheuchen durften, in denen Kandidat*innen mit Migrationshintergrund noch als exotisch galten und als ethnische und sexuelle Minderheiten höchstens als Paradiesvögel im Programm auftauchen durften.
Unter dem Dach von RTLplus darf diese gute alte Zeit jetzt endlich wieder existieren. Dort darf im «Glücksrad» die blonde Assistentin Isabel Edvardsson nur sprechen, wenn sie vorher vom männlichen Gastgeber Jan Hahn dazu aufgefordert wird. Dort darf sie dann mit ihren kurzen Sätzen höchstens weibliche Klischees bedienen. Dort hat sie brav zu lächeln, wenn sie regelmäßig mit zweideutigen Sprüchen belegt wird. Und dort wird ihre Funktion als „Buchstaben-Fee“ durch die Verwendung einer animierten LED-Wand derart sinnlos, dass sich ihr Engagement letztlich darauf beschränkt, einen optischen Reiz zu liefern. Das immerhin bemerkt selbst Jan Hahn, etwa wenn er Sätze fallen lässt wie: „Man kann sich heute gar nicht auf das Rätsel konzentrieren, wenn Du daneben stehst.“
Die Verwerflichkeit dieser Sendungen besteht vor allem darin, dass all dieser reaktionäre Muff mit einer netten, parfümierten, fliederfarbenen Wolke vernebelt wird. Auf den ersten Blick erscheinen sie durch ihr braves Aussehen als modern und offen - wahrscheinlich halten sich sogar alle Beteiligten selbst für tolerant und progressiv – doch es ist die unter dieser Oberfläche transportierte Botschaft, die ich für bedenklich halte. Eine Botschaft, die von den Verantwortlichen vielleicht nicht einmal bewusst vermittelt wird, dennoch vor sich hin schwelt.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
01.12.2016 12:48 Uhr 1
01.12.2016 14:17 Uhr 2
01.12.2016 17:02 Uhr 3