In «Der Spion und sein Bruder» trifft eine hochwertige Agentenkomödie auf derbste Sacha-Baron-Cohen-Zoten. Ein gewagter Drahtseilakt.
Wer ein Ticket für einen Sacha-Baron-Cohen-Film löst, der sollte sich vorab bewusst sein, dass das, was nun folgt, nichts mit den klassisch modernen Unter-der-Gürtellinie-Komödien der Seth-Rogen-Community oder zuletzt etwa «Dirty Grandpa» gemein hat. Abgesehen davon, dass jene Vertreter im Hinblick auf «Der Spion und sein Bruder» wirken, als hätte man es bei ihnen mit einer harmlosen Disney-Familienkomödie zu tun, ist es Baron Cohen nicht bloß daran gelegen, innerhalb eines Neunzigminüters möglichst viele derbe Schimpfworte vom Stapel zu lassen. Zieht man «Dirty Grandpa», den aktuell wohl geschmack-, und lieblosesten Vertreter seines Genres zum Vergleich heran, so lässt sich pauschalisieren, dass sich «Grandpa»-Regisseur Dan Mazer auf Biegen und Brechen und ohne Rücksicht auf Figuren, Skript und Dramaturgie darin abmüht, rücksichtslos vulgär zu sein, bis jene sprachliche (und körperliche) Freizügigkeit zum Selbstzweck verkommt. «Grimsby»-Regisseur Louis Leterrier («Die Unfassbaren – Now You See Me») hingegen hat nicht den kalkulierten Skandal im Kopf, sondern seinen Film selbst. Ja, «Der Spion und sein Bruder» ist ein geschmacklich äußerst grenzwertiges Unterfangen, doch abgesehen davon, dass es gerade in Sachen Humor auf das eigene Verständnis dafür ankommt, stimmen sämtliche Faktoren abseits des oberflächlichen Klamauks.
Darüber hinaus reichern die Macher die Story im Hier und Jetzt mit Rückblenden an, welche sich vollkommen frei von Ironie mit dem Auseinanderbrechen der Familie Grimsby auseinandersetzen. Das führt dazu, dass bei aller Zotenlastigkeit innerhalb des Films eine Verbindung zu den Figuren entsteht; unterstrichen davon, dass «Der Spion und sein Bruder» auch auf einer weiteren Ebene hervorragend funktioniert. Die Rede ist von den Darstellern. Während Baron Cohen Niemanden mehr von seinem Timinggespür und seiner Aufopferungsbereitschaft in Bezug auf seine Rollen überzeugen muss, beweisen gerade die Schauspieler in den vollkommen bodenständig angelegten Rollen, dass auch vermeintliche Blödelkomödien besser funktionieren, wenn man packendem Schauspiel dieselbe Aufmerksamkeit schenkt, wie dem Abhaken der Pointen. Mark Strong («Kingsman: The Secret Service») macht in seiner engagiert-toughen Rolle des Geheimagenten vor allem deshalb Spaß, weil er genau so auch in jedem anderen, sich weitaus ernster nehmenden Spionagefilm auftreten könnte. Dasselbe geht für Isla Fisher (demnächst in «Visions» zu sehen), die in ihrer Nebenrolle als MI6-Mitarbeiterin leider nur wenig zu tun hat, aber ebenfalls voller Enthusiasmus steckt. Außerdem beweist sich Penelopé Cruz nach «Zoolander No. 2» ein weiteres Mal in der Rolle des unterkühlten Vollblutweibs. Wer aber besonders überrascht, sind sämtliche Kinderdarsteller. Vor allem Gabriel Chay Palmer («Trollied») und Lewis Johnson spielen die beiden Brüder im Kindesalter derart herzzerreißend, dass die Flashbacks eine beeindruckende Intensität aufweisen.
Doch Sacha Baron Cohen wäre nicht er, würde in seinem Film nicht noch eine Ebene stecken, die all den Klamauk und die von kreativ bis zu geschmacklos reichenden Gags rechtfertigen würden. «Der Spion und sein Bruder» hat als rein fiktionales Werk zwar nicht den das Publikum selbst entwaffnenden Wert eines «Borat» oder «Brüno», trotzdem ist ein Großteil der Gags (von denen die Macher bei einigen leider nicht den richtigen Moment finden, um sie zu beenden) auch hier bloß ein äußerst nachdrücklicher Kommentar auf den Umgang mit Waffen, die Doppelzüngigkeit in Bezug auf verschiedene Unterhaltungsmedien sowie verquere wirtschaftspolitischer Ansichten vereinzelter Politiker und der Regierung im Gesamten. Und um festzustellen, dass dem so ist, braucht es nicht erst die wohl famoseste Schlusspointe des Kinojahres 2016, sondern den Willen, sich nicht davon blenden zu lassen, dass Baron Cohen und Strong es in diesem Film mit einem riesigen Elefantenpenis aufnehmen müssen. Gewiss: Solche Szenen müssen nicht sein. Aber vielleicht braucht es heutzutage mal wieder jemand Mutigen, der der Welt da draußen vor allem eines sagt: Fuck Yourself!

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