360 Grad

Great, not Good

von

«Better Call Saul» erzählte heiterer als die Vorgängerserie «Breaking Bad». Bis sich in Folge Sechs für eine Episode der Fokus änderte...

Nicht nur mein geschätzter Kollege Jan Schlüter hat die Beobachtung ins Feld geführt, dass «Better Call Saul» heiterer erzählt als das Vorgängerformat «Breaking Bad» und vielleicht eher der schwarzen Komödie zuzuordnen ist als dem Charakterdrama. Obwohl die Übergänge freilich fließend sind und mehrere Genreangaben sich nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen müssen.

In der sechsten Folge, die kürzlich bei AMC in den USA ausgestrahlt wurde und in Deutschland bei Netflix abrufbar ist, dürfte sich dieser Eindruck verschoben haben. Vielleicht gerade weil die Titelfigur Saul Goodman in der ganzen Episode so gut wie gar nicht auftauchte. Stattdessen drehte sie sich um Mike Ehrmantraut, der in «Better Call Saul» im Büdchen vor dem Gerichtsgebäude von Albuquerque sitzt und die Schranke zum Parkplatz bedient. In der späteren Chronologie ist er zu «Breaking-Bad»-Zeiten zur zweiten Geige in der organisierten Kriminalität aufgestiegen.

Seine Backstory war bisher nur vage bekannt. Man wusste, dass er mal als Polizist in Philadelphia gearbeitet hat, bevor es ihn in den Westen verschlug. „Five-O“, so der Titel der Folge, füllte nun die Lücken aus: Mikes Sohn, der ebenfalls in Philadelphia Polizist war, ist damals im Dienst erschossen worden. Mikes Schwiegertochter lebt nun in New Mexico und schlägt sich als Witwe mit einer kleinen Tochter durch. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie größere Bargeldbeträge bei ihm gefunden und hegt den Verdacht, dass er in korrupte Angelegenheiten verwickelt war und deswegen umgebracht wurde.

Mike treibt das zur Weißglut. Er weiß, dass sein Sohn nicht korrupt war. Doch erst nach und nach findet er die Kraft, seine Schwiegertochter ins Bild zu setzen: Mikes Sohn war so ziemlich der einzig nicht-korrumpierte Cop im Bezirk. All seine Kollegen bedienten sich aber bei der Sicherstellung von Drogengeldern großzügig an den Beweismitteln. Er drohte ihnen damit, sie deswegen bei der Internen Ermittlung anzuschwärzen. Das wurde zu seinem Todesurteil: Die Kollegen räumten ihn blutig aus dem Weg. Mike nahm Rache und zog nach Albuquerque, in die Nähe von Schwiegertochter und Enkelin.

„Five-O“ erzählt eine düstere Geschichte über einen gebrochenen Mann, über Verlust, Tod und Rache. Wahrscheinlich ist diese Folge einer der besten Serienstunden des amerikanischen Fernsehens der letzten Jahre. Sie funktioniert größtenteils außerhalb der bekannten Narrative von «Better Call Saul» und «Breaking Bad» – man versteht sie, auch wenn man von beiden Serien sonst noch nie etwas gesehen hat.

Und sie will nicht so recht zu dem ansonsten eher lustigen, manchmal überzeichnet-klamaukigen «Better Call Saul» passen, zu all der Wackiness, die der Serie ihren heiteren, schwarz-komödiantischen Touch gibt. Diese düsterere, naturalistische, tiefenpsychologisch spannende und ehrlich erschütternde Folge fügt sich auf den ersten Blick nur schwer in dieses Konzept. Doch Creator Vince Gilligan ist kein Showrunner, der in seinen Serien Widersprüche scheut. Denn dieser Schlenker vom Tragikomischen ins Tragische, die vorübergehende Änderung im Erzählton und im Sujet wirkt nicht wie ein Fremdkörper: Sie zeigt die riesige Bandbreite, die in «Better Call Saul» einen Platz hat.

Und genau das ist vielleicht der Faktor, der «Better Call Saul» nicht nur zu einer guten, sondern zu einer großartigen Serie machen könnte.

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