Die Kritiker

Der doppelte Axel

von

In der ZDF-Komödie «Die Lichtenbergs» trifft Axel Prahl auf sich selbst. Nicht nur er weiß dabei zu unterhalten.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Axel Prahl («Tatort: Thiel und Boerne») als Christian und Jochen Lichtenberg, Anja Kling («Wo ist Fred?») als Chantal, Armin Rohde («Lola rennt») als Herr Fleischer, Susanna Simon («Dr. Molly & Karl») als Dorothea Lichtenberg, Noah Wiechers als David Lichtenberg, Tanja Wedhorn («Meine wunderbare Familie») als Leila Krüger, Christina Hecke («Barbara») als Nanni Niedermeier, Manfred Zapatka («Die Zeit der Kraniche») als Theo Zeisig, Jan Georg Schütte («Altersglühen») als Harald Bahrenfeld, außerdem Oliver Welke in einer Gastrolle


Hinter den Kulissen:
Regie: Matthias Tiefenbacher, Buch: Gernot Gricksch und Oliver Martext, Musik: Biber Gullatz und Andreas Schäfer, Kamera: Holly Fink, Schnitt: Horst Reiter, Produktion: Ufa Fiction

Zwillingsbrüder sind nicht immer gleich. Sie mögen zwar zumeist ein ähnliches Aussehen haben, doch was den Charakter anbelangt, entwickeln sich die Geschwister dennoch nicht selten in unterschiedliche Richtungen. Auf eben diese Grundkonstellation setzt die ZDF-Komödie «Die Lichtenbergs – zwei Brüder, drei Frauen und jede Menge Zoff»: Axel Prahl spielt in einer Doppelrolle die Brüder Jochen und Christian Lichtenberg. Einer besitzt eine Taxifirma, ist aber dennoch permanent klamm und hat zu allem Überfluss Spielschulden. Der andere hingegen ist ungleich erfolgreicher: Als Bundestagsabgeordneter will er in der Politik die große Karriere machen. Seine Ideale hat er allerdings bei der Einlasskontrolle im hohen Haus abgegeben. Auf Betreiben seines Schwiegervaters feilscht er mit Lobbyisten um Gesetzentwürfe und persönliche Vorteile.

Am Geburtstag der beiden schafft es Politiker Christian gerade einmal, seinem Bruder einen unpersönlichen Geschenkkorb zukommen zu lassen, den so ähnlich wohl auch der Vorsitzende des örtlichen Taubenzüchtervereins bekommen würde. Er hat besseres zu tun: Der Politiker der Partei EDU (sie lesen richtig) lässt sich von einer Lobbyistin in ein Hotelzimmer einladen und feiert den Ehrentag auf unmoralische Weise. Blöd nur, dass er aus Versehen – gerade in vollem Gange – seinen Sohn anruft. Während die Ehefrau des Politikers kurzerhand auszieht, als sie davon Wind bekommt, nimmt die Handlung des Films rasant Fahrt auf. Zwar mutet die Story zwischen Videoüberwachung eines Hinterbänklers, einem erpressten Taxiunternehmer und einem Sohn, der den Wahlkampf organisiert, etwas abstrus an, unterhaltsam ist sie jedoch trotzdem.

Doch «Die Lichtenbergs» ist keine normale Komödie. Sie steht als Verwechslungskomödie indirekt in der Tradition von William Shakespeare: Weil Christian eine Platzwunde am Kopf hat, muss Jochen kurzerhand in den Bundestag, um Erledigungen für seinen Bruder zu machen. Wenig überraschend gibt es dabei Schwierigkeiten: Jochen verpflichtet Christian dazu, einen Gesetzentwurf einzubringen, an dem dieser eigentlich ernste Zweifel hat. Fast hat man in manchen Sekunden den Eindruck, dass nicht nur Zuschauer und Charaktere unsicher sind, mit welchem der Brüder sie es nun zu tun haben, sondern auch manche Darsteller.

Etwas zu viel des Guten ist möglicherweise die Liebesgeschichte um Jochen Lichtenberg – aber gut, irgendeinen romantisch-emotionalen Überbau braucht wohl auch diese Komödie. Diese Schwäche wird ohnehin durch viele starke Momente wett gemacht. Da wäre beispielsweise Armin Rohde, der Taxiunternehmer Jochen in seiner Rolle als Geldeintreiber auffordert, endlich seine Rechnung zu begleichen und ihm schließlich ein Ultimatum stellt: „Ich gebe dir 23 Stunden. 24 wären doch viel zu klischeehaft.“ Wer darüber noch nicht lachen möchte, der freut sich sicher auf den Gastauftritt von Oliver Welke. Hier hat der Film wohl seinen besten Moment. Als «heute-show»-Anchor kommentiert Welke lakonisch das politische Geschehen um Christian Lichtenberg. Zumindest in diesem Moment wirkt die Produktion realistischer als so mancher deutsche Polit-Film, selbst wenn das gar nicht der Anspruch ist.

Die meisten Zuschauer dürften sich einig sein, dass Axel Prahl sein Handwerk beherrscht. Auch diesmal wird er, wie beim «Tatort», nicht in eine zu ernste Figur gepresst, was seiner Arbeit zugute kommt. Weil er sehr ambivalent agiert, macht auch das Zusammenspiel der beiden Brüder viel Spaß. Gerade die männlichen Nebenrollen sind ebenfalls gut gewählt: Armin Rohde spielt den umweltbedachten Gangster sehr amüsant, die verschrobene Charakterzeichnung hilft ihm dabei. Antoine Monot, Jr., vielen Zusehern trotz seiner guten Schauspielleistungen noch immer lediglich als „Tech-Nick“ bekannt, spielt den nicht minder verschrobenen Angestellten der Taxi-Firma. Auch Jan Georg Schütte fällt als trotteliger Lobbyist mit seiner Leistung positiv auf. Und dann ist da ja noch der Sohn von Christian Lichtenberg: Mit ihm werden die kauzigen Figuren auf die Spitze getrieben: Kaum zu glauben, dass man in so jungem Alter schon ein solcher Spießer sein kann – und gerade dadurch unterhaltsam. Jungdarsteller Noah Wiechers macht seinen Job in jedem Fall klasse.

Letztlich bleibt zu konstatieren: Ja, es sind teils klischeehafte Charaktere, die der Zuschauer vorfindet. Und ja, besonders ausgeklügelt ist die Story nicht. Das macht aber nichts aus, weil die knorrigen Figuren dennoch Spaß machen und es einiges an Lachern gibt. Für einen netten Abend reicht der Film allemal. Gerade weil der Twist zum Ende nochmal ein Schmunzeln hervorruft, lohnt es sich auch, bis zur letzten Sekunde dabei zu bleiben. Solange man keine ernstzunehmende Politikerschelte oder eine anspruchsvolle Sozialstudie erwartet, bleibt auch eine Enttäuschung aus. Nochmal mit sich selbst spielen würde Axel Prahl aber trotzdem nicht, wie er mit einem Augenzwinkern erklärt: „Ach! Dieser Spießer! Hören Sie bloß auf mit dem!“, meint er nach den Dreharbeiten auf die Frage, was er von der Arbeit mit Axel Prahl hält.


«Die Lichtenbergs – zwei Brüder, drei Frauen und jede Menge Zoff» ist am Montag, 8. Dezember um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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