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Verstummt das Zwitschern? Twitter und Co. in der Sportberichterstattung

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Nicht nur bei der WM ist es ein Thema: das digitale Grundrauschen, das mit Twitter und Facebook in vielen Sportsendungen vertreten ist. Aber was bringen die Kommentare, wie interaktiv ist das Sport-TV wirklich? Eine Bestandsaufnahme.

Es gibt sicher nicht Wenige, die sie als Plage im deutschen Fernsehen bezeichnen: die Invasion von Twitter, Facebook und anderen sozialen Netzwerken, in vielen TV-Sendungen mittlerweile selbstverständlich eingebundenes Instrument. Hier eine Twitter-Frage, dort ein Facebook-Kommentar, mal ein Instagram-Foto. Dass die sozialen Netzwerke allgegenwärtig geworden sind im deutschen TV, ist unbestritten. Vor allem Diskussionsrunden setzen auf diese (vermeintliche) Interaktivität; sie müssen es fast schon, um nicht als antiquiert zu gelten im digitalen Medienzirkus. Über 27 Millionen Facebook-Nutzer gibt es in Deutschland, mehr als eine Million Menschen twittern aktiv – die Reichweite ist enorm, das potenzielle Zielpublikum also auch.

Und doch haben die Kritiker, die mit all dem nichts anfangen können, ein gutes Argument: Der inhaltliche Mehrwert solcher Kommentar-Einblendungen fehlt oft. Das sieht auch Julia Scharf so. Sie ist die Netz-Expertin im «Sportschau-Club», der Fußball-Talkrunde im Ersten, derzeit als «WM Club» aus Berlin zu sehen. Sie stellt Tweets vor, Zuschauerkommentare und Kurioses aus dem Netz – und meint, dass die Inhalte aus sozialen Netzwerken im Fernsehen nur dann sinnvoll sind, „wenn sie einen Mehrwert bieten. Fast alle Sender haben in diesem Bereich in den vergangenen Jahren viel ausprobiert – das war wichtig, weil wir lernen mussten, mit diesen neuen Medien umzugehen. Natürlich hat dieses Lernen manchmal nur über die Masse funktioniert.“ Als Beispiel für sinnvolle Handhabe nennt Scharf einen Tweet, den sie in der Live-Sendung an das deutsche WM-Quartier sendete und prompt eine Antwort von Oliver Bierhoff erhielt. „Selbstverständlich befinden wir uns aber noch immer in einer Testphase, was diese Einbindung angeht, und werden uns da weiter vorsichtig herantasten,“ betont die Moderatorin.

Ein Herantasten ist zweifellos nötig, wie auch die Sender allgemein festgestellt haben. Zu redundant waren die Kommentar-Einblendungen in den vergangenen Jahren, zu aktionistisch schien ihre Einbindung. Sprich: Es wurden zu viele Kommentare ohne inhaltlichen Nutzen vorgelesen, sie scheinen präsent nur um der Präsenz willen – damit die jungen Zuschauer geködert werden. „Man kann es erwähnen, wann nach einem Länderspiel 100.000 Menschen via Twitter Lahm zurück auf die Außenverteidiger-Position schicken würden. Aber man muss keine Tweets vorlesen, in denen nur Dinge gesagt werden, die schon bekannt sind“, sagt Julia Scharf dazu.

Dass Social Media nicht zwangsläufig funktioniert, hat besonders das ZDF bei der Fußball-EM 2012 zu spüren bekommen: Web-Frontfrau Jeannine Michaelsen sollte ein wichtiges Element der Berichterstattung werden, die Reaktionen im Netz einfangen und Oliver Kahn zu seinen ersten Tweets bringen. Schnell schüttete sich der Spott der Netzgemeinde aus; zum Erfolg wurde das Experiment nicht. Bei dieser WM hat das ZDF die Konsequenzen gezogen, berichtet wie die ARD nur noch sporadisch über Fundstücke aus dem Internet – und dies auch ohne separate Experten. Tweets und Facebook-Einträge, die es in die Sendung schaffen, liefern fast ausschließlich die Sportler selbst: Poldi, Schweini und anderen Protagonisten. Normale Zuschauerkommentare aus Twitter und Co. kommen noch als Rausschmeißer der Berichterstattung vor, während die Bilder des WM-Tages über den Schirm prasseln. Sinnvolle Kommentare: mal wieder Fehlanzeige.

Die Sender haben also gelernt aus der vergangenen Zeit, zumindest teilweise. Der Interaktivitätsgedanke steht dabei im Vordergrund. Interaktivität aber bedeutet Austausch mit dem Ziel der Kommunikation, und diese findet kaum statt, wenn nur Tweets im leeren Raum vorgelesen werden. Wirklich interaktiv wird eine Sendung dann, wenn beispielsweise Fragen an Experten gestellt werden, wenn Moderatoren Kommentare aufgreifen und die Gäste dazu Stellung nehmen. In diesem Sinne muss auch das Zusammenspiel von Moderator und Social-Media-Experte passen. Oftmals funktioniert diese Schnittstelle nicht.

Ich habe das Gefühl, dass nach einer Findungsphase der Hype um soziale Medien im Fernsehen zur Zeit wieder etwas abebbt
«Sportschau Club»-Moderatorin Julia Scharf im Quotenmeter.de-Interview
„Ich habe das Gefühl, dass nach einer Findungsphase der Hype um soziale Medien im Fernsehen zur Zeit wieder etwas abebbt,“ findet Julia Scharf. Bei ihrer SWR-Sendung «Sport im Dritten» habe man zum Beispiel die Hinweise auf Twitter und Facebook zurückgefahren, auf die man die Zuschauer früher immer wieder aufmerksam machte. „Damit sie wissen, dass man dort mit uns auch die Woche über in Kontakt treten kann. Jetzt, wo die Seiten bekannter sind, kann man alleine diese Hinweise schon einmal ein bisschen herunterschrauben.“

Bei den Sportformaten selbst bleiben die sozialen Netzwerke ein großes Thema, auch wenn ihre Präsenz leicht abnimmt. Dabei kristallisieren sich zwei Wege heraus, sie einzubinden: entweder kaum bzw. gar nicht oder extrem präsent. Dass eine minimal dosierte Einbindung sinnvoll ist, zeigt «das aktuelle sportstudio»: Pro Sendung kommen eine bis zwei spannende Fragen an den Studiogast in die Sendung, außerdem werden die Gäste fürs Torwandschießen über selbstgedrehte YouTube-Videos ermittelt.

Der umgekehrte Weg – die starke Präsenz sozialer Netzwerke wie beim «Sportschau Club» – hat den Vorteil, dass sich potenziell mehr User beteiligen, eher wertgeschätzt werden und gehaltvollere Kommentare abgeben. Für diese Art der Berichterstattung braucht es aber zwingend wirkliche Experten, die die sozialen Netzwerke kennen, ihre Meinungsmacher und ihre Eigenheiten. Experten, die engagiert sind im Netz und verstehen, warum es dem Fernsehen einen Mehrwert bieten kann. Diese Journalisten benötigen die redaktionellen Fähigkeiten, spannende und sinnvolle Kommentare oder Fragen herauszufiltern. Eine solche Aufgabe ist anspruchsvoll, an ihr sind viele Sendungen gescheitert – weil sie Social Media nicht ernst genug genommen haben. Die Netzgemeinde ist clever genug, dies zu erkennen.

Diese Experten wissen idealerweise auch, was das Otto-Normalpublikum ebenfalls interessieren könnte. Oder sie machen eine Sendung ausschließlich mit Zuschauerbeteiligung: Diesen Weg geht Sky derzeit mit «0800 – du bist dr@auf», eine reine Diskussionssendung mit Fans, die sich per Telefon oder über das Netz beteiligen können. Auch bei «Sky90» funktioniert die Einbindung; Moderator Patrick Wasserziehr liest Fan-Kommentare vor und stellt diese zur aktiven Diskussion.

Kein Erfolg war dagegen «Samstag Live!», das Sky kürzlich eingestellt hat. Auch hier stand zuletzt die Interaktivität im Vordergrund, Zuschauer kommentierten über Skype, Telefon und das Netz. Drei Stunden lang am Samstagabend. Vielleicht gehört auch dies zur Wahrheit der interaktiven Sportberichterstattung: Irgendwann ist es zu viel des Guten. Irgendwann will selbst der digitale Sportfan die Kanäle kappen und schweigen.

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