Die Kritiker

«Polizeiruf 110: Kinderparadies»

von

Hanns von Meuffels begibt sich im neuen «Polizeiruf 110» ins Milieu überambitionierter Eltern. Und das ganz ohne den Lokalkolorit der penetrant bayernden Anna Maria Sturm.

Hinter den Kulissen

  • Produktion: Eikon Süd GmbH
  • Drehbuch: Daniel Nocke
  • Regie: Leander Haußmann
  • Kamera: Philipp Kirsamer
  • Produzent: Ernst Ludwig Ganzert
Inhalt
Wie viel Fürsorge brauchen Kinder für eine schöne Kindheit? Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels muss in seinem sechsten Fall in einem Elite-Kindergarten ermitteln.
Ella Werken, die Mutter der kleinen Lara, wird ermordet aufgefunden. Erste Ermittlungen führen Kommissar Hanns von Meuffels in den neu gegründeten elitären Kindergarten, den der Lebensgefährte der getöteten Frau, Joachim Grand, mit viel Geld und Engagement aufbaut. Die Elternschaft ist gerade dabei, sich wegen der Probleme mit dem aggressiven zweijährigen Bruno zu zerstreiten, der anderen Kindern der Einrichtung angeblich regelmäßig schwere Bissverletzungen zufügt. Die Mutter von Bruno, Valeska Steier, wird als Kindergartenleiterin doppelt zur Verantwortung gezogen. Das Mordopfer war Teil dieses Konfliktes, der im Verlauf der Ermittlungen groteske Züge annimmt. Kommissar von Meuffels ermittelt an einem Ort, der ziemlich schnell den Schein der heilen und perfekten Welt verliert.

Darsteller


Matthias Brandt («Das Ende einer Nacht») als Hanns von Meuffels
Johannes Zeiler («CopStories») als Joachim Grand
Annika Kuhl («Dr. Psycho») als Valeska Steier
Markus Brandl («Die Bergretter») als Tobias Steier
Lisa Wagner («Gestern waren wir Fremde») als Ella Werken
Doris Marianne Müller als Lara Werken
Wiebke Puls («Gier») als Maria Werken

Kritik


Das qualitative Auf und Ab des bayerischen «Polizeirufs» geht munter weiter: Die vorletzte Ausgabe, „Fieber“, mutete recht sonderbar an, hinsichtlich ihres Bemühens um Innovation zwar durchaus beachtlich, in ihrer Radikalität jedoch äußerst begrenzt. „Der Tod macht Engel aus uns allen“, das im Juli ausgestrahlt wurde, bestach dagegen durch ein außerordentlich hohes dramaturgisches Feingefühl bei einem sensiblen Thema und eine klare wie vielschichtige Figurenführung. Nun schwingt das Pendel allerdings wieder etwas zurück.

Dabei ist „Kinderparadies“ die erste Folge ohne Anna Maria Sturms penetrant bayernde Rolle. Das tut dem Format recht gut; schließlich ist nun der Hauptfaktor weg, der den Lokalkolorit immer so aufdringlich erscheinen ließ. Das Verschwindenlassen dieser Figur hat noch eine weitere positive Konsequenz: Es lässt Autor Daniel Nocke mehr Raum, um die anderen Charaktere vielschichtig zu entwickeln. Raum, den er offensichtlich auch zu nutzen versucht. Gepaart mit einer konsequent bedrückenden, düsteren Atmosphäre, die der skandinavischer Produktionen nicht unähnlich ist, müsste dies eigentlich zu einem durchwegs positiven Eindruck führen.

Doch da sind nicht nur so manche Unglaubwürdigkeiten, die sich mit den sehr unaffektiert und natürlich geschriebenen Dialogen stark beißen. Da ist auch die penetrant auf Dissonanz getrimmte, abgehackte Pianomusik, die auf Teufel-komm-raus jede mögliche tragische Wendung weiträumig vorausdeuten will. Da ist auch der sektenhaft klingende Kinderchor, der bei der (an sich stimmig) theatralisch inszenierten Mordtat das sehr tragische Geschehen pseudo-intellektuell und letztlich eher melodramatisch als vielschichtig bricht. Diese Momente stören umso mehr, da Matthias Brandt in dieser Folge seinen Hanns von Meuffels so nahbar und gleichzeitig so komplex anlegt, wie nie zuvor.

Wieder einmal schreckt man hinsichtlich der sendeplatzungewohnten Erzählweise vor dem letzten Schritt an Radikalität, nämlich der völligen Vermeidung jedweder Aufweichung der Tragik ins gewohnt Melodramatische, zurück.

Natürlich ist vieles andere gelungen: Neben den stimmigen Figurenzeichnungen vor allem die Szenen um die sonderbare Elterninitiative, die mit aller Konsequenz manche modernen Tendenzen der Pädagogik gekonnt ad absurdum führen, wenn sich auch hier das alte bayerische «Polizeiruf»-Problem zeigt, da die grundlegende Fragestellung („Fordern wir von unseren Kindern zu viel, wenn wir sie mit zwei Jahren schon zum Chinesischunterricht schicken?“) zu banalisiert aufbereitet wird, um wirklich aus dem Suggestiven ins Differenzierte zu kommen.

Wenn man diese letzten Schritte gehen würde, wäre das Resultat herausragend. So entsteht jedoch ein Film, der in jeder Szene den Anspruch, herausragend zu sein, ausdünstet, ihm aber doch nicht gerecht werden kann.

Das Erste zeigt «Polizeiruf 110: Kinderparadies» am Sonntag, den 29. September um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/66404
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