360 Grad

Hust. Schnief. Zapp.

von
Julian Miller war diese Woche krank. In der neuen Ausgabe seiner Kolumne bereichtet er über seine Fernseherlebnisse während dieser Zeit.

Was macht man, wenn sich die Körpertemperatur unaufhaltsam den 40°C nähert, das über die Jahre aufgebaute Taschentücherarsenal langsam zur Neige geht und man sich eigentlich nur noch von Hustensaft, Zwieback und Tee ernährt? So ging es mir von Samstag bis Dienstag. Die Welt außerhalb von Bett und Sofa wird vollkommen unattraktiv. Lesen? Nein. Buchstaben sind der Feind, wenn man bereits einen unterbewussten Automatismus entwickelt hat, mit dem man alle fünf Minuten abklärt, ob man sich schon wie Gregor Samsa in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat (Arme: check. Beine: check. Chitinpanzer: negativ. eklige, spillerige Beine: negativ. Gut.). Die einzige Alternative ist wohl das Fernsehen.

Eigentlich guckt man nicht, um zu sehen, was läuft. Vielmehr guckt man, um zu sehen, was sonst noch läuft. Es wird nach Herzenslust gezappt, bis die Knöpfe der Fernbedienung ihren Dienst quittieren. Das ständig niedergeschriebene Unterschichtenfernsehen entpuppt sich in einem solchen Zustand irgendwie als Goldquelle. Man muss sich in keinster Weise anstrengen, und sofern man nicht anfängt, das dargebotene Spektakel und die Protagonisten (Moderationspersonal eingeschlossen) ernst zu nehmen, kann es als Auflockerung ganz nett sein. Auch wenn man irgendwann anfängt, von Vaterschaftstests und übergewichtigen Subproletinnen zu träumen, die einem ein Kind anhängen wollen. Unschöner Nebeneffekt.

Als Aufheiterung, so denkt man zumindest, könnte ein Sitcom-Block ganz nützlich sein. Lachen soll ja schließlich die beste Medizin sein und mit etwas Glück stellt sich eventuell ein größerer genesender Effekt ein als bei den eingenommenen Schleimlösern. Doch bis auf die Ausnahme von Charlie Sheens «Two and a Half Men», dessen Privatleben in den letzten Wochen mittlerweile zu mehr Lachern führt als seine Comedyserie, ist das kabel eins-Nachmittagsprogramm diesem gesetzten Ziel wenig förderlich. Denn von «Eine schrecklich nette Familie» wird einem selbst schon nach zehn Minuten schlecht, wenn man sich bester Gesundheit erfreut, während man in den Doppelfolgen von «Rules of Engagement» auf keinen einzigen Lacher kommt.

Der Rest des TV-Programms? Fürchterlich langweilig. Bleibt das DVD-Regal. Und so schafft man es innerhalb von vier Tagen auf bemerkenswerte Weise, die beiden finalen Staffeln der «Sopranos» durchzuhauen. Irgendwie ist das doch auch eine Leistung.

Auch nächsten Freitag schließt sich mit 360 Grad wieder der Kreis.

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