Die erste Station auf meiner ungeschriebenen Liste der Abendunterhaltung führt mich zum Quotenkönig RTL. Ernüchtert lande ich im Werbeblock und lasse die neue Generation Fernsehspam über mich ergehen: Goldankauf, Werbung für das hauseigene Internetportal und den digitalen Spartenkanal «RTL Crime», herzverjüngende Margarine und Autoleasing. Im Anschluss sehe ich das Ende von «Cobra 11»; Verfolgungsjagd, Geiselbefreiung, Happy End, alles schon dutzende Male durchgekaut und wiederverwertet. Als ein Vorspann die neue RTL-Serie «Countdown» ankündigt, schalte ich schnell weiter.
Auf n-tv läuft statt der Nachrichten eine Reportage über die Golden Gate Bridge, die mich mäßig fesselt. Ich informiere mich ein, zwei Minuten über die Anfänge der Brückenbaukunst, dann wage ich mich in unsichereres Gewässer vor: Viva! Hätte ich geahnt, auf was ich mich einlasse, ich hätte diesen Soap gewordenen Musikkanal wohl großräumig von der Fernbedienung elimiert. Doch so finde ich mich inmitten einer quietschfidelen Jugendserie wieder. Ein Blick in den Teletext verrät, dass ich meine grauen Zellen gerade gegen Handlungsansätze der Serie «Zoey 101» eintausche. Mir erschließt sich der Sinn dieser von Miley Cyrus verseuchten Jugendkultur nicht und ich beschließe, neben Viva auch gleich das andere Übel deutschen Musikfernsehens zu besuchen - damit ich es hinter mir habe. MTV macht gegen halb zehn seinem Namen alle Ehre und zeigt - «Family Guy». Musik hatte ich sowieso nicht erwartet, von daher bin ich mit Peter, Lois, Megan, Chris, Stewie und Brian sehr zufrieden. Doch lange hält die Entspannung nicht an, denn schon bald folgt ein Werbeblock. Da MTV-Werbung noch schlimmer ist als Regionalfernsehen, ziehe ich weiter.
Es ist die perfekte Zeit, um mal bei RTL II vorbeizuschauen. Seit «Big Brother» verirre ich mich nur noch selten zum Münchner Sender, aber heute erwische ich das kleinere Übel. Der «It's Fun»-Generation wird eine Folge «Frauentausch» vorgesetzt. Der zusammengecasteten Milieustudie zwischen arbeitslosen, patriarchischen und adipösen Kettenrauchern mit staubiger Wohnung und gut situierten Arbeitnehmern mit Heiler-Welt-Reihenhaus und emanzipierter Ehefrau liegt das schöne Prinzip des Fremdschämens zugrunde. Nicht nur das Format, auch die erzwungene Effekthascherei belustigt für einige Minuten. Als zu den Klängen von Charlie Winstons «Like a Hobo» eine Messiewohnung gezeigt wird, greife ich zur Fernbedienung und zappe weiter.
Ich wünsche ihm aus vollem Herzen «Hals- und Beinbruch» auf Super RTL, kann der Geschmackverirrung des «Großen Upps-Windersportspecials» aber leider nichts abgewinnen und schalte weiter. Im BR summt Michl Müller (nie gehört) über Erlebnisse an der Fleischtheke, sein Publikum in einem alten Schlachthof, einer stillgelegten Molkerei oder einem sonstigen Kulturhaus amüsiert sich köstlich. Ich muss die Stimmungskanone leider verlassen, denn die Zeiger der Uhr bewegen sich stetig vorwärts und ich habe mir geschworen, mich einem ganz besonderen Projekt zu widmen. Zum Abschluss des Wahnsinns wage ich mich weiter in die verstaubten Tiefen vor und entdecke einen Sender, den ich noch nie bewusst geschaut habe: 9Live! Eine hibbelige Moderatorin sucht «Tiere mit exakt vier Buchstaben und A an zweiter Stelle» und weist auf den Gewinn von 150€ plus Geldleitung hin - damit ist sicher die horrend teure Telefonverbindung gemeint. Einige Minuten lasse ich Trommelwirbel, Countdowns und Seriositätsbekundungen über mich ergehen, während ich im Teletext der vollen Stunde entgegenfiebere. Als es 22 Uhr ist, bin ich froh, dass ich meine Stunde Wahnsinn überlebt habe.
• Frauentausch • Zoey 101 • N24
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