Deutschland diskutiert über längere Arbeitszeiten, den Sozialstaat, Bürokratieabbau und die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Tom Krebs hält einen erheblichen Teil dieser Diskussionen für Scheindebatten. In „Kapital und Krise: Wie Deutschland aus der Wirtschaftskrise findet – und wie nicht“ vertritt der Ökonom eine wesentlich grundsätzlichere These: Die Probleme lassen sich nicht mit einigen Steuererleichterungen, weniger Vorschriften oder mehr Arbeitsstunden beheben. Deutschland benötige vielmehr eine andere Wirtschaftsordnung.Schon der Aufbau macht deutlich, dass Krebs nicht nur eine weitere Bestandsaufnahme der deutschen Wachstumsschwäche vorlegen möchte. Der erste Teil seines Buches beschäftigt sich mit der Diagnose, der zweite mit dem Gegenentwurf. Dabei geht es zunächst um die Energiekrise, die Politik der Ampelregierung, den Kurs der schwarz-roten Bundesregierung und schließlich um die Verbindung von wirtschaftlicher und politischer Krise. Danach entwickelt Krebs seine „geplante Marktwirtschaft“ und wird bei Energie, Industrie, Stromnetzen, Wohnen, Bildung und Arbeitsmarkt konkret.
Ausgangspunkt ist eine ausgesprochen düstere Diagnose. Krebs bezeichnet die gegenwärtige Situation als schwerste deutsche Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit. Dabei misst er die Krise nicht allein daran, ob das Bruttoinlandsprodukt in einem bestimmten Jahr leicht wächst oder schrumpft. Entscheidend ist für ihn die enorme Lücke zwischen der tatsächlichen Wirtschaftsleistung und jener Entwicklung, die vor den Krisenjahren zu erwarten gewesen wäre.
Die Ursachen dafür sieht Krebs keineswegs nur im russischen Angriff auf die Ukraine, den Energiepreisen oder den Nachwirkungen der Corona-Pandemie. Im europäischen Vergleich hätten sich beispielsweise Frankreich und Spanien schneller ihrem früheren Wachstumspfad angenähert. Für Krebs wird damit aus einem externen Schock auch eine Geschichte wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen.
Besonders hart geht er mit der Ampelregierung ins Gericht. Zwei Fehler stehen für ihn im Mittelpunkt: eine zu große Scheu vor wirkungsvollen Preiskontrollen während der Energiekrise und eine zu restriktive Finanzpolitik. Für 2023 und 2024 kritisiert er, dass die Ausnahmeregel der Schuldenbremse nicht zur aktiven Krisenbekämpfung genutzt wurde. Die zusätzlichen staatlichen Stabilisierungsausgaben während der Energiekrise seien zudem deutlich geringer ausgefallen als während der Corona-Krise.
Interessant ist, dass Krebs seine Kritik keineswegs mit dem Regierungswechsel enden lässt. Schwarz-Rot bekommt mindestens ebenso viel ab. Zwar erkennt er an, dass die Schuldenregeln gelockert wurden und damit neue finanzielle Möglichkeiten entstanden sind. Doch die Prioritäten hält er für falsch. Ein großer Teil des zusätzlichen Spielraums fließe in Militärausgaben. Krebs bezeichnet den Kurs als „Militär-Keynesianismus“ und zieht Parallelen zur Wirtschaftspolitik Ronald Reagans: kreditfinanzierte Rüstungsausgaben treffen auf Unternehmensentlastungen, Forderungen nach mehr Arbeit und Kritik am Sozialstaat.
Sein Urteil fällt eindeutig aus. Höhere Rüstungsausgaben könnten zwar einen kurzfristigen konjunkturellen Impuls auslösen, seien aber kein überzeugender Motor für langfristiges Wachstum. Investitionen in andere Bereiche hält Krebs für wesentlich produktiver. Die Hoffnung, militärische Forschung werde über neue Technologien irgendwann auch der zivilen Wirtschaft helfen, reicht ihm ebenfalls nicht.
„Kapital und Krise“ ist jedoch vor allem deshalb interessant, weil Krebs nicht bei der üblichen Frage stehen bleibt, wie Deutschland wieder zwei Prozent Wirtschaftswachstum erreichen könnte. Er verbindet die ökonomische Entwicklung mit der politischen Stabilität. Wirtschaftliche Abstiegsängste und das Gefühl politischer Ohnmacht tragen seiner Auffassung nach zur Demokratiekrise bei. Solange die Politik keinen glaubwürdigen Weg aus der wirtschaftlichen Unsicherheit anbiete, werde auch das Vertrauen in die Demokratie leiden.
Entsprechend widmet er dem Aufstieg der AfD zwischen 2022 und 2026 ein eigenes Kapitel und bezieht auch kulturelle Erklärungen ein. Das ist wichtig, weil Krebs den politischen Rechtsruck nicht ausschließlich ökonomisch erklären möchte. Dennoch bleibt seine Grundannahme eindeutig: Materielle Unsicherheit schafft einen Nährboden, auf dem politische Radikalisierung leichter gedeihen kann. Das Buch verbindet diesen Zusammenhang wiederum mit der Klimakrise. Wirtschaft, Demokratie und Klimaschutz werden so nicht als drei voneinander getrennte Baustellen behandelt.
Spätestens in der zweiten Hälfte dürfte Krebs viele Leser herausfordern. Seine Antwort lautet „geplante Marktwirtschaft“. Der Begriff klingt zunächst nach Planwirtschaft, meint bei ihm aber ausdrücklich etwas anderes. Märkte sollen keineswegs abgeschafft werden. Der Staat soll vielmehr politische Ziele festlegen und wesentlich aktiver steuern, während Märkte dort weiterhin dezentrale Entscheidungen koordinieren, wo Wettbewerb sinnvoll funktioniert.
Damit wird „Kapital und Krise“ zu einem Plädoyer für einen gestaltenden Staat. Krebs fordert strategische Industriepolitik, eine andere Energiepolitik und umfangreiche Investitionen in die öffentliche Infrastruktur. Stromnetze und Wohnen erhalten eigene Abschnitte, ebenso Stahl und grüner Wasserstoff. Bei Bildung und Arbeitsmarkt geht es schließlich auch um eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und eine größere Rolle der Gewerkschaften.
Man muss diesen Vorschlägen keineswegs zustimmen, um das Buch gewinnbringend zu lesen. Im Gegenteil: Gerade weil Krebs eine klar erkennbare wirtschaftspolitische Position vertritt, bietet „Kapital und Krise“ reichlich Stoff zum Widerspruch. Der Autor versteckt seine Überzeugungen nicht hinter vermeintlicher Neutralität. Wer marktwirtschaftliche Lösungen grundsätzlich für überlegen hält, dürfte sich an zahlreichen Stellen an Krebs reiben.
Das ist zugleich eine Stärke des Buches. Krebs belässt es nicht bei der inzwischen beinahe ritualisierten Feststellung, Deutschland müsse „wettbewerbsfähiger“ werden. Er fragt, was das konkret bedeuten soll und wem bestimmte Reformen tatsächlich nutzen. Forderungen nach „schmerzhaften Reformen“ oder „notwendigen Zumutungen“ betrachtet er skeptisch, weil sie seiner Ansicht nach von den eigentlichen strukturellen Problemen ablenken.
Besonders lesenswert ist „Kapital und Krise“ deshalb für Menschen, die die derzeitige wirtschaftspolitische Diskussion aus einer anderen Perspektive betrachten möchten. Krebs liefert keine politisch unverfängliche Einführung in Volkswirtschaftslehre, sondern einen Gegenentwurf zum marktliberalen Denken, das er für einen wesentlichen Teil des Problems hält.
Damit ist das Buch auch eine Streitschrift über die Frage, welche Aufgaben ein moderner Staat überhaupt übernehmen sollte. Soll er lediglich Regeln festlegen und anschließend den Markt arbeiten lassen? Oder muss er Energieversorgung, Infrastruktur, Industrie und Transformation wesentlich stärker planen und gestalten? Tom Krebs entscheidet sich eindeutig für die zweite Variante.








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