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‚Cyberpunk»‘: Wenn Science-Fiction plötzlich ziemlich real wirkt

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Asma Mhalla blickt in „Cyberpunk“ auf KI, Tech-Konzerne und die Zukunft unserer Demokratie.

Mit „Cyberpunk: Das neue totalitäre System“ hat die französische Politikwissenschaftlerin Asma Mhalla eines der derzeit spannendsten Bücher über Künstliche Intelligenz, Tech-Konzerne und politische Macht geschrieben. Gerade einmal 137 Seiten benötigt sie für ihre Diagnose einer Welt, in der sich staatliche und technologische Macht immer stärker miteinander verbinden. Das ist kurz, prägnant und vor allem ausgesprochen kurzweilig, auch weil Mhalla ihre Gedanken nicht in endlosen Kapiteln ausbreitet, sondern ihre Thesen schnell auf den Punkt bringt.

Das Buch war bereits in Frankreich ein großer Erfolg, ehe es im Juli 2026 in deutscher Übersetzung von Stephanie Singh bei C.H.Beck erschienen ist. Der Titel „Cyberpunk“ ist dabei keineswegs nur ein modisches Schlagwort. Mhalla nutzt das Science-Fiction-Genre vielmehr als Folie, um die politischen und technologischen Veränderungen der Gegenwart zu erklären. Statt immer wieder die Entwicklungen der 2020er-Jahre mit den 1920er- oder 1930er-Jahren zu vergleichen, schlägt sie einen anderen Weg ein. Wer verstehen möchte, wohin sich unsere Gesellschaft bewegt, sollte ihrer Ansicht nach eher «Blade Runner» oder «Matrix» anschauen.

Das klingt zunächst nach einer etwas gewagten Konstruktion, funktioniert im Buch aber erstaunlich gut. Denn die dystopischen Science-Fiction-Welten erzählen häufig von einer Gesellschaft, in der mächtige Unternehmen und staatliche Institutionen kaum noch voneinander zu trennen sind. Technologie erleichtert dort nicht einfach das Leben, sondern wird zum Instrument der Kontrolle. Daten werden zur Machtressource, während Algorithmen darüber entscheiden, was Menschen sehen, wissen und letztlich vielleicht sogar denken.

Mhalla spricht in diesem Zusammenhang von einem neuen technopolitischen System. Ihre zentrale These ist, dass sich im 21. Jahrhundert eine Art zweiköpfiges Herrschaftsmonster entwickelt. Auf der einen Seite steht die Politik mit ihren Wahlen, Inszenierungen, öffentlichen Debatten und medialen Auftritten. Auf der anderen Seite entsteht eine technologische Infrastruktur, die immer tiefer in den Alltag der Menschen eingreift. Künstliche Intelligenz, soziale Netzwerke, Datenanalyse und digitale Plattformen sind für Mhalla deshalb längst keine rein wirtschaftlichen oder technischen Fragen mehr.

Gerade dieser Gedanke macht „Cyberpunk“ so aktuell. Die großen Tech-Unternehmen verfügen über eine Macht, die vor wenigen Jahrzehnten kaum vorstellbar gewesen wäre. Sie kontrollieren Kommunikationsplattformen, sammeln riesige Datenmengen und entwickeln die KI-Systeme, die künftig noch größere Teile unseres Alltags bestimmen könnten. Gleichzeitig sind Staaten auf die Infrastruktur und das Wissen dieser Unternehmen angewiesen. Wo endet also private wirtschaftliche Macht und wo beginnt politische Herrschaft?

Mhalla sieht genau in dieser Vermischung eine Gefahr für die liberale Demokratie. Das totalitäre System, vor dem sie warnt, muss nicht zwangsläufig wie eine klassische Diktatur aussehen. Es braucht keine uniformierten Massen auf den Straßen und möglicherweise nicht einmal die Abschaffung von Wahlen. Kontrolle kann sehr viel subtiler funktionieren: über technische Systeme, Abhängigkeiten, Daten und die Steuerung von Aufmerksamkeit.

Dabei ist „Cyberpunk“ kein klassisches Buch über Künstliche Intelligenz. Wer eine Einführung in Sprachmodelle, Algorithmen oder die Funktionsweise neuronaler Netze sucht, ist hier falsch. Mhalla interessiert sich für die politische Dimension der Technologie. Sie fragt, wer diese Systeme besitzt, wer sie kontrolliert und welche Macht daraus entsteht. KI ist für sie deshalb Teil einer sehr viel größeren Entwicklung.

Das große Plus des Buches ist seine Kompaktheit. Die Kapitel sind kurz und prägnant. Mhalla hält sich selten lange mit einem Gedanken auf, sondern entwickelt ihre Argumentation mit hohem Tempo weiter. Dadurch lassen sich die 137 Seiten ausgesprochen schnell lesen. Gleichzeitig verlangt der Text durchaus Aufmerksamkeit, denn hinter manchen kurzen Abschnitten stecken Ideen, über die man wesentlich länger nachdenken kann, als man für ihre Lektüre benötigt.

Natürlich ist genau diese Kürze zugleich eine Schwäche. An manchen Stellen hätte man gerne noch einige Seiten mehr gelesen. Mhalla stellt große Thesen über Demokratie, Kapitalismus, Technologie und Macht auf, kann sie in diesem Umfang aber nicht immer ausführlich entwickeln. „Cyberpunk“ ist deshalb eher ein pointierter Essay als eine umfassende Untersuchung der technologischen Gegenwart. Wer nach Hunderten Seiten Belegen, Fallstudien und Gegenargumenten sucht, dürfte gelegentlich etwas mehr Tiefe vermissen. Doch vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieses Buches. Mhalla will keinen enzyklopädischen Überblick über KI liefern. Sie möchte einen Gedanken in die politische Debatte werfen: Wir sollten Technologie nicht länger als etwas betrachten, das neben der Politik existiert. Die digitale Infrastruktur ist selbst politisch geworden.

Besonders interessant ist dabei ihr Verzicht auf die üblichen historischen Vergleiche. Während politische Entwicklungen derzeit schnell mit der Zwischenkriegszeit oder dem Aufstieg des Faschismus verglichen werden, behauptet Mhalla, dass diese Analogien möglicherweise den Blick auf das eigentlich Neue verstellen. Die Macht des 21. Jahrhunderts funktioniert anders. Deshalb benötigt man womöglich auch andere Bilder, um sie zu verstehen. «Blade Runner» und «Matrix» sind dafür natürlich plakative Beispiele. Doch sie machen unmittelbar verständlich, worauf Mhalla hinauswill: auf Gesellschaften, in denen Menschen von technologischen Strukturen umgeben sind, deren Funktionsweise sie kaum noch durchschauen und deren Kontrolle bei wenigen mächtigen Akteuren liegt.

„Cyberpunk: Das neue totalitäre System“ gehört damit zu den derzeit interessantesten Büchern über die politischen Folgen des technologischen Umbruchs. Gerade wer sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, aber keine weitere technische Einführung lesen möchte, bekommt hier eine völlig andere Perspektive geboten.

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