Interview

Stefan Jürgens in der Corona-Zeit: ‚Um Sicherheit ist es mir nie gegangen‘

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Der 57-Jährige verlässt die erfolgreiche ZDF-Serie «SOKO Wien». Quotenmeter sprach mit Jürgens über seine Beweggründe.

14 Jahre spielte Stefan Jürgens (57) in der Krimiserie «SOKO Wien» den Kriminalisten Major Carl Ribarski. Doch nun verabschiedet sich der gebürtige Nordrhein-Westfale von der Rolle, um sich wieder mehr anderen Dingen widmen zu können und nach neuen Rollen Ausschau zu halten. Auch als Musiker will sich Jürgens noch intensiver betätigen. 2020 hat er den KLANG.Stall gegründet, um in Corona-Zeiten mit seiner Band trotzdem Konzerte geben zu können. Im Interview erzählt von seinem Serienabschied und warum er für das Streamen seiner Konzerte trotzdem Eintritt (€ 9,99) verlangt.

Vor «SOKO Wien» waren Sie zwei Jahre lang als Berliner «Tatort»-Kommissar unterwegs. Anscheinend waren Sie dann aber lieber in Wien als in Berlin auf Verbrecherjagd…
Ach, beide Städte haben ein schönes Potential an Schurken. Beides sind Weltstädte, jedoch mit verschiedenem Flair und Mentalität. In Wien habe ich es natürlich viel länger ausgehalten, weil sich das in Berlin anders ergeben hat. Letztlich war es eine Chemie-Frage.

Das heißt?
Das gesamte Umfeld und die gesamte Arbeit waren aus meiner Sicht nicht positiv genug. Wir haben zwei Jahre miteinander gearbeitet, aber es gab vieles, was ich nicht hundertprozentig tragen konnte. Hinzu kam, dass wir sechs Filme in noch nicht mal zwei Jahren drehen mussten. Da hatte ich wirklich für nichts mehr für anderes Zeit. Unterm Strich hat es dann einfach nicht mehr gepasst. Manche haben mich für bekloppt erklärt, passiert jetzt aber auch.

Weil Sie «SOKO Wien» hinter sich lassen?
Viele fragen: Wie kannst du zu Corona-Zeiten so einen sicheren Job aufgeben? Um Sicherheit ist es mir aber nie gegangen. Klar habe ich auch eine große Familie, aber ich habe immer nach der Maxime gelebt, es geht nur mit Lust und Liebe, dann passiert auch mal was.

Wohnhaft sind Sie sowohl in Wien als auch in Berlin. Wie geht das?
In Wien habe ich durch die Arbeit jedes Jahr immer knapp sechs Monate verbracht. Da fühlt man sich in so einer Stadt auch irgendwann heimisch und hat eine eigene Wohnung. Dennoch ist Berlin mein erster Wohnsitz, auch wenn ich meine Wohnung hier viel seltener gesehen habe als in Wien. Ich fühle mich seit über 21 Jahren als Wahlberliner, der hier Zuhause ist.

Zukünftig sind Sie also wieder öfters und länger in Berlin?
Mit meiner Entscheidung ist damit auch eine große Freude entstanden, wieder hier zu sein und den nächsten Sommer in Berlin zu erleben. Das habe ich früher immer sehr genossen, aber in den letzten zehn Jahren war die Hauptdrehzeit in Wien immer im Sommer. Jetzt geht es mir so, dass ich in meiner Stadt viel wiederentdecken muss.

Neben der Schauspielerei haben Sie sich auch als Musiker einen Namen gemacht. Werden Sie auch dahingehend wieder mehr machen wollen?
Gottseidank ist dieser Bereich schon im Laufe der letzten Jahre noch mehr gewachsen. Als Schauspieler hatte ich das große Glück gehabt, seit meinem 19. Lebensjahr durchbeschäftigt gewesen zu sein. Ich war nie arbeitslos, was aber bedeutete, dass der Musiker zurückstehen musste. Erst durch die Sicherheit mit «SKO Wien» im Hintergrund, konnte ich mich wieder mehr der Musik widmen, Alben produzieren und auf Tour gehen.

Was hat es mit KLANG.Stall auf sich?
Bereits im letzten Lockdown habe ich verzweifelt bei mir draußen in Brandenburg gesessen und mich gefragt, wie geht das jetzt weiter. Da ist mir die Idee gekommen, meinen alten Kuhstall umzubauen, um meiner Band und mir eine Konzertmöglichkeit für unsere Fans draußen zu geben. Daraus ist ein Sendekonzept mit Gästen entstanden mit dem Ziel eine Alternative zu bieten.

Dafür verlangen Sie ein Eintrittsgeld…
Ja, es hat sich so eine Mentalität des ‚Alles ist umsonst‘ entwickelt, zu der wir alle beigetragen haben. Deshalb meine ich das auch nicht anklagend, aber gerade jetzt merken wir, dass ein ganzer Berufsstand zum Betteln verurteilt wird. Als hätten wir Künstler zu betteln. Wir leisten und leben davon. Jeder Fernsehabend, jedes Musikereignis, jede Lesung, jeder Clownsauftritt zum Kindergeburtstag erzeugen lebensfördernde Berufe.

Die aber gerade zum Nichtstun verdammt sind…
Wenn ich schon das Wort systemrelevant höre, gehe ich an die Decke. Es wird einfach Zeit, dass wir uns alle wieder solidarisch zeigen und dazu gehört auch, die Kultur und die Kunst ernst zu nehmen als gesellschafts- und friedensstiftende Maßnahmen. Ohne Kultur und Kunst sind wir Nordkorea – ich bleib‘ dabei!

Wie genau funktioniert nun der KLANG.Stall?
KLANG.Stall ist ein klares Bekenntnis dafür, mit der eigenen Leistung Geld zu verdienen. Unsere KLANG.Stall-Konzerte können gestreamt werden und dauern etwa 45 bis 60 Minuten. Abgefilmt in hochauflösenden Bildern mit tollem Sound und wunderbaren Musikern. Dafür bezahlt der Streaming-Kund zehn Euro. Da kann man wohl wirklich nicht meckern, oder?

Wann wird das nächste Konzert ausgestrahlt?
Wir haben die Produktion noch bis Ende Oktober gestemmt. Natürlich ohne Zuschauer und nur mit hygienekonzeptionell eingebundenen Mitarbeitern. Die bis Ende Oktober aufgezeichneten Konzerte versenden wir jetzt bis Mai. In diesem Rhythmus arbeiten wir jetzt erst mal in der Hoffnung, dass wir Mitte April wieder eine Situation in diesem Land finden, in der wir anfangen können, wieder Leute einzufangen.

KLANG.Stall wird also auch nach dem Lockdown weitergehen?
Auf jeden Fall! Wir ziehen das jetzt durch und sind jetzt sogar dabei, Gespräche mit den ersten Fernsehsendern zu führen. Denn unser Konzept ist professionell ausgearbeitet und ich wollte damit auch etwas kreieren, dass unserer Branche eine neue Möglichkeit gibt, wieder medial aufzufallen. In den vergangenen 30 Jahren sind ja alle Sendungen, in denen Musik gemacht wurden, aufgrund des Quotendrucks eingestampft worden sind. Dann spielen wir im Kuhstall auch gern vor einem echten Publikum.

Danke für Ihre Zeit.

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