Interview

Sesede Terziyan: „Was Diversität anbelangt, sind wir lange noch nicht an dem Punkt, dass wir unsere Gesellschaft realitätsnah abbilden"

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Am Dienstag startet die neue «WaPo Berlin»-Staffel. Mit dabei ist Sesede Terziyan, die im Quotenmeter-Interview verrät, worauf sich die Fans in den neuen Folgen freuen dürfen. Außerdem verrät sie, was sie woran sie aktuell am Maxim Gorki Theater arbeitet, zu dessen Ensemble sie gehört.

Frau Terziyan, bei «WaPo Berlin» wurden neben den Kriminalhandlungen auch gesellschaftliche Aspekte thematisiert. Auf welche Themen kann sich der Zuschauer in der zweiten Staffel einstellen?
Wir bekommen einen Einblick der Regattawelt der Olympiasportler, wir lernen die Schattenseiten der Apothekerwelt kennen, ein Kanuverleih meldet eine Vermisstenanzeige, gleichzeitig finden wir einen unbekannten Toten, in einem Jugendclub bekommen wir einen Eindruck was Breakdance bedeuten kann, wir begeben uns in die Datschenwelt mitten in der Hauptstadt... und dann wird auch noch ein Krokodil in den Berliner Gewässer entdeckt. Es wird abwechslungsreich und spannend.

Das Thema Polizei-Brutalität war vor allem in den USA im vergangenen Jahr omnipräsent. Wurde dieser Aspekt auch aufgegriffen?
Nein, das Thema Polizei Brutalität wird in der zweiten Staffel der WAPO nicht aufgegriffen.

Der Cast der «WaPo Berlin» ist außer Ihnen und Hassan Akkouch doch mit typisch deutschen Gesichtern besetzt, obwohl Berlin doch so eine stark multikulturelle Stadt ist. Würde der Sendung nicht noch ein bisschen mehr Diversität gut zu Gesicht stehen?
Was ist denn für sie typisch deutsch? Bei Hassan und bei mir ist durch das Aussehen und den Namen ganz offensichtlich, dass wir einen anderen Hintergrund haben. Oska Melina Borcherding in unserem Team ist Halb-Griechin, muss man es deshalb gleich explizit benennen?! Auch haben wir Jerry Kwarteng als Hausmeister der Wache fest im Team. Außerdem können sich die Zuschauer in der zweiten Staffel auf tolle Gäste gefasst machen: Vedat Erincin, Maradona Akkouch und viele mehr... Was Diversität angeht, sind wir ziemlich gut aufgestellt.

Macht es für Sie einen Unterschied, ob Ihre Sendung um 18:50 Uhr oder um 20:15 Uhr läuft? Wenn Sie die Wahl hätten: Was wäre Ihnen lieber?
Für mich sind die Menschen wichtig, mit denen ich zusammenarbeite. Ich möchte ein gutes Team um mich herum haben, die sich wertschätzen und Freude miteinander haben und eine gute Arbeitsatmosphäre pflegen. Und wenn dann auch noch der Inhalt passt, dann ist mir der Sendeplatz völlig egal.

«Minari» darf nur als ‚Bester Internationaler Film‘ bei den Golden Globes ausgezeichnet werden, obwohl der Film vom amerikanischen Traum handelt. Die Begründung der Jury verweist auf die hohen koreanisch-sprachigen Dialoganteile. Die Begründung wirkt etwas aus der Zeit gefallen. Hinkt man in Deutschland da genauso hinterher?
Für mich fühlen sich diese Sparten-Aufteilungen überholt an. Welche Kriterien werden dabei eigentlich vorausgesetzt? Entsprechen diese Strukturen noch den heutigen Entwicklungen, Veränderungen und Ansprüchen? Und wer bestimmt diese eigentlich? Zu Zeiten von Netflix und Co ist so vieles im Umbruch. Die deutsche Produktion „Deutschland 83/86/89 hat zum Beispiel in den USA einen Riesen Erfolg gefeiert. Ist es dann nicht egal ob national oder international? Werden Dialoganteile gezählt? Ich kann diese Frage nur mit mehreren Fragen erweitern.

Können Sie sich vorstellen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender irgendwann beispielsweise türkischsprachige Serien oder Filme produzieren lassen und diese dann in Originalsprache untertitelt versendet?
Bleiben wir mal bei Schritt eins. Was zum Beispiel Diversität anbelangt, sind wir lange noch nicht an dem Punkt, dass wir unsere Gesellschaft realitätsnah abbilden. Es wird noch viel zu sehr klischeehaft besetzt. Es wäre auch wünschenswert, dass mehr Kollegen und Kolleginnen mit eigenen Erfahrungen was beispielsweise Diversität anbelangt, präsenter in der Stoffentwicklung sind, um in einen echten Austausch zu kommen und der gesellschaftlichen Abbildung gerecht zu werden. Und was ist eigentlich mit der Frauenquote? Und wie sieht überhaupt das Frauenbild aus, dass uns im deutschen Fernsehen präsentiert wird? Wir sind auf dem Weg aber eben noch nicht weit genug.

Neben der Sendung im Ersten sind Sie seit der Spielzeit 2013/2014 Mitglied des Ensembles am Maxim Gorki Theater in Berlin. Wie viele Aufführungen hatten Sie eigentlich im vergangenen Jahr?
Im Corona Jahr habe ich meinen Rekord mit den wenigsten Vorstellungen der letzten Jahre gebrochen: Es waren fünf. Das ist für uns alle sehr traurig.

Das Angebot eines Livestreams – wie es das am Maxim Gorki Theater gibt – der Theater-Aufführung ist eine gute Idee. Ist es für Sie auf der Bühne nicht dennoch komisch vor einem leeren Saal zu spielen? Oder vergisst man das fehlende Publikum irgendwann?
Einerseits kann ich das Wort ‚Streamen‘ nicht mehr hören, andererseits freue ich mich über die Möglichkeit so mit den Zuschauern in Kontakt zu bleiben. Nein, man vergisst sein Publikum nicht! Das Spielen vor einem fast leeren Raum macht traurig. Es hinterlässt eine Leere. Ich brauche das Publikum als Energieaustausch: Ihre Reaktionen, sei es ihr Lachen, ihre Empörung. Es ist immer eine gemeinsame Vorstellung und die Zuschauer spielen eben auch eine große Rolle darin.

Aktuell arbeiten Sie an einem neuen Projekt, das sich mit in der Türkei Inhaftierten beschäftigt. Können Sie darüber mehr erzählen?
Can Dündar, ein türkischer Journalist, erzählt zwölf Geschichten von politischen Gefangenen in der Türkei ausgehend von alltäglichen Objekten. Hakan Savac Mican hat das Konzept erstellt und Regie geführt.

Worum geht es in diesen zwölf Texten? Sind sie so tragisch, wie man es erwarten könnte? Oder sprühen sie gar vor Lebenslust?
Weder noch. Sie erzählen davon, dass die Gedanken frei sind und man Kreativität nicht einsperren kann – sie findet immer Ihren Weg nach draußen. Zehra Dogan zum Beispiel, Künstlerin und Journalistin, hat sich im Gefängnis ein verbotenes Atelier eingerichtet. Aus Lebensmitteln, Medikamenten und allem, was sie finden konnte, stellte Sie Farben her, Pinsel aus eigenem Haar oder Taubenfedern. Ihre Leinwand waren unter anderem die Körper von Mitinsassinnen, die bald freikommen würden. Sie malte ihnen ihre Bilder auf den Rücken. Draußen wurden diese dann abfotografiert. Und so wurden Zehra Dogans Bilder ausgestellt, während sie noch im Gefängnis saß. Dies ist nur eine Geschichte von elf weiteren. Ab dem 25. Februar kann man die Arbeit im Gorki Kiosk sehen.

Am Dienstag, den 26. Januar geht es um 18:50 Uhr im Ersten los mit der zweiten Staffel «WaPo Berlin». Das Erste zeigte die Sendung immer dienstags.

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