«Escape Room» trifft «Hostel» – mit dieser kruden Mischung geht Regisseur Will Wernick Mitte August auf Zuschauerfang. Dass er damit weit und breit als einziger das Horrorgenre bespielt, dürfte seinem «Follow Me» ordentliche Zahlen bescheren.
Schon lange bevor in «Follow Me» Arme abgesägt und Kehlen durchgeschnitten werden, strapaziert der hier auch als Autor zuständige Will Wernick die Nerven seines Publikums. Die Einführung seiner zugegebenermaßen auch bewusst ätzend angelegten Hauptfiguren – insbesondere von Influencer Cole – gerät maximal unangenehm. Nach einer im Vlog-Stil gefilmten Jump-Cut-Überdosis bekommen wir erst einmal zu sehen, wie geil sich der im Internet als Videostar abgefeierte Möchtegern-VIP vorkommt, als seine Followerzahlen einen neuen Höchstwert erreichen. Das ist für Zuschauer abseits der Zielgruppe dann eben genauso anstrengend, wie es Videoclips derart von sich selbst überzeugter YouTube-Stars auch wirklich sind. Diese Attitüde lebensecht einzufangen, beherrscht Will Wernick hervorragend. Und auch sein Hauptdarsteller Keegan Allen («Pretty Little Liars») macht einen hervorragenden Job.
Dass Will Wernick ein solch modernes Thema und fast schon altbackene Torture-Porn-Mechanismen kombiniert, klingt nach einem spannenden Experiment. Zumal die Figuren in «Follow Me» auch allesamt so unausstehlich sind, dass man es als Zuschauer – so zynisch es klingen mag – fast schon genießen kann, wenn hier endlich die tödlichen Fallen und Folterknechte aufs Parkett treten. Dieses Prinzip hat ja schon in «Saw» oder – noch früher – in den unzähligen Teenie-Splatterfilmen funktioniert. Doch wenn es so weit ist, kocht Wernick eigentlich nur auf, was vor einigen Jahren mal en vogue war; Selbst die Ausgangslage einer Gruppe von US-amerikanischen Jugendlichen, die in ein osteuropäisches Land reisen und hier – salopp formuliert – die Schattenseiten des Tourismus kennenlernen, ist eins zu eins aus «Hostel» übernommen. Genauso wie die Instrumente, in die Cole und seine Freunde wahlweise gesperrt oder mit denen sie gepiesackt werden.
Visuell dürfte für «Follow Me» ebenfalls «Hostel» Pate gestanden haben. Das matschige Grau-Braun, in dem sich die Twens hier durch den an Schlachträume und Folterkeller erinnernden Escape Room kämpfen (Kamera: Jason Goodell, «Ouija: Ursprung des Bösen»), lässt die Ereignisse auf der Leinwand zu jeder Zeit hässlich und unangenehm erscheinen. Ein Abenteuerflair wie in Will Wernicks «Escape Room» weicht hier blankem Terror – die Idee der Rätselgefängnisse spielt schon bald keine Rolle mehr, da der Film von Anfang an keinen Hehl draus macht, dass hier etwas gewaltig schiefläuft. Doch war der Bruch zwischen den reißerisch-gut-gelaunten Internetvideos hin zum Hardcore-Horrorszenario in der ersten halben Stunde noch ganz spannend, verläuft ab sofort alles in geregelten Genrebahnen – selbst das plötzliche Auftauchen der maskierten Schlächter sorgt schon längst nicht mehr für Gänsehaut. Einfach weil es so vorhersehbar ist, dass man wieder einmal viel eher die jugendlichen Opfer dafür rüffeln möchte, weshalb sie sich nicht einfach umgedreht oder rechtzeitig versteckt haben. Ob man die Macher nun trotzdem dafür loben möchte, dass sie für das Jahr 2020 etwas Neues ausprobiert haben, oder man doch eher das Bedienen an veralteten Motiven hinterfragt, bleibt jedem selbst überlassen. In diesem Jahr ist «Follow Me» zumindest konkurrenzlos.
Cole (Keegan Allen) und seine Freundin Erin (Holland Roden).


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19.08.2020 12:52 Uhr 1