Trey Edward Shults zieht es nach seinem Ausflug ins Horrorkino erneut ins Dramafach. «Waves» ist ein gleichermaßen impulsives wie mitreißendes Porträt einer aus den Fugen geratenen Familie.
Dass «Waves» ursprünglich mal ein Musical werden sollte, ist dem 135-minütigem Mammutwerk anzumerken. Pausenlos dröhnen hier irgendwelche Pop-, RnB- und Rap-Songs aus den Boxen, die den Gefühlszustand der Haupt- und Nebenfiguren möglichst treffend unterstreichen sollen. Besonders subtil geht es dabei nie zu; hin und wieder beschreiben sogar die Lyrics explizit, was dieser oder jener Charakter wohl gerade denken mag. Dabei werden aggressive Beats, die das innere Aufgewühltsein Tylers betonen sollen, schon mal besonders laut aufgedreht. Ruhige, melancholische Klänge bilden dagegen eher ein Hintergrundrauschen, das Trent Reznor und Atticus Ross («Mid90s») mit ihrem zurückhaltenden Instrumentalscore zusätzlich umspielen. Das große Song-Repertoire ist definitiv ein weiterer Protagonist in «Waves», genauso wie die malerische Kameraarbeit von Drew Daniels (führte auch schon die Kamera bei «It Comes at Night»). Dieser sieht man ihre Anleihen an Trey-Edward-Shults-Mentor Terrence Malick («Song to Song») deutlich an.
So sehr sich in den Leinwandpanoramen schwelgen lässt, als so wenig zugänglich erweist sich Hauptcharakter Tyler. Dabei ist seine Figur eigentlich eine im Kino gar nicht so selten vorkommende: Der eher den Traum seines ehrgeizigen Vaters denn seinen eigenen lebende Sportler entspricht dem Stereotyp des „Eislaufkindes“ doch durch seine eigene Verbohrtheit auf sportliche Erfolge wirkt seine Figur unnahbar bis hin zu spröde; schon früh reist ihn indes ein Schicksalsschlag aus der Bahn, den die Macher zum Anlass nehmen, ihren Protagonisten in seinen Strudel aus tragischen Ereignissen zu schleudern, bis Tyler ab der Mitte des Films kaum mehr eine Rolle spielt. Mit seiner radikalen Verlagerung des erzählerischen Schwerpunkts von Tyler hin zu seiner kleinen Schwester Emily, über die man die vorherige Dreiviertelstunde so gut wie nichts erfährt, geht Shults gewiss ein Wagnis ein. 
Zum Leben erweckt wird der Film neben seiner audiovisuellen Ausgestaltung von seinen Hauptdarstellern. Dafür greift Trey Edward Shults vorwiegend auf solche Gesichter zurück, die sich im US-amerikanischen Mainstreamkino bislang (noch) nicht vollends etabliert haben respektive eher in Nebenrollen zu sehen sind. Das Ergebnis: Authentizität. Kelvin Harrison Jr. («Assassination Nation») legt eine immense Wucht in die Verkörperung seiner Rolle. Lediglich in kurzen, intimen Gesprächen mit seiner Freundin Alexa, mehr aber noch mit seiner Schwester Emily scheint auch seine emotionale Zerbrechlichkeit durch, die er ansonsten so gut mit seinen Muskelbergen zu überspielen weiß. Wenn in der zweiten Filmhälfte Taylor Russel («Escape Room») alias Emily den erzählerischen Fokus für sich beansprucht, bilden sie und ihr von Lucas Hedges («Ben is Back») gespielter Schulfreund Luke einen beruhigenden Gegenpol zu den zuvor von einem hohen Tempo, lauter Musik und ständiger Anspannung geprägten Kinobildern, die Taylors Gedankenwelt abbildeten. 

• It Comes at Night • Krisha • Waves • Mid90s • Song to Song • Assassination Nation • Escape Room • Ben is Back
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