Nicht nur Netflix produziert Filme, auch Streaming-Mitbewerber Amazon ist im Filmgeschäft – und der entlässt sogar einen Großteil seiner Filme regulär ins Kino. Wie «The Report».
Zu sagen, «The Report» nähme also keine klar erkennbare Position zu den Foltervorwürfen gegen die CIA (unter anderem im Abu-Ghuraib-Gefängnis) ein, würde der Penibilität, mit der Scott Z. Burns hier die wahren Ereignisse nacherzählt, jedoch nicht gerecht werden. Was er allerdings tut, ist den Fokus wegrücken von der moralischen Frage. Stattdessen macht er sich die journalistische Arbeit seines Protagonisten zum Fokus und erlaubt sich hierfür eine noch nahbarere, bisweilen sehr persönliche Perspektive; anders als etwa Tom McCarthy im ähnlich angelegten «Spotlight». In dem Oscar-nominierten Drama rund um die Aufklärung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche von Boston verließ sich der Filmemacher auf eine fast dokumentarische Nacherzählung, für die der persönliche Background der Reporter keinerlei Rolle spielte. Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams und Liev Schreiber blieben in «Spotlight» vollends auf ihre Funktion als Journalisten reduziert – und das machte in diesem Zusammenhang absolut Sinn, denn bei vier im Fokus stehenden Hauptfiguren hätte eine Emotionalisierung im Privaten das eigentliche Thema in den Hintergrund rücken können.
Um diese Auswüchse des Skandals zu veranschaulichen, greift Scott Z. Burns bisweilen auf rabiate Mittel zurück. Ganz ohne voyeuristische, geschweige den die Gewalt zelebrierende Aufnahmen sorgt Kameramann Eigil Bryld («Tulpenfieber») für in ihrer Nüchternheit umso erschreckender erscheinende Bilder, für die Burns einige besonders heftige Foltermethoden visualisiert. Doch noch weniger als die hier gezeigte Gewalt ist die Nüchternheit, mit der die dato anwesenden CIA-Männer die ihnen vorgesetzten Opfer (und Täter?) folterten. Hier gelingt Burns eine aussagekräftige Antithese zur Eröffnungssequenz vom thematisch eng verwandten «Zero Dark Thirty», in dem die Folterer vorwiegend aus diese Taten genießenden Vaterlandsgefolgsmännern bestanden. Zu sehen, wie die Ausübung von Gewalt die absolute Routine darstellt, ist von viel größerer Aussage und unterstreicht letztlich auch die gesamte Inszenierung von «The Report»: Scott Z. Burns geht es mit seinem Film nicht darum, möglichst spektakulär einen Politskandal zu inszenieren und das Publikum mit Effekthascherei zu schockieren. Sein Film funktioniert genau über das Gegenteil.
Dass dieser Ansatz so hervorragend funktioniert (und «The Report» ganz nebenbei nicht nur zu einem der wichtigsten, sondern auch zu einem der spannendsten Filme 2019 macht), liegt nicht zuletzt an der auf den Punkt abgelieferten Performance von Adam Driver. Der sich seit einigen Jahren als absoluter Tausendsassa entpuppende Mime (allein in diesem Jahr ist er neben «The Report» sowohl in einer Zombiekomödie, in einem herben Scheidungsdrama sowie in einer Big-Budget-Weltraumoper zu sehen) hält sich hier mit den großen Gesten zurück und geht voll und ganz als gleichermaßen zurückhaltender wie hochengagierter Journalist auf, der einzig und allein dem Ziel nachjagt, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Die kurzen aber prägnanten Momente des Zweifels macht Driver ebenso greifbar wie seine vom Ehrgeiz angetriebenen Stunden und Wochen der Recherche, in denen er sich von seiner Außenwelt abgrenzt und bisweilen fast in eine Manie verfällt, aus der er sich zu Gunsten der Sache jedoch stets im richtigen Moment befreien kann. Sein Daniel J. Jones ist widersprüchlich aber nie unglaubwürdig – kurzum: menschlich. 

• Amazon • The Report • Side Effects • Die Geldwäscherei • Der Informant • Spotlight • The Dead Don’t Die • Tulpenfieber • Zero Dark Thirty
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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
22.12.2019 18:17 Uhr 1
31.12.2019 16:37 Uhr 2
der Film handelt nicht von einem investigativen Journalisten. Daniel Jones war als Beamter mit dem Bericht betraut. Das tut dem Film selbst keinen Abbruch, der Rezension allerdings schon, denn das ist doch ein substantieller Unterschied. Vielleicht mögen Sie es ändern.
Herzliche Grüße