Vermischtes

Lotterien verlieren stetig Spieler – stirbt eine deutsche Fernsehtradition?

Die älteren Mitmenschen kennen es vielleicht noch. Jeden Samstag, oft auch mittwochs, musste der Fernseher zur Lottoziehung eingeschaltet werden.

Man saß zusammen, beäugte argwöhnisch den Lottoschein in der eigenen Hand und hoffte, dass die Lottofee die richtigen Zahlen zog – die, die man selbst getippt hatte. Allerdings scheint es, als sterbe diese Tradition aus. Nicht nur im heimischen Wohnzimmer, sondern vor allem in den Lotto-Annahmestellen. Die staatlichen Lotterien verlieren ihre Spieler, wenn auch nicht in beunruhigend großer Anzahl. Aber stimmt das?

Woher kommt das schwindende Interesse?
Statistisch betrachtet sieht der Vergleich zwischen 2015 und 2019 gar nicht so massiv aus:

2015:
Regelmäßige Spieler: 8,65 Millionen
Gelegenheitsspieler: 22,16 Millionen
Keine Spieler: 38,43 Millionen

2019:
Regelmäßige Spieler: 7,29 Millionen
Gelegenheitsspieler: 22,39 Millionen
Keine Spieler: 40,91 Millionen

Diese Zahlen gelten rein für die staatlichen Lottospiele und für Toto. Dennoch fehlt in nur drei Jahren eine ganze Million an Spielern. Aber warum eigentlich? Einige Gründe:
- Generationswechsel – das klassische Lottospiel »6 aus 49« spricht die jüngere Generation einfach nicht mehr in dem Maße an. Zumal dieses gemeinsame Mitfiebern entfällt. Wer Lotto spielt, der macht das eher zwischendurch und erhält halt eine Benachrichtigung, wenn er gewonnen hat.

- Eurojackpot – dieser wird in den obigen Zahlen gar nicht gewertet. Da viele Spieler durchaus aufs Geld schauen, wird schon überlegt, ob ein Feld beim Lotto oder eines beim Eurojackpot getippt wird.

- Alternativen – zudem darf nicht vergessen werden, dass Spieler weltweit die Möglichkeit haben, an anderen Lotterien teilzunehmen. Das Lottospiel steht nicht mehr allein auf weiter Flur, es gibt Konkurrenz aus Europa und aus den USA.

- Nebenlotterien – auf der anderen Seite nutzen durchaus viele regelmäßige Spieler lieber Zusatzlotterien, die auch mit kleinen Lotterien kombinierbar sind. Viele wählen lieber die Glücksspirale in der Hoffnung auf eine Sofortrente und kombinieren sie mit Super6, als auf den einmaligen Lottogewinn zu hoffen.

Ein vergrößertes Angebot mit einer, leider zu erwähnenden, alternden und sterbenden Stammspielerschaft, bedeutet natürlich einen Spielerrückgang. Hinzu dürfte die teils angespannte Finanzlage von Rentnern sein, die sich das Lottospiel nach Jahren regelmäßiger Spielerschaft nicht mehr leisten können.

Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Gerade in den USA sind die Lotterien extrem beliebt, was aber auch damit zu erklären ist, was bei uns passiert, wenn der Lottojackpot oder der Eurojackpot prall gefüllt sind. Generell gilt:

- Mega-Jackpots – sowohl bei der MegaMillions als auch beim Powerball sind massive Gewinne drin. Hier wurden bereits fast 1,6 Milliarden als Jackpot ausgelotst, was einen Gewinn pro Ticket von bis zu 880 Millionen Euro bedeuten würde. Selbst ein mehrfach geteilter Jackpot bietet bei diesen Gewinnsummen mehr als genug Geld für den Einzelnen.

- Cash4Life – das ist eine Lotterie in Amerika, die zwar nicht mit dem Megagewinn wirbt, dafür aber auf Gewinnrang 1 ganze 1.000 Dollar täglich vergibt – ein Leben lang. Selbst auf dem zweiten Gewinnrang gibt es 1.000 Dollar monatlich für den Rest des Lebens. Da die Lotterie täglich gespielt wird, ist die Gewinnchance natürlich für regelmäßige Spieler hoch. Auch Cash4life kann heute von Deutschland aus gespielt werden.

- EuroMillions - die Lotterie wird dienstags und freitags in Paris gezogen. Die Regularien ähneln dem Eurojackpot. Sie ist ein wenig teurer, hat aber auch einen garantierten Jackpot von 17 Millionen Euro. Die Gewinnwahrscheinlichkeit ist mit 1:13 höher.

- El Gordo - das ist die spanische Weihnachtslotterie, die auch in Deutschland gespielt werden kann. Die Besonderheit ist, dass unendlich viele Preisstufen gezogen werden, sodass ein Gewinn - welcher Höhe auch immer - sehr wahrscheinlich ist.

Für generell Lotto-Interessierte gibt es heute somit sehr viel Auswahl, was sich wieder auf das heimische Lottospiel auswirkt.

Hat Lotto in Zukunft noch eine Chance?
Die Wahrscheinlichkeit, dass das klassische Lottospiel aussterben wird, ist sehr gering. Immerhin gibt es durchaus junge Menschen, die zwischendurch zum Tippschein greifen. Allerdings obliegt es auch den Anbietern, das Spiel komfortabel und modern zu gestalten:

- Zusammenfassende Spiele – es ist keinem Spieler zumutbar, wahlweise verschiedene Annahmestellen oder Internetseiten aufzusuchen, um die gewünschten Tipps abzugeben. Gerade die staatlichen Lottogesellschaften müssen somit darauf achten, alle möglichen Lotterien bei sich anzubieten. Nicht nur steigt so die Chance, dass Spieler das klassische Spiel wählen, auch der Absprung zu anderen Seiten wird vermieden.

- Anreiz – das Lottospiel wird hierzulande gar nicht oder nur sehr altbacken beworben. Das ist in anderen Ländern unterschiedlich. El Gordo wird als Familienevent beworben, die amerikanischen Lotterien sind auch mal beim Super Bowl vertreten. An dieser Stelle muss der Glücksspielstaatsvertrag überdacht werden, der die Werbung verbietet.

- Zusätze – interessante Zusätze wären für junge Spieler natürlich interessant. Warum nicht auch lebenslang täglich oder monatlich einen Betrag ausschütten, der nicht gleich als »Sofortrente« beworben wird? Der Begriff selbst richtet sich schon an ältere Spieler. Sicherlich gibt es Sonderauslosungen, doch wäre es wahrscheinlich für die junge Generation angenehm, wenn häufiger Aktionen für Eigenheime, Eigentumswohnungen oder Objekte, die jüngere Menschen interessieren, angeboten werden.

Auch wenn das Lottospiel selbst durch Online-Casinos nicht vom Aussterben bedroht wird, so sind Änderungen in der Zukunft sicherlich notwendig. Und auch hier steht der Glücksspielstaatsvertrag im Weg, der beispielsweise verhindert, dass online aus einem anderen Bundesland getippt werden kann. Sämtliche Pendler, die durchaus mal für einige Tage nicht zu Hause sind, müssen nun wieder manuell in der Annahmestelle tippen, denn online funktioniert aufgrund der falschen IP nicht. Diese Handhabung ist für die modernen Berufstätigen unmöglich, denn was ist, wenn der Schein sechs Richtige ausweist, der Tipper aber beruflich nicht in den nächsten Monaten von München nach Berlin reisen kann?

Fazit – Änderungen sind nötig
Sicherlich schauen heute nur noch wenige Tipper die Ziehung der Lottozahlen, die ohnehin nur noch samstags zelebriert wird. Aber auch sonst ist das Angebot so breit gefächert, dass es dem Spieler schlichtweg Spaß macht, sein Glück in einer anderen Lotterie zu versuchen. Das klassische Lotto 6 aus 49 kann da schnell auf der Strecke bleiben, obwohl ein Aussterben nicht zu befürchten ist.

Kurz-URL: qmde.de/113605
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