Debatte

Die grüne Checkliste für Drehbücher – braucht das Fernsehen das wirklich?

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Mit Green Storytelling will die Filmbranche Klimaschutz und Nachhaltigkeit stärker in Geschichten verankern. Doch braucht das deutsche Fernsehen dafür wirklich eine Checkliste? Oder droht am Ende mehr Vorgabe als Inspiration?

Wer in diesen Tagen mit Vertretern der deutschen Filmbranche spricht, stößt früher oder später auf einen Begriff: Green Storytelling. Auf der Berlinale wurde das Thema erneut diskutiert, Studien vorgestellt und Beispiele präsentiert. Die Grundidee ist schnell erklärt. Filme und Serien sollen den Klimawandel, Nachhaltigkeit und Umweltschutz stärker in ihre Geschichten integrieren. Mal ganz offen, mal eher beiläufig.

Auf den ersten Blick klingt das kaum kontrovers. Schließlich beschäftigt sich Kunst seit jeher mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Warum also nicht auch mit Klimawandel, Artensterben oder nachhaltigem Konsum? Die eigentliche Debatte beginnt allerdings erst dann, wenn man einen Blick auf die Green-Storytelling-Checkliste wirft, die von verschiedenen Produzenten, Autoren, Filmförderern und Wissenschaftlern entwickelt wurde.

Dort finden sich Fragen wie: Nutzen die Figuren öffentliche Verkehrsmittel? Trinken sie aus Glasflaschen statt aus Plastikflaschen? Kaufen sie regional ein? Vermeiden sie unnötigen Konsum? Werden nachhaltige Lebensweisen sichtbar gemacht? Werden umweltschädliche Verhaltensweisen kritisch dargestellt? Die Initiatoren betonen ausdrücklich, dass sie keine Einschränkung der künstlerischen Freiheit wollen. Trotzdem stellt sich die Frage: Braucht das deutsche Fernsehen überhaupt eine solche Checkliste?

Ein Teil der Antwort lautet überraschenderweise: nein. Nicht, weil Nachhaltigkeit unwichtig wäre, sondern weil viele der geforderten Aspekte längst in deutschen Produktionen vorkommen. Wer regelmäßig Serien wie «In aller Freundschaft», «Rote Rosen», «Die Bergretter» oder zahlreiche Vorabendserien verfolgt, wird feststellen, dass die dargestellte Welt häufig bereits erstaunlich nachhaltig wirkt. Figuren fahren Fahrrad, gehen zu Fuß, nutzen öffentliche Verkehrsmittel oder leben in Orten, in denen kurze Wege selbstverständlich sind. Windräder im Hintergrund, Solaranlagen auf Dächern oder Mehrwegflaschen auf dem Küchentisch fallen kaum noch auf, weil sie längst Teil der Realität geworden sind.

Anders formuliert: Viele deutsche Serien erfüllen bereits heute einen beträchtlichen Teil der Green-Storytelling-Kriterien, ohne dass jemals jemand von Green Storytelling gesprochen hätte. Das zeigt auch ein grundlegendes Problem der Debatte. Die Checkliste wirkt häufig so, als würde sie vor allem auf Produktionen angewendet, die ohnehin in einer eher bürgerlichen, harmonischen Welt spielen. Dort fällt es leicht, nachhaltige Verhaltensweisen einzubauen. Schwieriger wird es bei anderen Genres.

Man stelle sich einen Gangster aus «4 Blocks» vor. Soll dieser künftig bewusst regionale Bio-Produkte einkaufen? Muss ein Waffenhändler im Thriller darauf achten, seinen CO₂-Fußabdruck zu reduzieren? Oder soll ein Drogenboss in einer Krimiserie plötzlich als Vorbild für nachhaltige Mobilität auftreten? Natürlich nicht.

Gerade deshalb wird deutlich, dass die Qualität einer Geschichte nicht davon abhängt, ob ihre Figuren moralisch vorbildlich handeln. Viele der spannendsten Serien der vergangenen Jahrzehnte leben sogar vom Gegenteil. Tony Soprano, Walter White oder Thomas Shelby wären kaum ikonische Figuren geworden, wenn sie stets die gesellschaftlich richtigen Entscheidungen getroffen hätten.

Auch deutsche Produktionen funktionieren häufig über Konflikte, Widersprüche und problematische Charaktere. Ein Krimi braucht Täter. Ein Thriller braucht Menschen, die Fehler machen. Eine Dramaserie lebt davon, dass Figuren scheitern. Deshalb erscheint die Vorstellung problematisch, bestimmte Verhaltensweisen grundsätzlich positiv und andere grundsätzlich negativ zu markieren. Die Aufgabe eines Drehbuchs besteht schließlich nicht darin, Zuschauer zu erziehen, sondern eine glaubwürdige Geschichte zu erzählen.

Gleichzeitig wäre es zu einfach, Green Storytelling komplett abzulehnen. Tatsächlich gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass gesellschaftliche Entwicklungen ganz selbstverständlich ihren Weg in Filme und Serien finden. Vor zwanzig Jahren spielten Smartphones in Drehbüchern praktisch keine Rolle. Heute sind sie allgegenwärtig. Videotelefonie, Messenger-Dienste oder soziale Medien haben die Erzählweise vieler Formate verändert. Niemand würde auf die Idee kommen, dies als politische Einflussnahme zu bezeichnen. Es ist schlicht die Realität.

Dasselbe gilt für viele Aspekte der Energiewende. Wenn Solaranlagen, Elektroautos oder Wärmepumpen künftig häufiger in Serien auftauchen, ist das zunächst einmal keine Botschaft, sondern eine Abbildung gesellschaftlicher Wirklichkeit. Genau dort liegt vermutlich die größte Stärke von Green Storytelling. Nicht als pädagogisches Werkzeug, sondern als Erinnerung daran, dass Geschichten in einer realen Welt spielen. Wenn eine Serie im Jahr 2026 spielt, darf diese Welt auch wie das Jahr 2026 aussehen.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus einer Beschreibung der Realität eine Erwartungshaltung entsteht. Und genau hier lohnt sich ein Blick auf die deutsche Förderlandschaft. Viele Produktionen sind auf öffentliche Gelder angewiesen. Autoren, Produzenten und Sender bewegen sich ohnehin in einem Netz aus Förderbedingungen, Richtlinien und Anforderungen. Wenn Green Storytelling irgendwann zu einem Bewertungskriterium wird, könnte sich die Frage stellen, ob bestimmte Stoffe leichter gefördert werden als andere.

Die Initiatoren weisen diesen Vorwurf zwar zurück. Dennoch ist die Sorge nachvollziehbar. Denn jede Checkliste entwickelt früher oder später eine Eigendynamik. Was heute als Empfehlung formuliert wird, kann morgen als Qualitätsmerkmal gelten. Dabei wäre das deutsche Fernsehen vermutlich besser beraten, sich zunächst anderen Problemen zu widmen. Die Branche diskutiert intensiv über Nachhaltigkeit, kämpft gleichzeitig aber mit sinkenden Reichweiten, steigenden Produktionskosten und einem Mangel an neuen Ideen. Viele Sender setzen auf immer dieselben Krimireihen, dieselben Showkonzepte und dieselben Erzählmuster.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob ein Ermittler mit dem Fahrrad oder dem Auto zum Tatort fährt. Entscheidend ist, ob die Geschichte dahinter spannend ist. Vielleicht ist das sogar die eigentliche Lehre der Green-Storytelling-Debatte. Zuschauer interessieren sich in erster Linie für gute Figuren und starke Geschichten. Wenn Nachhaltigkeit organisch Teil dieser Geschichten wird, spricht wenig dagegen. Wenn sie jedoch zum Selbstzweck wird, droht genau das Gegenteil dessen, was die Initiatoren erreichen wollen. Das deutsche Fernsehen braucht keine Pflicht zum grünen Erzählen. Es braucht gute Autoren. Und gute Autoren wissen meistens selbst, welche Welt sie erzählen wollen.

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