Interview

‚Man kann im Fernsehen eher selten jeden Tag «Heat» drehen‘

von

Regisseurin Pia Strietmann spricht über ihren Einstieg bei «Prisoner – Auf der Flucht» und die Herausforderung, Action und Figurenentwicklung miteinander zu verbinden.

Frau Strietmann, ab Episode vier übernehmen Sie bei «Prisoner – Auf der Flucht» die Regie. Wie sind Sie in diese bereits laufende Produktion eingestiegen?
Mich hat zunächst tatsächlich das Genre angezogen. Ich komme eher aus Projekten, die stark von Figuren und realen Ereignissen geprägt sind. Die Möglichkeit, einmal einen so klaren, konsequenten Action-Thriller zu inszenieren, fand ich unglaublich reizvoll. Die Serie hat ein enormes Tempo und eine große erzählerische Klarheit - sie weiß genau, was sie sein will. Dazu kam die internationale Zusammenarbeit, die für mich ebenfalls sehr spannend war.
Ich war tatsächlich schon vor Drehbeginn Teil des Projekts. Gedreht wurde allerdings in Blöcken, sodass die ersten drei Episoden unter der Regie von Otto Bathurst entstanden sind. Als ich ab Episode vier übernommen habe, hatte die Serie bereits eine starke Welt und einen klaren Ton gefunden. Gleichzeitig beginnt für Amber und Tibor ab diesem Punkt eine neue Phase ihrer gemeinsamen Reise - und das fand ich als Regisseurin besonders spannend.

Die Serie verbindet Action, Thriller und psychologisches Drama. Was hat Sie an diesem Genre-Mix besonders gereizt?
Mich reizt an Genreprojekten vor allem dann etwas, wenn die Action aus den Figuren heraus entsteht. Bei «Prisoner» geht es zwar um Verfolgungsjagden, Flucht und Spannung, die Serie hat Spaß an jeder Attraktion und erzählt aber von Menschen, die permanent an ihre emotionalen und moralischen Grenzen geraten. Im Kern geht es um Vertrauen, Angst und Überleben. Diese Verbindung aus großem Action-Thriller und sehr intimen, menschlichen Momenten fand ich in den Büchern schon sehr reizvoll.

Mit Amber und Tibor stehen zwei Figuren im Mittelpunkt, die eigentlich nichts verbindet – und die trotzdem aufeinander angewiesen sind. Was macht diese Dynamik erzählerisch so spannend?
Mich fasziniert an Amber und Tibor, dass sie aus völlig unterschiedlichen Welten kommen und trotzdem aufeinander angewiesen sind. Amber sieht die Welt zunächst eher in Schwarz und Weiß, während Tibor sich in den Grauzonen bewegt. Im Verlauf der Geschichte müssen beide ihre Überzeugungen hinterfragen. Genau daraus entsteht die Spannung: Sie brauchen einander, vertrauen einander aber nie ganz. Diese ständige Balance zwischen Nähe und Misstrauen macht ihre Beziehung für mich zum emotionalen Zentrum der Serie.

Ab Ihrer ersten Episode verändert sich die Beziehung der beiden deutlich, weil die Handschellen verschwinden. Wie verändert das auch die Inszenierung?
Solange Amber und Tibor aneinander gefesselt sind, entsteht die Spannung vor allem durch die erzwungene Nähe. Ab Mitte der Episode vier fällt dieser äußere Zwang weg. Plötzlich stellt sich die Frage, ob die beiden auch ohne Handschellen zusammenbleiben würden. Das fand ich besonders spannend. Für die Inszenierung bedeutete das mehr Freiheit. Wir konnten die Figuren räumlich voneinander lösen und gleichzeitig zeigen, wie eng sie inzwischen miteinander verbunden sind. Die Beziehung wird subtiler. Es geht weniger um die Handschellen und mehr um Vertrauen, Loyalität und die Entscheidungen, die beide füreinander treffen.

«Prisoner – Auf der Flucht» erzählt von Vertrauen in einer Welt voller Verrat und Korruption. Wie wichtig war es Ihnen, diese Unsicherheit permanent spürbar zu machen?
Sehr wichtig. Für mich lebt die Serie von dem Gefühl, dass jederzeit alles kippen kann. Amber entdeckt nach und nach, dass nicht nur die Verbrecherwelt gefährlich ist, sondern auch die Institutionen, denen sie eigentlich vertrauen sollte. Dadurch entsteht eine permanente Unsicherheit - für die Figuren genauso wie für das Publikum. Man weiß nie genau, wer auf welcher Seite steht.

Tahar Rahim, Izuka Hoyle und Leonie Benesch arbeitet die Serie mit einem sehr internationalen Ensemble. Wie haben Sie diese Zusammenarbeit erlebt?
Was ich an diesem Ensemble besonders spannend fand, waren die unterschiedlichen Prägungen. Die meisten Schauspieler*innen kamen aus Großbritannien, Tahar aus Frankreich, Leonie aus Deutschland. Natürlich bringt jeder eine andere Ausbildung, andere Referenzen und andere Arbeitsweisen mit.

Aber als Regisseurin verbringt man die meiste Zeit gar nicht damit, über Herkunft oder Sprache nachzudenken. Man schaut den Schauspielern zu und versucht herauszufinden, ob das, was gerade passiert, wahrhaftig ist und ob es die Geschichte erzählt, die man erzählen möchte.
Ich habe die Internationalität vor allem in den Gesprächen, in den unterschiedlichen Blickwinkeln und Herangehensweisen gespürt. Sobald gespielt wurde, war das plötzlich völlig egal. Dann ging es nur noch um die Figuren und darum, ob ein Moment wahr ist. Diese Erfahrung fand ich eigentlich das Schönste an dieser Zusammenarbeit.

Besonders Leonie Beneschs Figur Nina wirkt fast wie eine unaufhaltsame Bedrohung. Wie nähert man sich einer solchen Antagonistin inszenatorisch?
Uns war wichtig, Nina nicht als klassische Bösewichtin zu inszenieren. Natürlich geht von ihr eine enorme Gefahr aus, aber spannend wird sie für uns erst dadurch, dass sie eine eigene Geschichte und eigene Verletzungen mitbringt. In gewisser Weise ist sie Tibors Spiegelbild. Sie wurde von ihm ausgebildet, kennt seine Stärken und Schwächen. Gerade dadurch wirkt sie so bedrohlich. Sie verfolgt die Figuren nicht einfach, sondern scheint ihnen immer einen Schritt voraus zu sein. Gleichzeitig wollten wir aber immer spürbar machen, dass hinter dieser Härte auch ein Mensch steht. Für mich sind die interessantesten Antagonisten diejenigen, die sich selbst nicht als Antagonisten verstehen.

Die Serie arbeitet mit einem hohen Tempo und intensiven Verfolgungssequenzen. Wie schwierig ist es, bei all der Action trotzdem die Figuren nie aus dem Blick zu verlieren?
Ich glaube, dass Action dann am stärksten wirkt, wenn man rhythmisch immer wieder dagegen arbeitet. Wenn man dem Publikum zwischendurch erlaubt, durchzuatmen, einen Blick, einen Gedanken oder einen emotionalen Moment wahrzunehmen, dann wird die nächste Explosion oder Verfolgung umso intensiver erlebbar.

Ein schönes Beispiel ist die Sequenz in Carlas Haus. Äußerlich ist das eine große, mindestens zwanzigminütige Shootout-Sequenz. Gleichzeitig wird darin aber die komplexe Beziehung zwischen Tibor und seiner Mutter weitererzählt. Sie führen gewissermaßen eine Szene fort, die zuvor am Frühstückstisch begonnen hat - nur ohne viele Worte. In Blicken, Gesten und kleinen Entscheidungen wird plötzlich ihr Konflikt auf den emotionalen Höhepunkt getrieben und etwas sehr verborgen Persönliches sichtbar. Für solche Momente haben wir uns in der Inszenierung immer wieder kleine Inseln geschaffen.

Sie haben zuvor mit «Herrhausen – Der Herr des Geldes» einen ganz anderen Stoff inszeniert. Was nehmen Sie aus historischen Dramen mit in einen modernen Action-Thriller?
Ich glaube, dass man jedes Genre verstehen und respektieren muss. Ein Politdrama hat andere Regeln als ein Action-Thriller. Mich interessiert nicht, ein Genre von außen zu kommentieren, sondern herauszufinden, was es besonders gut kann und das dann konsequent zu erzählen.

Die Serie wirkt visuell sehr international und kinoreif. Welche Bedeutung hatte die Bildsprache für Spannung und Atmosphäre?
Sky hatte von Anfang an sehr klare Referenzen. Es ging immer wieder um Filme wie «Heat» oder die großen Hongkong-Noir-Thriller. Die Frage war natürlich immer: Wie kommt man mit den Möglichkeiten einer Fernsehproduktion in diese Richtung? Florian Emmerich (dop) und ich haben deshalb versucht, nicht alles groß zu machen. Stattdessen haben wir uns einige Sequenzen herausgesucht, auf die wir unsere ganze Energie konzentriert haben. Die Van-Sequenz in Episode 6, für die wir, wann immer noch Luft dafür im Schedule war, in London und Wales gedreht haben, gehört dazu. Auch bei der Stadion-Sequenz sind wir ein echtes Wagnis eingegangen: Wir mussten alles in sehr kurzer Zeit und mit deutlich zu wenigen Komparsen drehen, wollten aber trotzdem das Gefühl einer vollen, lebendigen und chaotischen Menge erzeugen. Und dann ist da noch Tibors Ende.

Uns war wichtig zu zeigen, dass Tibor und Amber über die Geschichte hinweg zusammengewachsen sind, obwohl Amber in diesem Moment gar nicht anwesend ist. Daraus entstand die Idee mit dem im Wasser versinkenden Tibor und Amber im Auto, wobei die Kamera so gedreht wird, dass beide horizontal nach oben blicken - vereint in einem Bild. Eine sehr aufwendige Sequenz, aber genau auf solche Momente lag unser Fokus. Für solche Szenen haben wir versucht, ihnen eine Größe zu geben, die man eher aus dem Kino kennt. Man kann im Fernsehen eher selten jeden Tag «Heat» drehen. Aber man kann sehr bewusst entscheiden, wann man alles auf eine Karte setzt.

Wenn Zuschauerinnen und Zuschauer das Finale gesehen haben: Was würden Sie sich wünschen, was von dieser Geschichte über Moral, Überleben und Menschlichkeit hängen bleibt?
Ganz ehrlich? Ich hoffe, sie hatten Spaß. Wir sprechen oft über Themen wie Moral und Menschlichkeit, aber am Ende wünsche ich mir für diese Serie vor allem, dass die Zuschauer mitfiebern, sich unterhalten fühlen und unbedingt die nächste Folge sehen wollen. Wenn eine Geschichte das schafft und darüber hinaus noch ein paar Gedanken mit nach Hause gibt, ist das für dieses Genre großartig. Hauptsache, sie hat spannend unterhalten und Spaß gemacht.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

«Prisoner – Auf der Flucht» ist ab 19. Juni in der ARD Mediathek abrufbar. Die Serie läuft am Mittwoch, 24. Juni, ab 23.30 Uhr im Ersten, ehe am Freitag, 26. Juni 2026, ab 23.45 Uhr die letzten beiden Episoden laufen.

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