Die Kino-Kritiker

«Die Nile Hilton Affäre»: Ein Krimidrama am Vorabend des Arabischen Frühlings

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Im Krimi «Die Nile Hilton Affäre» wird das korrupte Kairo kurz vor dem Arabischen Frühling zum Schauplatz eines vertrackten Mordfalls.

Filmfacts «Die Nile Hilton Affäre»

  • Regie und Drehbuch: Tarik Saleh
  • Produktion: Kristina Åberg
  • Darsteller: Fares Fares, Mari Malek, Yaser Maher, Ahmed Seleem, Slimane Dazi, Hania Amar, Hichem Yacoubi
  • Musik: Krister Linder
  • Kamera: Pierre Aïm
  • Schnitt: Theis Schmidt
  • Laufzeit: 110 Min
  • FSK: ab 12 Jahren
Kairo 2011, kurz vor der Ägyptischen Revolution: Die Großstadt zerbirst geradezu vor Widersprüchen. Die Reichen expandieren ihre Unternehmen immer weiter, die Armen leben in zunehmend erbärmlicheren Verhältnissen. Und während die Wut der Systemkritiker von Tag zu Tag stärker brodelt, nehmen Korruption und Vetternwirtschaft immer mehr Raum ein. In diesem Pulverfass lebt der Polizist Noredin (Fares Fares), der nicht gerade eine weiße Weste aufweist. Wie alle seine Kollegen stockt er seinen Lohn durch Schutz- und Schmiergelder auf, mit denen er für seinen kränkelnden Vater sorgen will. Gemessen an der Kaltschnäuzigkeit seines Onkels und Vorgesetzten (Yaser Aly Maher) ist der Witwer jedoch ein echter Saubermann, der seinen Job sehr ernst nimmt. Daher verbeißt er sich auch, trotz des Anratens seines Umfelds, in die Ermittlungen rund um den gewaltsamen Tod einer Sängerin, der sich im noblen Nile-Hilton-Hotel ereignet hat.

Was auf den ersten Blick nach einem gesellschaftlich minderrelevanten Verbrechen aus Leidenschaft aussah, entpuppt sich bei den Ermittlungen als Fall, der bis in die führende Elite Ägyptens führt. Noch bevor Noredin mit der Aufklärung beginnen kann, wird der Tod des Popstars allerdings der Einfachheit halber als Selbstmord zu den Akten gelegt. Also ermittelt Noredin auf eigene Faust, womit er sich in einem gefährlichen Netz aus Macht, Verführung und Täuschung verheddert …

Als Regisseur und Drehbuchautor Tarik Saleh («Metropia») mit der Arbeit am «Die Nile Hilton Affäre»-Skript begonnen hat, wurde die Fiktion von der Realität eingeholt: Die Geschichte sollte sich lose am mysteriösen, aber realen Mordfall an der Sängerin Suzan Tamim im Jahr 2008 orientieren und in einer die explosive Stadt befreienden Revolution gegen das autoritäre System enden. Aber dann kam es tatsächlich zu einem solchen Aufbegehren. Saleh formte seine Geschichte zu einem fiktiven Krimi um, der einen sehr lebensnahen Eindruck von der Stimmung in Kairo 2011 ermöglichen soll. Dass die politischen Probleme in Ägypten seither noch immer nicht völlig bekämpft sind, zeigte sich dann nochmal eindrücklich, als die Dreharbeiten auf Anordnung der Staatssicherheit abgebrochen werden mussten – den noch ausstehenden Rest drehte das Team in Marokko.

Saleh skizziert diese noch immer brandaktuelle Korruptionsgeschichte mit der Gemächlichkeit eines John le Carré, dem Autor hinter den Vorlagen von «A Most Wanted Man» und «Dame, König, As, Spion». Anders als bei le Carré sind in diesem Kriminalfilm die Schlussfolgerungen des Protagonisten zuweilen jedoch nicht bis ins letzte Detail kohärent. Allerdings ist der Plot rund um die Tätersuche eher Alibi, um ein filmisches Porträt eines kaputten Systems zu erschaffen.

Der schwedisch-libanesische Schauspieler Fares Fares, der bereits in den Jussi-Adler-Olsen-Verfilmungen »Erbarmen«, »Schändung« und »Erlösung« als desillusionierter Gesetzeshüter agierte, gibt vor dieser so wichtigen, atmosphärischen Kulisse eine markante Performance. Mit feingliedrigem Schauspiel legt er seine Figur als mürrischen Einzelgänger an, der zwar moralisch nicht über alle Zweifel erhaben ist, sich selber dennoch idealistische Grenzen gesetzt hat – und der schleichend einsehen muss, dass er damit nahezu allein auf weiter Flur steht.

Mit diesem komplexen Spiel ist Fares Fares ganz klar der menschliche Fokus von «Die Nile Hilton Affäre», denn der restliche Cast spielt entweder reine Archetypen oder mitunter auch Klischees – die Darbietungen sind zwar durchweg solide, dennoch nimmt dies der internationalen Produktion etwas ihrer narrativen Fallhöhe. Dafür beeindruckt umso mehr die eindrückliche Kameraarbeit von Pierre Aïm, der das Publikum mitten ins reich bevölkerte, von herben Gegensätzen geprägte Kairo des Jahres 2011 versetzt.

Fazit: «Die Nile Hilton Affäre» ist ein atmosphärischer Krimi mit einem sehr guten Hauptdarsteller, der sich durch das Porträt eines korrupten Systems bewegt.

«Die Nile Hilton Affäre» ist ab dem 5. Oktober 2017 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/96237
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