Die Kritiker

«Bad Cop»: Whatcha gonna do when he comes for you?!

von   |  1 Kommentar

Erwartungen zügeln und unterhalten lassen: Der Beginn der RTL-Serienoffensive ist eine solide Krimiserie im Stil der US-Networkproduktionen von vor wenigen Jahren.

Cast und Crew

  • Regie: Oliver Dommenget, Peter Ladkani, Michael Kreindl
  • Idee: Jens Maria Merz
  • Darsteller: David Rott, Daniel Rodic, Alma Leiberg, Mersiha Husagic, Dimitri Bilov, Lisa Marie Trense, Victoria Fleer, Amelie von Trott, Nicki von Tempelhoff
  • Chefautorin: Claudia Kratochvil
  • Drehbuch: Clemens Murath, Hagen Moscherosch, Alexander M. Rümelin, Linus Förster, Rafael Solá Ferrer, Michael Ehnert
  • Kamera: Stephan Wagner, Maximilian Lips, Namche Okon, Stefan Spreer
  • Schnitt: Friederike von Normann, Oliver Gieth, Ingo Recker, Nina Meister, Achim Seidel
  • Musik: Jaro Messerschmidt, Nik Reich
  • Produktionsfirma: Talpa Germany
Eines kann man RTL nicht abstreiten: Der Kölner Privatsender hat Durchhaltevermögen. Obwohl die schwachen Quoten des international von Kritikern und Serienfreunden gefeierten Serienprojekts «Deutschland '83» suggerierten, dass hierzulande kein Interesse an horizontal erzählten RTL-Serien besteht, investierten die Kölner intensiv in genau dies. In den kommenden Monaten wird eine ganze Serienoffensive das Publikum heimsuchen – mit dem Ziel, es an den Gedanken zu gewöhnen, dass es eben doch lohnt, nicht nur wöchentlich RTL einzuschalten, sondern auch aufmerksam zuzuschauen. Den Anfang dieser Serienattacke macht «Bad Cop», ein präsentierbar umgesetztes Krimiformat, das für Seriendeutschland erfrischend und neu ist – und zugleich so anmutet wie die unterhaltsame, aber unspektakuläre Serienware, mit der die großen US-Networks zu Beginn des Jahrzehnts ihr Programm füllten.

Denn die Grundidee hätte genauso gut vor fünf, sechs Jahren bei CBS, ABC und Co. zünden können: Der sympathische Kleinkriminelle Jan (David Rott) versteht sich bestens mit seinem Zwillingsbruder Jesko – und das, obwohl dieser ein braver, fast schon spießiger Hauptkommissar ist. Doch als sie sich eines Tages aus "beruflichen Gründen" über den Weg laufen, wird Jans Leben in seinen Grundfesten erschüttert: Ein Deal mit dem Gangster Tarek (Dimitri Bilov) geht gehörig schief, zudem platzt die Polizei inklusive Jan hinein.

Im so entstehenden Chaos wird versehentlich Jesko von Tarek erschossen. Dieser bittet mit seinem letzten Atemzug Jan um einen gewaltigen Gefallen: Er soll seine Identität annehmen und sich um seine Töchter kümmern – aber gefälligst die Finger von seiner Frau Bea (Alma Leiberg) lassen. Jan gehorcht, schlüpft in Jeskos Rolle – und entpuppt sich glatt als herausragender, wenngleich unkonventioneller Ermittler.

Nach Network-Serial aus der Frühzeit der Peak-TV-Ära, statt nach hochaktueller Spitzenserie klingt auch die Musikauswahl. Die setzt sich in den ersten Episoden aus ironisch eingesetzten, viel verlachten Hits früherer Zeiten (etwa: "Cheri, Cheri Lady"), vielfach benutzten Pop-Dauerrennern (wie "Hey Sexy Lady" und "How You Like Me Now") und Songs, die nicht mehr ganz aktuell sind, aber sich ebenso wenig bereits als Evergreens bewährt haben ("Band Bang" von Jessi J, Ariana Grande & Nickie Minaj) zusammen. Lizenzkosten werden nicht gescheut, aber eine künstlerisch zielstrebige Linie fehlt.

Das Gefühl, eine verlorene und nun wiederentdeckte Serie vom Beginn der Dekade zu sehen, bleibt auch hinsichtlich des Storytellings bestehen. Im Mittelpunkt der horizontalen Erzählung steht, basierend auf dem, was wir vorab schon gesehen haben, nämlich nicht etwa der Racheplot an Jeskos Mörder und somit keine hochdramatische narrative Antriebsfeder.

Stattdessen geht es um romantische Zwickmühlen: Jan startete vor Jeskos Tod ein Verhältnis mit Gina (Mersiha Husagic), Tareks Frau, die sich nun auch an den vermeintlichen Jesko heranschmeißt, der jedoch auch, entgegen der Wünsche des echten Jeskos, einen guten Draht zu Bea hat. Die warf den wahren Jesko im Streit vor die Tür, aber jetzt, wo Jesko mit Jans unkonventionellem Charme daherkommt, glätten sich die Wogen ganz langsam. Das ist eher spannendes Feierabend-Fernsehen – und noch nicht ganz das "Das Warten bis zum nächsten Kapitel ist aufgrund der enormen Anspannung unerträglich"-Sensationsfernsehen.

Anders als bei «Deutschland '83» hinkt RTL dieses Mal also klar dem internationalen Vergleich hinterher (auch der Look der Serie ist solide, aber unauffällig), was allerdings nicht bedeutet, dass «Bad Cop» sogleich völlig für die Katz ist. Schließlich gibt es auch unter den zahlreichen US-Krimiserien mit Episodenplots sowie seichtem roten Faden gute wie schlechte Genrevertreter. Der Reiz von «Bad Cop» liegt dabei hauptsächlich bei seinen männlichen Hauptdarstellern.

Den Einstieg in Folge eins bewältigt David Rott zwar noch etwas hölzern, sobald er allerdings Jan verkörpert, der Jesko nachahmt, wirkt der Mime wie befreit. Wie er die kernige Ganovenart Jans mit seiner Unsicherheit verquickt, wie er als Polizist Jesko handeln sollte, hat Charisma, Witz und ist facettenreich. Daniel Rodic überzeugt derweil an seiner Seite als eifriger sowie redseliger Kommissarsanwärter, der von seinem ein doppeltes Spiel spielenden Kollegen verwundert ist, wodurch jede Menge beiläufiger, zündender Witz entsteht. Sobald Rodic in späteren Folgen auch eigene, kleine Handlungsstränge erhält, darf er zudem ganz natürlich über die engen Grenzen der "Anfängerrolle" hinauswachsen.

Unterm Strich ist «Bad Cop» längst nicht die Serienrevolution, die sich RTL mit seiner neuen Offensive offensichtlich erhofft. Aber als Abrundung des Donnerstagabendprogramms ist die Krimiserie durchaus eine Bereicherung für den Privatsender.

«Bad Cop» ist ab dem 21. September immer donnerstags um 21.15 Uhr bei RTL zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Familie Tschiep
20.09.2017 20:52 Uhr 1
Es interessiert mich nicht. Das liegt aber nicht am Fall-der-Woche-Prinzip, sondern dass es wie eine FJG-Kopie wirkt.



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