Die Kino-Kritiker

«Mädelstrip»

von

Amy Schumer ätzt sich durch den Dschungel und Goldie Hawn stapft griesgrämig hinterher.

Filmfacts «Mädelstrip»

  • Regie: Jonathan Levine
  • Produktion: Peter Chernin, Jenno Topping, Paul Feig, Jessie Henderson
  • Drehbuch: Katie Dippold
  • Darsteller: Amy Schumer, Goldie Hawn, Joan Cusack, Ike Barinholtz, Wanda Sykes, Christopher Meloni, Bashir Salahuddin
  • Musik: Theodore Shapiro, Chris Bacon
  • Kamera: Florian Ballhaus
  • Schnitt: Melissa Bretherton, Zene Baker
  • Laufzeit: 97 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Hoch geflogen, tief gefallen: Die unverblümte, laute, freche Komikerin Amy Schumer genoss in den vergangenen Jahren eine wahre Erfolgssträhne. Ihre Comedyshow «Inside Amy Schumer» bringt Comedy Central seit 2013 starke Quoten, ihre Stand-up-Shows stoßen medial auf enorme Aufmerksamkeit und ihre Autobiografie kletterte 2016 an die Spitze der New-York-Times-Bestsellerliste. Als streitbare und direkte Person kassierte Schumer bei diesem Siegeszug auch allerlei Anfeindungen von Neidern sowie von Kritikern ihres Comedystils – doch selbst viele Schumer-Zweifler ließen sich von der Blondine um den Finger wickeln, sobald sie als «Dating Queen» die Kinos eroberte.

Die von Judd Apatow inszenierte Romantikdramödie genoss 2015 großes Kritikerlob und sackte zwei Golden-Globe-Nominierungen ein. Jetzt, zwei Jahre später, folgt für Schumer mit «Mädelstrip» das krasse Gegenteil. Schumers erster Film nach dem Projekt, mit dem sie auch Gegner anzusprechen wusste, ist ein Rohrkrepierer, der das Zeug dazu hat, selbst Fans zu verschrecken. Denn aus der sorgfältig konstruierten Mischung aus Derbheit, Albernheit und Herzlichkeit von «Dating Queen» wird ein vollkommen konfuses Kuddelmuddel, das Schumer von ihrer schlechtesten Seite zeigt. Und ganz nebenher erweitert es die tonal wie qualitativ äußerst wankelmütige Vita des Regisseurs Jonathan Levine («All the Boys Love Mandy Lane», «50/50», «Warm Bodies», «Die Highligen Drei Könige») um einen neuen Tiefpunkt.

Die Ich-bezogene, arbeitsscheue und kodderschnäuzige Emily Middleton (Amy Schumer) befindet sich auf dem Tiefpunkt: Sie wird gefeuert, verlassen und von ihren "Freundinnen" gemieden. Ihr geplanter Ecuador-Urlaub scheint ins Wasser zu fallen, also fährt sie zu ihrer Mutter Linda (Goldie Hawn), um sich auszuheulen. Linda, die sich noch immer um ihren erwachsenen und jeglicher Änderung im Leben ängstlich entgegnenden Sohn Jeffrey (Ike Barinholtz) kümmert, fristet seit dem Ableben ihres Mannes ein ruhiges, abgeschottetes Leben. Da kommt Emily der Geistesblitz: Ihre Mutter könnte mit nach Ecuador reisen – es ist der exzentrischen, frisch gebackenen Singlefrau zwar peinlich, in ihrem Alter noch immer mit Mama unterwegs zu sein, aber sie kann ihr so wenigstens ein Abenteuer schenken. In Ecuador angekommen, dauert es nicht lang, bis sich die nach Party, Sex und Nervenkitzel gierende Emily und die bequemliche Linda gehörig auf die Nerven gehen – aber eine Entführung später ziehen sie endlich an ein und demselben Strang …

Dass Komödienprotagonisten keinesfalls Vorbilder sein müssen, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Den Trubel des «Hangover»-Wolfsrudels dürften die wenigsten Fans der Rüpelkomödientrilogie nachstellen wollen und auch Bette Midler hat in ihren 80er-Jahre-Hits häufig die Ellenbogen ein Stück weiter ausgefahren und ihren Mund noch ein bisschen mehr aufgerissen, als es den meisten im Alltag angenehm sein dürfte. Das Geheimnis hinter einer schroffen Komödien-Leinwandpersönlichkeit, die sich dennoch gern bestaunen lässt, ist eine gewisse, naive Ehrlichkeit. Über Frauenbild und Wortwahl der «Hangover»-Protagonisten lässt sich streiten, genauso wie über die Vorstellung von Teamplay der «Brautalarm»-Ladys. Aber so lange ihre Eskapaden ein "Das würde ich auch tun"- oder "Das könnte mir auch passieren"-Element aufweisen, lässt sich für die Dauer eines Kinobesuchs über manche charakterlichen Schwächen hinwegblicken.

Amy Schumers Rolle der Emily Middleton hingegen ist frei von solchen versöhnlich stimmenden Aspekten. Sie ist faul, verantwortungslos, selbstverliebt und rücksichtslos – und geht damit hausieren. Nicht aber auf eine derart selbstbewusste und daher fast schon beneidenswerte Weise wie Melissa McCarthys Oscar-nominierte Nebenrolle aus «Brautalarm», sondern auf eine unspektakuläre, unpointierte Art. Sie ist lästig, sägt auf dem schwachen Ast, auf dem sie sitzt, und motzt dann ohne den geringsten Anflug verbaler Gewitztheit herum, dass es für sie herabgeht.

Nur kurz nach Filmbeginn, wenn Emily völlig verzweifelt ihrem Freund zu erklären versucht, dass er nicht Schluss machen sollte, und sich bald darauf via Massenger mit ihrer App-unerfahrenen Mutter unterhält, kann Schumer der Figur ein ungeschickt-verzweifelt-sympathisches Etwas abringen. Spätestens, wenn sie in Ecuador angelangt ist, rennt sie derweil sehendes Auges ins Verderben, schnauzt ihre sich umsorgende Mutter an, und lernt zu Beginn des Finalakts urplötzlich und ohne narrative oder darstellerische Vorwarnung ihre Lektion, wie eine gesunde Mutter-Tochter-Dynamik aussieht. Überzeugend umgesetzt ist dies nicht – und das Humorpotential wird ebenso im Keim erstickt.

Dies ist jedoch nicht allein das Verschulden des verkrampften Dialogbuchs von «Ghostbusters»-Autorin Katie Dippold (welches Schumer und ihre Schwester Kim Caramele überarbeitet haben), sondern auch der handwerklichen Umsetzung. Die Cutter Melissa Bretherton und Zene Baker hacken Fremdschammomente, die sich erst entfalten müssen, mehrmals frühzeitig ab, bei Gags, die vom Überraschungsmoment leben, lassen sie hingegen die Vorbereitung zu lang im Raum stehen, so dass diese vorhersehbar werden – vor allem Slapstick geht in dieser Abenteuerthrillerkomödie deshalb brutal unter. Leinwandlegende Goldie Hawn hat wiederum die undankbare Aufgabe, wie ein Sauertopf aus der Wäsche zu gucken und einen angedeuteten, nicht nachvollziehbaren "Eine Glucke von Mutter muss lernen, loszulassen"-Handlungsbogen zu stemmen, der im dritten Akt mit einem Schlag verpufft.

Als kämpferische Zufallsbekanntschaften der beiden Hauptfiguren sind Wandy Sykes und Joan Cusack dank ihres cartoonigen Timings für ein paar Schmunzler zuständig, auch wenn das fahrige Skript ihre Rollen auf Dauer zu weiteren Störfaktoren heranwachsen lässt. Ähnliches gilt für Barinholtz als dusselig-nöliger Bruder Emilys, der mit seinen ständigen Anrufen beim US-Außenministerium den Verantwortlichen Morgan Russell auf die Palme treibt. So lange dessen Darsteller Bashir Salahuddin staubtrocken sowie kurz und bündig auf Barinholtz' Spiel reagieren darf, ist er der größte Lichtblick dieses Films, jedoch wird auch dieser Running Gag so oft wiederholt und weiter aufgeblasen, bis er unzeremoniell platzt. Da ist es nur passend, wie ungleich die Leistung von Kameramann Florian Ballhaus («Die Bestimmung – Allegiant») ausfällt: In manchen Szenen bringt er dreckig-fiebriges Flair in diese Entführungs-Thrillerkomödie, in anderen Sequenzen wirkt der Dschungelirrsinn so, als sei er hastig im Studio runtergedreht worden. Vielleicht hatte Ballhaus denselben Fluchtgedanken, der auch dem Kinopublikum hier nicht zu verübeln ist.

Fazit: Eine Komödie, die nur minimal vergnüglicher ist, als die Qualen, die ihre Hauptfiguren durchleiden: Dass in Jonathan Levines staubig-miefiger Thrillerkomödie die sympathischste Figur ein Regierungsvertreter ist, der die Heldinnen nicht retten will, dürfte Bände sprechen.

«Mädelstrip» ist ab dem 15. Juni 2017 in deutschen Kinos zu sehen.

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