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«Get Out»: Der rechte Film zur rechten Zeit

von   |  3 Kommentare

In den USA wurde der Horrorfilm «Get Out» zum größten Überraschungserfolg seit vielen Jahren. Der Grund dahinter ist in erster Linie perfektes Timing. Und die konsequente Fortführung eines längst überfälligen Trends.

Erst brennt sich der erschreckend paralysierende Song „Run, Rabbit, Run“ in die Köpfe der Zuschauer, später kommt man in den zweifelhaften Genuss einer finsteren Bedrohung, die sich partout nicht greifen lässt und irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt, wie penibel durchdacht und brillant das Konzept von „Get Out“ aufgebaut ist. Wir legen es jedem ans Herz, diesen Film für sich zu entdecken. Und ihn dann nochmal zu gucken. Und nochmal. Und nochmal… So lange, bis auch der letzte Rassist die Botschaft gerafft hat!
Unser Fazit zu «Get Out»
Es ist ein Debüt, von dem viele nur träumen können. Der US-Komiker Jordan Peele war bislang hauptsächlich für seine bitterbösen Bühnenprogramme bekannt. Gemeinsam mit seinem Kollegen Keegan-Michael Key bildet er außerdem das Comedy-Duo Key & Peele, das 2016 auch in der Actionkomödie «Keanu», zu der Peele das Skript beisteuerte, vor der Kamera stand. Wenngleich es hier in erster Linie um die Wiederbeschaffung eines zuckersüßen Katzenbabys ging, blitzte sie immer wieder durch: die perfekte Beobachtungsgabe im Hinblick auf die Black und White Community. Kein Wunder: Peele ist selbst Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters – eine Tatsache, die der Schauspieler und Regisseur nicht bloß in seinen Stand-Up-Nummern wiederholt betont, sondern die ihn auch dazu animierte, sich genauer mit den Differenzen zwischen schwarzen und weißen US-Amerikanern zu befassen. Das Ergebnis eines jahrzehntelangen Erfahrungsschatzes, einhergehend mit monatelangen Recherchen und der Auseinandersetzung mit beiden Gesellschaftsgruppen ist ein Film, der seit seinem US-Start im Februar 2017 für eine Furore sorgt, wie es in jüngerer Vergangenheit keinem anderen (Genre-)Film gelungen ist. Wir reden hier nicht von Lobeshymnen, wie sie etwa auch James Wan für sein «Conjuring»-Sequel einfahren durfte, oder Hochachtung, die man Filmen wie «It Follows» oder «The Witch» entgegen brachte. Nein, «Get Out» ist anders – wir versuchen das im Folgenden einmal schwarz auf weiß zu erklären.

Schwere Themen machen betroffen


Je düsterer ein Kapitel in der Menschheitsgeschichte, desto ernster wird dieses anschließend von der Popkultur aufbereitet. Dieser Ansatz ist richtig und wichtig: Unvorstellbare Gräueltaten wie der Holocaust, Kriege oder eben auch die Apartheid mitsamt der menschenverachtenden Umstände des Sklavenhandels bedürfen ein entsprechendes, inszenatorisches Umfeld, um beim Zuschauer ein Gefühl für das auszulösen, was dieser (im besten Fall) nie am eigenen Leib miterlebt hat. Entsprechend ehrfürchtig steht man als Betrachter vor Filmen wie «Schindlers Liste», «Der Soldat James Ryan» oder «12 Years a Slave», denn ganz gleich ob wir dort gerade die Nacherzählung eines echten Schicksals sehen, oder aber ein fiktives stellvertretend für ganz viele stehen soll: Wer derartige Geschichten erzählt, will in der Regel nicht bloß unterhalten, sondern wachrütteln, anklagen und erinnern.

Insofern ist es auch gar kein Wunder, dass derartige Produktionen alljährlich beste Chancen auf die großen internationalen Filmpreise haben. Mit dem Votum für eine solche Produktion lässt sich eben auch schnell das eigene Gewissen beruhigen. Doch je öfter sich das immer gleiche Erzähl- und Inszenierungsschema wiederholt, desto überdrüssiger wird der Zuschauer dem selbst dann, wenn das Gezeigte eigentlich wirklich dramatisch ist. Eine Gefahr der Redundanz ist gegeben, die sich nur durchbrechen lässt, wenn man sich traut, neue Wege zu gehen. Weg vom eindimensionalen Betroffenheitskino, das ausschließlich auf eine Emotion setzt; hin zum Versuch, den Zuschauer zu fordern.

Dem Schrecken den Schrecken nehmen - ohne Schrecken


Mit seiner Adolf-Hitler-Satire «Der große Diktator» war Charlie Chaplin im Jahr 1940 einer der ersten, der wusste, dass man Schreckgestalten ihr Ansehen vor allem damit nimmt, indem man sich über sie lustig macht. Die Kunst besteht darin, diesen Punkt nicht mit einer Verharmlosung zu verwechseln; ein modernes Pendant dazu bildete 2015 die Buchverfilmung «Er ist wieder da» von David Wnendt. Doch es ist nicht bloß Humor, der einen ganz neuen Zugang zu einem ernsten Thema ermöglichen kann und damit vielleicht sogar dafür sorgt, dass man sich eines Themas annimmt, vor dem man sich aufgrund der Dimension vorab bewusst verschlossen hat. Vor allem Überzeichnung und Übertreibung kann Mensch die Augen öffnen. Ein Zeitgenosse, der das verinnerlicht hat, ist Quentin Tarantino. Sein Rachewestern «Django Unchained» war nur die konsequente Fortführung des visuell brachialen, erzählerisch aber weitestgehend bodenständigen Kriegsfilms «Inglourious Basterds».

Im Finale des preisgekrönten Meisterwerks durfte dieser Django, gespielt von Jamie Foxx, in schier endlosen Einstellungen um sich ballern, literweise Blut vergießen und Rache üben für die Pein, die er als Sklave miterleben musste. Brutal, konsequent, nötig – und ein ziemlich cleverer Schachzug im Zusammenspiel mit den eineinhalb Stunden zuvor, in denen Tarantino in nachdrücklichen Bildern von blutgetränkten Baumwollfeldern Symbole sprechen ließ. Betroffenheit? Fehlanzeige. «Django Unchained» zelebriert Gewalt und Gegengewalt und zeigt damit das, was Rassendramen nur andeuten. Wo andere Regisseure nur reden, hält Tarantino voll drauf. Damit begibt sich der Zuschauer zwar mitunter in die Position des Voyeurs, kann aber anders als bei den meisten Dramen nicht weggucken. Tarantino beweist damit: Das Aufgreifen tiefschürfender Themen und Entertainment können tatsächlich Hand in Hand gehen – sofern fähige Hände am Werk sind.

Ein bekanntes Szenario


Doch was haben «Der große Diktator», «Er ist wieder da» und «Django Unchained» mit «Get Out» zu tun? Es ist die konsequente Fortführung eines Trends, weg vom tristen Betroffenheitskino, hin zum Versuch, ein gesellschaftsrelevantes Thema so aufzubereiten, dass man als Zuschauer nicht das Gefühl bekommt, die Macher gingen von vornherein mit einem Bildungsauftrag an ihr Publikum heran. Mit dem Gefühl eines erhobenen Zeigefingers im Nacken, fühlt sich ein Film nämlich direkt nur halb so authentisch an. Jordan Peele nimmt sich in seinem Clash aus Horrorfilm, Komödie (!) und Gesellschaftssatire das aktuell durch die Wahl von US-Präsident Trump beflügelte Thema der Rassen(un)gleichheit an und klopft es auf seinen Stellenwert in der Gegenwart ab. Das Ausgangsszenario: Antritt bei den Schwiegereltern. Sie: weiß („Aber keine Sorge, mein Vater hätte auch beim dritten Mal Obama gewählt!“), er: schwarz. Als wäre das nicht genug, findet am selben Wochenende ein großes Familienfest auf dem Anwesen statt. Und wieder sind alle weiß, außer der Freund. Chris heißt er und wird gespielt von «Black Mirror»-Star Daniel Kaluuya. Für ihn wird das ruhige Family-Stelldichein zum Spießroutenlauf. Es geht um Vorurteile, gut gemeinte Komplimente, die permanente Betonung gesellschaftlicher Unterschiede – bis alles eskaliert.

Die Idee, den Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern zum erzählerischen Dreh- und Angelpunkt zu machen, ist brillant. Nach außen hin tun wir alle tolerant. Wie sehr wir das sind, offenbart sich aber oft erst, wenn wir direkt mit einer Situation konfrontiert werden, die uns genau diese für uns eigentlich so selbstverständliche Toleranz abverlangt. Als Zuschauer sind wir nicht nur mittendrin im Szenario (ob wir uns dabei auf die Seite der Familie, oder auf die Seite von Chris schlagen, ist da erst einmal ganz nebensächlich), wir werden von Jordan Peele außerdem von einem diffusen Gefühl der Unsicherheit malträtiert. Peele konfrontiert uns mit Situationen, die so konfus daherkommen, dass wir aus Reflex laut los lachen, um später erst zu merken, wie schockierend es ist, dass uns das gerade wirklich passiert ist. Im Moment dieser Erkenntnis beginnt die Auseinandersetzung mit dem Gezeigten. Filme, die von der ersten bis zur letzten Sekunde genau vorgeplant haben, wann welche Emotion das Publikum zu erreichen hat, laufen schnell Gefahr, an uns vorbei zu rauschen. Doch sobald man sich nicht mehr auf ein einziges Gefühl festlegt, wir es komplexer. Wir entscheiden selbst, worauf wir reagieren wollen, was uns anspricht, wie wir das Gezeigte verarbeiten. Aber wir reagieren. Und damit schafft «Get Out» mehr, als all die vielen Porträts über bedeutsame Figuren des Weltgeschehens, die uns nie so nahe gehen können, wie ein Mann, der gerade dabei ist, etwas zu tun, wo wir alle schon durch mussten: den ersten Besuch bei unseren Schwiegereltern.

Für «Get Out» könnte diese Erfolgsgeschichte (aktuell knapp 190 Millionen US-Dollar Einspiel bei Produktionskosten von 4,5 Millionen!) ab kommender Woche weitergehen – in Deutschland. Nicht nur das Thema Rassengleichheit ist hier seit einiger Zeit wieder ähnlich aktuell wie in den USA, auch die hiesigen Feuilletons zeigen sich genauso begeistert wie in Übersee. Momentan verbucht «Get Out» auf dem Online-Bewertungsportal Rotten Tomatoes einen Fresh-Score von 99 %. Von 231 professionellen Kritikern bewertete ihn lediglich ein einziges (!) Medium negativ. Auch die Audience-Wertung – und somit die des zahlenden Kinopublikums – kann sich mit 89% sehen lassen. Große deutsche Filmbewertungsportale zücken Höchstpunktzahlen und auch wir von Quotenmeter.de werden in der kommenden Woche in diese Lobeshymne einsteigen. Jordan Peele hat übrigens bereits verlauten lassen, nicht uninteressiert daran zu sein, ein Sequel zu inszenieren. Tragisch, dass Hollywoods Geldgier ebenso unersättlich ist, wie der menschliche Rassismusgedanken...

«Get Out» ist ab dem 4. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Kingsdale
30.04.2017 09:08 Uhr 1
Langweiliger Psydo-Horror-Thriller der nur durch sein Rassismusthema an Beachtung fand, was allerdings in unseren Jahr so gar nicht mehr passt. Der Film ist nix.
Sentinel2003
30.04.2017 10:22 Uhr 2
Tja, dir sag mal der Kritikerin....
Atum4
30.04.2017 22:07 Uhr 3
Heute gesehen, wirklich Klasse der Film und mal wieder endlich ein Film der eben nicht nach Plaupause gemacht ist.

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