Die Kino-Kritiker

«Creed – Rocky’s Vermächtnis»

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Mit «Creed – Rocky’s Vermächtnis» kehrt Sylvester Stallones legendärer Boxsportler auf die Leinwand zurück. Dieses Mal als Trainer eines jungen Talents ...

Filmfacts «Creed – Rocky’s Legacy»

  • Regie: Ryan Coogler
  • Produktion: Robert Chartoff, Irwin Winkler, Charles Winkler, William Chartoff. David Winkler, Kevin King Templeton, Sylvester Stallone
  • Darsteller: Ryan Coogler, Aaron Covington
  • Story: Ryan Coogler, basierend auf Figuren von Sylvester Stallone
  • Darsteller: Michael B. Jordan, Sylvester Stallone, Tessa Thompson, Phylicia Rashād, Tony Bellew
  • Musilk: Ludwig Göransson
  • Kamera: Maryse Alberti
  • Schnitt: Claudia Castello, Michael P. Shawver
  • Laufzeit: 133 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Ring frei für die siebte Runde: Die «Rocky»-Saga geht weiter und beweist, dass noch immer viel Kraft und Leben in ihren alten Knochen steckt. Dabei schien sie bereits zwei Mal ihr Ende gefunden zu haben. 1990 wollte Hauptdarsteller und Drehbuchautor Sylvester Stallone mit «Rocky V» seine fiktive Boxerbiografie zu einem runden, den Sport kritisierenden Abschluss führen und die Titelfigur begraben. In letzter Minute hatte Stallone aber Bedenken und schrieb die letzte Szene des Films um. Zum Glück, wie sich herausstellte, denn auch ohne Rockys Ableben erzürnte «Rocky V» aufgrund seiner Machart die Fanbase. 2006 lief dann die verspätete Entschuldigung für «Rocky V» an: Mit «Rocky Balboa» zeigte Stallone (der nun wieder wie bei «Rocky II – IV» Regie führte) die späten Jahre seiner populären Figur und ließ sie noch einmal mit Würde in den Ring steigen. Positive Kritiken und eine generell sehr freundliche Reaktion der Fans machten das Drama zu einer versöhnlichen Schlussnote für das Franchise.

Aber ein Fan hatte nach «Rocky Balboa» noch immer nicht genug: Indie-Filmer Ryan Coogler, der sich die Idee in den Kopf gesetzt hat, einen Film zu verwirklichen, in dem Rocky als Trainer zum Boxsport zurückfindet. Genauer gesagt: Als Trainer des unehelichen Kindes seines einstigen Erzrivalen und späteren besten Freundes, Apollo Creed. Im ersten Anlauf konnte Coogler die Entscheidungsträger nicht überzeugen, nachdem sein Langfilmdebüt «Nächster Halt: Fruitvale Station» äußerst gut aufgenommen wurde, fand er aber neues Gehör. Und so kam es dazu, dass Stallone erstmals die Geschicke der Rolle, die ihm zu seinem Durchbruch verholfen hat, fremden Händen anvertraute: Coogler durfte mit seinem Schreibpartner Aaron Covington das Skript verfassen – die ersten sechs «Rocky»-Filme stammten noch von Stallone selbst.

Doch selbst wenn «Creed – Rocky’s Legacy» vereinzelte Schwächen aufweist, so lässt sich guten Gewissens sagen, dass Stallone die Boxhandschuhe sehr fähigen Menschen übergeben hat, die das Rocky-Vermächtnis mit großer Ehrfurcht behandeln. Vielleicht sogar mit zu großer Ehrfurcht: Wie auch «Star Wars: Das Erwachen der Macht» ist dieser siebte Teil eines erfolgreichen, in den 70er-Jahren entstandenen Franchises Fortsetzung und Neustart in einem – und vollführt die Staffelstabübergabe, indem er deutliche Parallelen zum Original zieht. Wo «Star Wars: Das Erwachen der Macht» aber Feeling und Struktur vom ersten «Krieg der Sterne» übernimmt, entleiht «Creed» zudem viele dramaturgische Details aus «Rocky», was das neue Boxerdrama selbst an Genremaßstäben gemessen vorhersagbar macht.

Dessen ungeachtet entwerfen Coogler und Covington eine überzeugende Geschichte über den jungen Adonis Johnson (Michael B. Jordan), der nach einer turbulenten Kindheit von der Witwe seines Vaters aufgenommen wird. Obschon diese ihn wie ihren eigenen Sohn aufzieht und er einen gut bezahlten Job in einem Wertpapierunternehmen findet, fühlt sich Adonis orientierungslos und unglücklich: Der kampfsportvernarrte junge Mann möchte in die Fußstapfen seines Vaters treten und Profiboxer werden. Da er bei einer Elite-Boxschule abgelehnt wird, sucht er kurz entschlossen Rocky Balboa (Sylvester Stallone) auf, um sich von ihm unterrichten zu lassen. Nach kurzem Zögern willigt dieser ein, den unehelichen Sohn Apollos zu einem Spitzenboxer heranzuziehen – denn die gealterte Boxlegende hat sonst eh kaum etwas, wofür es sich zu leben lohnt …

Obwohl auf Basis dieses Grundkonzepts ein Plot entsteht, der fast schon ein «Rocky»-Remake sein könnte, entwickelt «Creed» in zweierlei Hinsicht eine reizvolle Eigendynamik: Auf der einen Seite gibt Regisseur Coogler seinem mit 133 Minuten etwas langgezogenen und daher phasenweise auf der Stelle tretenden Film ein individuelles Flair. Er beweist, wie schon in seinem Debüt, ein scharfes Auge dafür, was das städtische Leben junger Afro-Amerikaner anbelangt – und umschifft dabei souverän die typischen Hollywoodklischees. Auf der anderen Seite lebt «Creed» von der Beziehung zwischen Adonis und Rocky: Der unter anderem aus «Fantastic Four» bekannte Michael B. Jordan und Sylvester Stallone haben eine wundervolle Chemie und ihre Rollen wachsen daher, wann immer sie gemeinsam zu sehen sind, weit über die übliche Schüler-Mentor-Mentalität hinaus.

Als allmählich verblassende, einst so große Persönlichkeit, die durch Creeds Spross einen dezenten Energieschub erhält, liefert Stallone letztlich sogar seine beste schauspielerische Leistung seit Jahrzehnten ab. Der nuancierteste Mime war Stallone zwar noch nie, doch wenn Rocky verloren und einsam in die Welt hinausblickt, mit seinem Alter kämpft oder sich sein nuschelig-dunkler Tonfall doch Mal aufhellt, weiß der Actionstar tatsächlich, Gänsehaut zu erzeugen. Der vielschichtigen Zeichnung der beiden zentralen Figuren stehen leider sehr holzschnittartigen Nebenfiguren gegenüber, weshalb die Szenen, die weder von Adonis‘ inneren Antrieb handeln, Rocky beinhalten oder im Boxring spielen, an Zugkraft verlieren. Auch die obligatorische Romanze Adonis‘ bleibt farblos, da dessen Auserwählte Bianca (Tessa Thompson) zwar interessante, experimentelle Musik komponiert und aufgrund ihrer schleichend entstehenden Taubheit auf dem Papier Akzente setzt, charakterlich allerdings keinen Eindruck hinterlässt.

Umso einprägsamer sind die beiden ausführlich gezeigten Boxkämpfe: Einen fangen Coogler und Kamerafrau Maryse Alberti («The Wrestler») in Echtzeit ohne einen einzigen Schnitt ein, womit sie den Zuschauer in Form einer komplexen Choreografie mitten ins Geschehen versetzen. Der andere große Kampf des Films ist stilistisch konventioneller eingefangen, punktet aber mit knallharten Schlägen, einem energiereichen Schnitt sowie dem raffinierten Score von Ludwig Göransson. Dieser vermischt neue Themen sowie Abwandlungen bekannter «Rocky»-Themen zu einer schlagkräftigen neuen Einheit, die (vor allem gegen Schluss) ebenso in den ruhigen Momenten aufzuwühlen weiß. Spätestens, wenn Göransson das «Rocky»-Leitthema melancholischer anstimmt, als es je zu hören war, darf man sagen: Staffelübergabe geglückt!

Fazit: Etwas straffer dürfte «Creed – Rocky’s Legacy» sein, aber mit tollen Performances von Michael B. Jordan und Sylvester Stallone sowie zwei denkwürdigen Boxszenen ist die neuste «Rocky»-Fortsetzung eine würdevolle Weitererzählung der Sportsaga.

«Creed – Rocky’s Legacy» ist ab sofort in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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