360 Grad

RTL in der «Homeland»-Falle

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Auch RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann hat seine Enttäuschung über die mangelhaften Quoten von «Deutschland 83» bekundet. Warum er die Serie trotzdem verlängern sollte...

Mit «Deutschland 83» sei man, überspitzt formuliert, in die «Homeland»-Falle getappt, sagte RTL-Programmgeschäftsführer Frank Hoffmann in einem Interview mit Thomas Lückerath von DWDL.de. Will sagen: Die enttäuschenden Quoten der im In- und Ausland viel gelobten Serie seien (mitunter) darauf zurückzuführen, dass sie, ähnlich wie «Homeland» oder «Breaking Bad», für eine zu spitze Zielgruppe konzipiert war. Zu elitär, zu intellektuell, zu innovativ, zu ungewohnt oder eine Mischung aus all diesen Attributen.

Hoffmann mag mit dieser Analyse durchaus recht haben. «Homeland» und «Breaking Bad» können auch in den USA nur bedingt als Massenphänomene aufgefasst werden. Zumindest, was die Zuschauerzahlen ihrer Erstausstrahlungen angeht: Keine «Homeland»-Staffel kam bei Showtime bisher auch nur ansatzweise an durchschnittlich drei Millionen Zuschauer (eine Hürde, die «Deutschland 83» im viermal kleineren Deutschland immerhin bei der Premierenfolge reißen konnte), während «Breaking Bad» lange im Schatten der AMC-Schwesterserie «Mad Men» stand und es bis auf die letzte Staffel nie auf durchschnittlich mehr als zwei Millionen Zuschauer schaffte. Gemessen an den Einschaltquoten prügelt die 08/15-Crime-Serie «NCIS» beide Spitzenformate in den USA in Grund und Boden.

Dass man trotz der vergleichsweise niedrigen Zuschauerzahlen doch an allen Ecken von Walter White und Carrie Mathison hört, hat vielfache Gründe. Beide Serien sprechen eine sehr engagierte Zielgruppe an und finden Gefallen bei zahlreichen Multiplikatoren. Sie waren Talk of the Town und wurden nicht nur am Watercooler, sondern auch in der medialen Öffentlichkeit diskutiert – ob mit Parodien in einschlägigen Late-Night-Shows, als Themen in Talk-Sendungen oder als beliebte Gewinner bei renommierten Preisverleihungen.

Nun ist es auch für Frank Hoffmann kein Geheimnis, dass RTL einen gewissen Ruf hat. Schon in der Gründerzeit hat man gewitzelt, die Abkürzung stehe für „Rammeln, Töten, Lallen“ und das spiegele sich nun eben auch im Programm wieder. Noch intensiver wurde die Kritik (oder oft auch: die Pöbelei) vor einigen Jahren, als weite Teile des Programms kaputtoptimiert wurden. Scripted-Reality am Nachmittag, abstoßende Doku-Soaps am Wochenende, altbackene Fiction und nur ein absolutes Minimum an Information und Journalismus, und wenn, dann ausschließlich boulevardesk.

Wie gesagt: Manches davon ist ungerecht gewesen. Doch Frank Hoffmann ist es gelungen, hier gegenzusteuern und RTL gerade im journalistischen Bereich klar und sinnvoll zu positionieren. Sogar den direkten Vergleich mit den hehren öffentlich-rechtlichen Sendern brauchte man in diesem Segment nicht immer zu scheuen: Man denke an die erstklassige Wallraffreportage zur Burger-King-Kette im Vergleich zur sinnentleerten Nonsens-Fast-Food-Show im ZDF.

Mit «Deutschland 83» hat RTL nun eine Serie im Programm, die sich inhaltlich klar mit den besseren Eigenproduktionen von ARD und ZDF messen lassen kann. Die Quoten mögen enttäuscht haben, aber diese Serie ist wichtig für die Marke RTL. Denn sie ist eines der besten Argumente des Senders, mit denen man den pöbelnden Kritikern das Wasser abgraben kann. Eine Verlängerung wäre ein klares Bekenntnis für ein hervorragendes fiktionales Format und für den Anspruch, inhaltliche Qualität auch dann zu unterstützen, wenn sie sich nicht (sofort) in Marktanteilsgewinne umsetzen lässt.

Das mag man für naiv halten, weil es den unmittelbaren Gewinnerwartungen des Senders zuwider läuft. Oder weitsichtig, weil es die Marke RTL und damit den ganzen Konzern nachhaltig positiv bei seinen Konsumenten positioniert.

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