Die Kino-Kritiker

«Das brandneue Testament»

von

Die ungewöhnliche Religionssatire «Das brandneue Testament» setzt auf die (un-)heilige Dreifaltigkeit: Poesie, Beobachtungsgabe und Unkonventionalität.

Filmfacts «Das brandneue Testament»

  • Regie: Jaco Van Dormael
  • Drehbuch: Jaco Van Dormael und Thomas Gunzig
  • Darsteller: Pili Groyne, Benoît Poelvoorde, Yolande Moreau, Catherine Deneuve, François Damiens, Laura Verlinden
  • Kamera: Christophe Beaucarne
  • Schnitt: Hervé de Luze
  • Musik: An Pierlé
  • Ausstattung: Sylvie Olivé
  • Laufzeit: 115 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Nietzsche hat sich geirrt. Gott ist gar nicht tot. Besser wäre es aber. Denn Gott ist ein ungehobeltes, stinkendes, faules Arschloch. Er rafft sich nur auf, um seine Frau verächtlich nieder zu machen, seine Tochter zu tyrannisieren oder die Menschheit zu plagen. Die lässt er üblicherweise links liegen, doch wenn er ihr seine Aufmerksamkeit schenkt, dann orchestriert er mit sadistischem Vergnügen Verkehrsunfälle, Umweltkatastrophen und sonstiges Unglück. Vieles lässt der widerliche Prolet jedoch von alleine laufen. Denn einst hat er auf seinem klapprigen DOS-Rechner Tausende von alltäglichen Unannehmlichkeiten als kosmische Gesetze festgelegt. All diese Trostlosigkeit ist in einer Wohnung im Herzen Brüssels beheimatet, die im abstoßendsten Unterschichten-Chic eingerichtet ist. Kein Wunder, dass Gottes Sohn JC vor gefühlten Ewigkeiten ausgebüxt ist.

Das Gottes- und Weltbild, das Regisseur und Ko-Autor Jaco Van Dormael zu Beginn seiner tragikomischen Religions- und Gesellschaftssatire «Das brandneue Testament» zeichnet, ist bitter. Abgeschmackt. Desolat. Es fällt kaum Licht in das Heim Gottes, die Einrichtung erdrückt in einem Fäkalbraun-Kotzgrün-Trübgrau-Mix jeglichen Hoffnungsschimmer und das Arbeitszimmer des Schöpfers ist mit seinen überdimensionalen Aktenschränken wahrlich kein Hort der Inspiration. Die These, dass Gott der Liebe und Fürsorge unfähig ist, könnten Van Dormael und Ausstatterin Sylvie Olivé auf bildästhetischer Ebene kaum forscher übermitteln.

Die Tristesse und Ekelhaftigkeit ist wohlgemerkt nur ein grober, wenngleich prägnanter, Pinselstrich im göttlich-humanistischen Fresko, das der belgische Filmschaffende mit «Das brandneue Testament» erschafft. Denn die kleine, kecke und trotzdem so kindlich-gutmütige Ea (Pili Groyne) verzieht sich aus dem Hause ihrer Eltern (Benoît Poelvoorde und Yolande Moreau), um sechs neue Apostel zu finden. Dann sind es zusammen mit den zwölf Anhängern ihres Bruders nämlich 18 Stück. Genügend, um eine Baseballmannschaft auf die Beine zu stellen. Und Baseball ist immerhin der Lieblingssport von Mama Gott! Bevor Ea flieht, sabotiert sie noch das Werk ihres Vaters und sorgt für die #DeathLeaks: Jeder einzelne Mensch bekommt sein exaktes Todesdatum zugeschickt, was die Welt aus den Angeln hebt.

Kriege werden abgeblasen, da sie eh zu Nichts führen würden. Millionen von Menschen krempeln ihr Leben um – entweder, weil sie mit ihren vielen, vielen verbliebenen Jahren noch etwas anfangen wollen, statt in der Ödnis zu verenden. Oder weil sie ihre wenigen, wenigen noch ausstehenden Tage voll auskosten möchten. Und genau sechs dieser Zeitgenossen wählt Ea aus, um 'Das brandneue Testament' zu verfassen. Da die aufgeweckte, aufmerksame Gottestochter nichts davon hält, sich selbst in den Mittelpunkt zu drängen, sollen die Apostel darin ihre jeweilige Lebensgeschichte erzählen. Als Querschnitt dessen, was die Menschheit ausmacht. Was sie bedrückt. Bewegt. Verändert.

Mit Eas Reise verschiebt sich sogleich die Tonalität dieser unkonventionellen Produktion. Aus der teuflischen Mixtur „Monty Python trifft «Götter wie wir» trifft die Albtraum-«Familie Heinz Becker» … getränkt in Billigbier“ wird eine träumerische Mär, die nicht wenig mit Jean-Pierre Jeunet und seinem Klassiker «Die fabelhafte Welt der Amélie» gemein hat. Doch Obacht: Deckungsgleich sind die Fabelwelt Amélies und das Pilgermärchen Eas nicht! Jeunets Impressionismus wird bei Van Dormael in Expressionismus verkehrt. Genauer gesagt in einen grüblerischen, trotzdem feinfühligen Expressionismus, der sehr genau beobachtet, welche Macken, Schnurren, Empfindsamkeiten die menschliche Art aufweist.

Van Dormael und sein Schreibpartner Thomas Gunzig reihen Szenen assoziativ aneinander, ordnen den roten Faden wellenförmigen Gefühlsschwankungen unter, statt einem makellosen, vorbildlichen dramaturgischen Dreieck. Und sie lassen das von ihnen erschaffene «brandneue Testament» vorübergehend mit dem brandneuen Testament nach Eas Aposteln verschmelzen. Was bedeutet, dass sechs charakterstarke (liebevoll überzeichnete) Individuen als Exempel für die gesamte Menschheit dienen. Mit sehr spezifischen Einzelschicksalen, deren mal intellektuellen, mal emotionalen Konnotationen allgemeingültig sind.

Die wenigsten «Das brandneue Testament»-Kinobesucher dürften wie Marco Lorenzinis Figur Obdachlose sein, die zwar eine Orthografieschwäche haben, jedoch mit ihren Niederschriften den Kern des Ganzen treffen. Oder einsame Schönheiten wie Aurelie (Laura Verlinden), die in der Kindheit einen schweren Unfall hatten. Oder verhinderte Ornithologen (Didier De Neck), sexuell ausgelaugte Pummelchen mit Traumstimme (Serge Larivière), emotionslose Killer (Francois Damiens) oder reiche Frauen mit tierischem Sexdrang (Catherine Deneuve). Die kauzigen Details dieser Plotfäden sind es jedoch, die «Das brandneue Testament» selbst in den poetischen und bekümmerten Momenten helfen, in Nähe des Komödienfachs zu bleiben. Die übergreifenden, feinen Wahrheiten hinter diesen Geschichten wissen derweil, zu berühren und zum Nachdenken anzuregen. Van Dormael und Gunzig erdreisten sich dennoch nie, so zu tun, als hätten sie auf die zentralen Sinnfragen Antworten parat. Was sie hingegen bieten, ist Perspektive. Eine außergewöhnliche Perspektive, durch welche ihre Religionssatire eine bereichernde Filmerfahrung darstellt.

Zumindest für diejenigen, die Belgiens Kandidat für den Auslands-Oscar 2016 auf dem richtigen Fuß erwischt. Denn Van Dormael mutet seinem Publikum eine sehr exzentrische, selbstsicher dargebotene Erzählung zu, die mit ihrer Art durchaus experimentierfreudige Sehgewohnheiten erfordert. Wenn Eas Odyssee zwischenzeitlich unterbrochen wird, um zu zeigen, wie ihr Vater planlos sowie entnervt unter seinen Schöpfungen wandert, weckt der begnadet selbstherrlich aufspielende Benoît Poelvoorde Schadenfreude. Diese wird von der stringenten Grässlichkeit, mit der Van Dormael den Bodensatz menschlichen (oder göttlichen) Verhaltens aufzeigt, aber auch gern im Keim erstickt. Und die lyrische Ausdrucksstärke der sechs neuen Evangelien paart er mit grundehrlicher, kindlicher Blauäugigkeit. Für diese Verschränkung an Tonarten müssen Kinogänger erst geschaffen sein – und willens, die mitunter sehr durchschaubaren Computereffekte zu verzeihen, die «Das brandneue Testament» mit sich bringt.

Fazit: «Das brandneue Testament» ergötzt sich zwischendurch sehr gern an platten Pointen, ist in seiner Gesamtheit aber profund. In seiner Darstellung blasphemisch, in seiner Botschaft aber ehrfürchtig. In seiner Charakterisierung mit groben Pinselstrichen erstellt, und trotzdem sensibel erzählt. Doch vor allem ist diese bissige Glaubensfarce einmalig!

«Das brandneue Testament» ist ab dem 3. Dezember 2015 in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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