Die Kino-Kritiker

«Macho Man»

von

Ein Christian Ulmen ohne Schwung, eine Aylin Tezel, die gegen das ideenlose Skript ankämpft und zahllose Klischees. Aber keine zündenden Gags: «Macho Man» lässt einen aufstöhnen. Vor Frust.

Filmfacts «Macho Man»

  • Regie: Christof Wahl
  • Drehbuch: Moritz Netenjakob, Roger Schmelzer
  • Produktion: Marc Conrad, Jan S. Kaiser, Klaus Dohle
  • Darsteller: Christian Ulmen, Aylin Tezel, Axel Stein, Samuel Finzi, Dar Salim, Nora Tschirner, Gitta Schweighöfer, Vedat Erincin, Lilay Huser
  • Kamera: Christof Wahl
  • Schnitt: Philipp Schmitt
  • Musik: Ingo Frenzel, Anfrej Melita
  • Laufzeit: 98 Minuten
  • FSK: ab 6 Jahren
Kann man 2015 noch immer eine schlichte Culture-Clash-Komödie über die im Beziehungsleben bemerkbaren Unterschiede zwischen Deutsch-Türken und Deutschen drehen, so als befänden wir uns weiterhin in den frühen 90er-Jahren? Wie viel Sinn ergeben jetzt noch Komödien über schüchterne, emotionale Männer, die eiskalte Machos werden wollen? Nun, wo wir im Zeitalter der behutsam aufbrechenden Genderkategorisierungen leben und ein Männerbild pflegen, das Chauvinismus nicht weiter fördert? Diese Fragen lassen sich gewiss ewig lang ausdiskutieren, und je nachdem, wer an dieser Debatte teilnimmt, kann diese Unterhaltung sicherlich gehaltvollere Formen annehmen als die berüchtigten «Hart aber fair»-Sexismusausgaben.

Die Kinokomödie «Macho Man» hingegen bietet nicht genug Stoff, um ausführlich über sie zu debattieren. Die Weichei-wird-zum-harten-Kerl-Story mit einer zünftigen Dosis Culture-Clash-Humor mag rein theoretisch die eingangs erwähnten Fragen lostreten. Tatsächlich jedoch provoziert «Macho Man» einzig und allein eine Reaktion: Einen ständigen, schwer zu unterdrückenden Fluchtgedanken. Denn selbst der bodenständige Christian Ulmen und die selten ausreichend für ihr schauspielerisches Können gefeierte Aylin Tezel vermögen es nicht, diesem humoristischen Rohrkrepierer nennenswerte Pluspunkte zu entlocken. Die unglücklichen Implikationen, die «Macho Man» vor seinem meilenweit gegen den Wind stinkenden Ende in Sachen Genderpolitik und Integration aufwirft, sind da noch zu vernachlässigen. Denn darüber, ob diese Komödie nun Vorurteile schürt, kommentiert oder dekonstruiert, wird wohl kaum jemand nachdenken: Schließlich sind die qualitativen Schwachpunkte zu aufdringlich, als dass neben ihnen andere Aspekte von «Macho Man» von Belang wären.

Basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Moritz Netenjakob wird die Geschichte des Softies und Werbeschöpfers Daniel (Christian Ulmen) erzählt, dem sein gesamtes Umfeld keinerlei Erfolg bei den Frauen zutraut. Aus seinem jüngsten Türkeiurlaub kommt der chronische Single aber wider Erwarten glücklich verliebt zurück: Der FC-Köln-Fan und Sohn zweier urtypischer 68er-Eltern (Gitta Schweighöfer und Peter Prager) gewann das Herz der goldigen und geduldigen Deutsch-Türkin Aylin (Aylin Tezel), die als Animateurin arbeitet und genau wie er in der Domstadt am Rhein lebt. In den Augen von Daniels Arbeitskollegen (Axel Stein, Inez Bjorg David, Vladimir Burlakov) kündigt sich der Super-GAU an, sobald Aylin in ihre rheinische Heimat zurückfliegt: Nun wird der Duckmäuser und Frauenversteher nämlich die Familie seiner Angebeteten kennenlernen, und wie doch jeder weiß, pflegen Türken strenge, archaische Bilder der Geschlechterrollen. Da hat der untrainierte, reflektierte Daniel doch keine Chance! Also lässt er sich von Aylins Bruder Cem (Dar Salim) zum durchsetzungsfähigen, selbstbewussten und selbstverliebten Macho ausbilden. Die traditionsbewussten Schwiegereltern in spe (Lilay Huser und Vedat Erincin) sind beeindruckt …

Softies gegen Machos, spröde deutsche Weltsicht gegen mit Inbrunst gelebte, deutsch-türkische Kultur: Das alles wurde bereits rauf und runter analysiert, parodiert und relativiert. Sowohl dramatisch als auch komödiantisch. Die Filmvariante des Comedy-Romans «Macho Man» hat nichts mehr zu bieten, was nicht schon mit schärferer Beobachtungsgabe und größerem Einfallsreichtum an anderer Stelle, etwa in der Serie «Türkisch für Anfänger», durchgekaut wurde. Dass die hölzern von Christof Wahl inszenierte Komödie in ihren stellenweise vollkommen planlos arrangierten Bildern nur altbekannte Klischees aneinanderreiht, ist schon Grund genug, «Macho Man» links liegen zu lassen. Immerhin hat man die Story schon zig Mal gesehen – und kann sie in zig weiteren, besseren Varianten noch einmal erleben.

Dass dieser vom Verleih aus gutem Grund mehrfach verschobene Reinfall obendrein keinerlei Esprit hat, wenn es darum geht, seine Gags runter zu leiern, macht den erhofften Filmgenuss aber endgültig zum Verdruss. Cutter Philipp Schmitt schafft es auch mit regelmäßigem Schnittgewitter nicht, dem zähen Leinwandgeschehen einen Rhythmus zu verleihen, und Regiedebütant Christof Wahl fällt in der Bildgestaltung so manch fragwürdige Wahl. Da werden Axel Stein, Inez Bjorg David und Vladimir Burlakov gelegentlich wie an der Stange aneinander drapiert, während sie einem ungewohnt schwunglosen Ulmen lauschen. Leerläufe werden durch nichtssagende Totale kaschiert und Aylin Tezels Gesicht ist so häufig im Close-up zu sehen, dass man sich als Zuschauer irgendwann wie ein aufdringlicher Fan fühlt, der seinem Idol beängstigend nahe rückt.

Zu allem Überfluss verzettelt sich diese Parade an verkorksten Kalauern auch noch in ihrer Erzählweise: Nach einem extra ausführlichen Einstieg, der Daniels und Aylins Kennenlernen schildert, findet die Geschichte kurz das richtige Tempo, als sich Warmduscher Daniel aufgrund seiner mangelnden Kantigkeit nervös machen lässt. Die Wandlung vom Möchtegern- zum Vollblut-Macho erfolgt danach jedoch mit halsbrecherischer Geschwindigkeit, woraufhin die Story alberne Kapriolen schlägt und obendrein Tezel aus dem Fokus verschwindet. Ohne Tezels Charisma und der von ihr gespielten, auf zwei Beinen wandelnden Motivation für Daniel, sich zum Lackaffen machen zu lassen, nimmt «Macho Man» geradezu schmerzhafte Züge an. Ulmen hampelt übertrieben chauvinistisch über die Leinwand, ohne dass das neue Ich seiner Rolle überzeugt oder wahlweise mit parodistischer Raffinesse auftrumpft – stattdessen ist Fremdscham pur angesagt. Jedenfalls so lange, bis das keinerlei Gewitztheit bietende, von Überraschungen befreite Ende herein poltert und ein dröges Gefühl der Gleichgültigkeit mit sich bringt.

Sucht man in diesem von einem eintönigen, hämmernden und aufgesetzten Soundtrack geplagten Totalausfall händeringend nach Pluspunkten, so könnte man (von der mühevoll gegen die Klischees anspielenden, doch gewaltig unterforderten Tezel abgesehen) höchstens Samuel Finzi nennen. Sein brüllender, opportunistischer Werbeagenturchef mag zwar genauso überzogen und ideenlos sein wie der Rest des Films, aber Finzi spielt dies in seinen wenigen Szenen ansatzweise selbstironisch. Für einen Lacher reicht das zwar längst nicht, allerdings lässt es sich über ihn schmunzeln, während «Macho Man» einen sonst nur aufstöhnen lässt. Nicht vor lauter Erfüllung, sondern vor Verlangen, dass es endlich aufhört.

Fazit: Gags, die ins Nichts verpuffen, schwammige Figuren und Klischees, die schon in den 90ern ausgedient haben: «Macho Man» erzeugt keine Lust, sondern lediglich Frust.

«Macho Man» ist ab sofort in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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