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Oscar-Analyse: So waren die 87. Academy Awards

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Wie war die Show mit Neil Patrick Harris? Lassen sich anhand der vier «Birdman»-Auszeichnungen irgendwelche Trends ablesen?

Die Show
Er kann singen, tanzen, schauspielern, scherzen und weiß, all dies zu nutzen, um einen fantastischen Oscar-Moderator abzugeben. Aber versteifen wir uns an dieser Stelle nicht zu sehr auf Hugh Jackman, der 2009 eine großartige, kurzweilige Show ablieferte, sondern blicken auf Neil Patrick Harris, der sich redlich bemühte, die 87. Verleihung der Academy Awards in eine ähnliche Richtung zu lenken. Auf dem Papier waren alle notwendigen Elemente vorhanden. Wie Jackman hat auch Harris eine unbändige Energie, starkes komödiantisches Timing und mimisches wie auch musikalisches Talent. Anders als Jackman, der zudem von den geschliffensten Gags profitierte, die es in jüngerer Vergangenheit bei den Oscars zu hören gab, hatte Harris während der großen Gala dagegen mit einem durchwachsenen Skript zu kämpfen. Nach seiner Eröffnungsnummer kam es zu einem ständigen Auf und Ab – jede sitzende Überleitung zwischen zwei Segmenten der Show wurde von einem im Auditorium verhallenden Kalauer aufgewogen.

Vor allem die Anmoderationen der Laudatoren blieben nur selten haften, allerdings gelang es dem «How I Met Your Mother»-Star, mit seiner Ausstrahlung und seiner Attitüde die Schwächen des Skripts partiell zu überdecken. Wenn Harris Wortspiele wie „you could eat her with a spoon … … … Reese Witherspoon!“ klar als bemühte Witze markierte, wusste er, sie doch noch zu Lachern umzumünzen. Auch spontane Reaktionen auf unvorhersehbare Ereignisse, wie markante Zitate aus Dankresreden oder den Verlauf der Gewinnerverteilung, waren dank Harris spürbarer Freude über seine Moderationspflichten amüsant. Ellen hatte 2014 vielleicht die höhere Gag-Trefferquote, ihr routiniert-unberührter Hostingstil war jedoch auch deutlich unspektakulärer und wusste weniger zu fesseln. Harris wagte da deutlich mehr – statt nur Pizza zu bestellen, traute er sich zum Beispiel an eine «Birdman»-Persiflage heran, inklusive Auftritt in knapper weißer Unterhose. Bestes Showelement blieb dennoch seine Gesangs- und Tanznummer (mit Anna Kendrick und Jack Black) direkt zu Beginn, die sich mit Humor aber auch Passion durch das Filmjahr schlug. Generell ist Harris' Versuch, gleichermaßen zu unterhalten wie auch Werbung für die Kunstform Film zu machen, sehr löblich – dieser Aspekt ging bei manchen seiner Vorgängern verloren.

Problematisch war indes die Regiearbeit: Eines der genüsslichsten Elemente einer Oscar-Verleihung ist es, sich die Reaktionen der anwesenden Filmstars anzuschauen. Wirklich pointiertes Umschwenken oder -schneiden war bei der diesjährigen Gala aber Glückssache. Es gab während der besagten «Birdman»-Parodie kein pointiert gezeigtes Material der Filmcrew und auch kollegiale Seitenhiebe während der Anmoderationen und Dankresreden wurden nur selten unterstrichen. Ebenfalls sehr schade: Die Musikeinlage nach dem optisch sehr geschmackvollen „In memoriam“-Segment wirkte wie ein dramaturgisches Vakuum. Es ist wohl an der Zeit, diese obligatorische Gesangsnummer einzustampfen.

Die Gewinner


Die Academy sendet der Filmindustrie aktuell sehr widersprüchliche Signale. Einerseits schaut sie derzeit mit versiertem Blick über den Hollywood-Tellerrand hinaus: Der Preis für die beste Regieleistung ging an den «Birdman»-Macher Alejandro González Iñárritu – und somit zum fünften Mal hintereinander an jemanden, der nicht aus Amerika stammt. So sehr dies dafür spricht, dass Hollywood sich selbst nicht weiter eine übergeordnete Bedeutung zumisst, so sehr widerspricht die Wahl des besten Films eben jener These. Denn die über die Divergenz zwischen Theater- und Filmarbeit, zwischen Popcornunterhaltung und unterhaltender Kunst refierende Komödie erhielt auch den Oscar für den besten Film. Nach «Argo» und «The Artist» ist dies also nun der dritte Film übers Filmemachen innerhalb von vier Jahren, der den Hauptpreis absahnt – haben wir es also doch mit einer selbstverliebten Phase Hollywoods zu tun?

Immerhin gingen nicht nur vier Awards an «Birdman», sondern auch drei an «Whiplash». Das Psychodrama von Damien Chazelle handelt zwar nicht von der Kunst der Filmproduktion, sondern von einem überpassionierten Jazz-Drummer, dennoch geht es auch in diesem Werk um eine Kunst und die Hingabe, die manch einer für sie zeigt. Der vierfach prämierte Wes-Anderson-Film «Grand Budapest Hotel» legt indes gesteigertes Augenmerk auf seine Handwerkskunst – das für seine Authentizität gefeierte Coming-of-Age-Drama «Boyhood» ging unterdessen mit nur einem Oscar nach Hause, genauso wie die Biopics «Die Entdeckung der Unendlichkeit» und «The Imitation Game».

Daran bereits einen Trend ausmachen zu wollen, ist vielleicht zu gewagt. Auffällig ist dies trotzdem – Talente waren bei den Oscars 2015 von überall her willkommen. Der inhaltliche Schwerpunkt lag derweil nah an dem, was die Academy-Mitglieder tagtäglich beschäftigt. Wenig überraschend, dass dies noch während der Verleihung in der cineastischen Webcommunity teils scharf kritisiert wurde. Wohlgemerkt wird es auch jedes Mal ebenso bemängelt, wenn die Academy sich auf historische, inspirierende Dramen über bewegte Einzelschicksale stürzt. Recht können es die Oscars den Filmliebhabern eh nicht machen. Vielleicht ist es daher das Einfachste, nicht immer nach Zusammenhängen zu suchen. Für sich betrachtet traf die Academy dieses Jahr sehr gute Entscheidungen, wurden doch handwerklich außergewöhnliche, gelungene Werke ausgezeichnet – und keine schalen Filme ohne Alleinstellungsmerkmal. Insofern waren es eben doch sehr gute Oscars!

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