Die Kino-Kritiker

«Boyhood»

von

Rund 12 Jahre benötigte Richard Linklater, um «Boyhood» zu verwirklichen. Die Mühen haben sich gelohnt: Kaum ein Coming-of-Age-Drama ist lebensnaher und zugleich magischer als dieses Ausnahmeprojekt.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Richard Linklater
  • Produktion: Richard Linklater, Cathleen Sutherland, Jonathan Sehring und John Sloss
  • Drehbuch: Richard Linklater
  • Kamera: Lee Daniel und Shane Kelly
  • Schnitt: Sandra Adair
  • Kostüme: Kari Perkins
Langzeitprojekte, die sich auf cineastische Weise mit dem Erwachsenwerden befassen, sind üblicherweise dokumentarischer Natur und umfassen gleich mehrere Filme. Ein Paradebeispiel hierfür stellt die auf einer Idee von Karl Gass zurückgehende Dokumentarfilmreihe «Die Kinder von Golzow» dar. Fiktionale Beispiele für Langzeitfilme über das Altern sind dagegen rarer, jedoch mindestens ebenso faszinierend: François Truffaut etwa ließ im Antoine-Doinel-Zyklus sein für die Leinwand erschaffenes Alter ego, stets gespielt von Jean-Pierre Léaud, diverse biographische Stationen durchlaufen und Richard Linklater ließ zwischen den drei Romantikdramen «Before Sunrise» (1995), «Before Sunset» (2004) und «Before Midnight» (2013) das zentrale Figurenpaar mit seinen Darstellern in Echtzeit altern, um die Höhen und Tiefen einer Liebe in drei Lebensphasen zu thematisieren.

In der Zwischenzeit verpflichtete sich Linklater zudem einer weiteren über Jahre hinweg gedrehten, alltagsnahen und den Zauber im Ordinären zelebrierenden Produktion. Dabei betrat der Texaner gleich in mehrfacher Hinsicht filmhistorisches Neuland: Statt wie bei der «Before»-Reihe in regelmäßigen Abständen Filme zu drehen, die schlussendlich eine zusammenhängende Saga ergeben, erschuf er mit dem 163-minütigen Ausnahmefilm «Boyhood» ein unvergleichliches Kinoexperiment. Über 12 Jahre hinweg drehte er mit einer festen Crew und einem ebenso feststehenden Ensemble ein einzelnes, eigenständiges Coming-of-Age-Drama, das die Jugend eines Durchschnittsjungen illustriert. Wo in anderen Filmen entweder auf Effektschminke oder Schauspielerwechsel zurückgegriffen werden muss, altern in «Boyhood» die Darsteller daher immer mit ihren Figuren mit. So etwas gab es im Kino bislang noch nicht zu sehen, was aufgrund der komplizierten Logistik und der mit solch einem Vorhaben verbundenen Risiken (Was, wenn der Hauptdarsteller abspringt oder ihm etwas fatales passiert?) nicht verwundert. Allen möglichen Stolpersteinen zum Trotz lieferte Linklater aber eine erstaunliche Leistung ab: «Boyhood» ist nicht weniger als ein Wunderwerk der Kinogeschichte.

Allein schon durch ihre Produktionsgeschichte wohnt der Geschichte des jungen Mason aus Austin ein in dieser Form bislang einmaliger Kinoauber inne: Der kleine, schwelgerisch in den Himmel blickende Sechsjährige, auf den die Kamera zu Beginn hinabfährt, wird sich in den darauf folgenden mehr als zweieinhalb Filmstunden durch eine Vielzahl an Geschehnissen sukzessive in einen anderen Menschen verwandeln. Gleichwohl bleibt er auf gewisser Ebene bis zum Schluss ein und derselbe – immerhin schauen dem Publikum auch zum Schluss die ausdrucksstarken Augen Ellar Coltranes entgegen, der sich vom knuffigen Buben zum feschen College-Studenten entwickelte. Im Verlauf dieser Wandlung fängt Linklater ein, wie sich obendrein die entscheidenden Personen in Masons Leben (und ihre Darsteller) optisch verändern, sei es Masons Schwester Samantha (Linklaters Tochter Lorelei), seine Mutter Olivia (Patricia Arquette) oder sein Vater Mason Sr. (Ethan Hawke).

Obwohl der Anblick der im Laufe der Filmminuten alternden Darsteller die Wirkung von «Boyhood» enorm verstärkt, so beruht die Ausstrahlungskraft dieses Dramas auf seines intuitiven Gespürs für den Lebensalltag: Im Alter von sechs bis 18 Jahren ereilen einen im Regelfall zahlreiche einschneidende Momente. Einschulung, Schulwechsel, das Schließen von Freundschaften, der Verlust von Weggefährten, erste romantische Erfahrungen, die Führerscheinprüfung, der Schulabschluss und vieles, vieles mehr. Doch das eigene Leben hält sich nicht an diese Normbiografie unserer westlichen Kultur und genauso wenig setzt unser Gedächtnis in Übereinkunft mit solch konventionellen Eckpunkten Akzente. Ohne Weiteres kann irgendein inhaltlich triviales, aber erleichternd angenehmes Gespräch mit dem Vater während eines Zelturlaubs lebhafter in Erinnerung bleiben als der erste Schultag. Und der letzte Streit mit der ersten großen Liebe brennt sich womöglich besser ins Gedächtnis ein als der erste Sex.

Das Leben generell erfolgt in mosaikartigen Episoden, und genauso wird auch die eigene Erinnerung an unsere persönlichen Lebenserfahrungen bestenfalls durch einen losen, die Lebensetappen verbindenden Faden zusammengehalten. Linklater ist sich dessen bewusst und spiegelt dies in «Boyhood» wider. Während viele Coming-of-Age-Dramen sklavisch die üblichen Stationen abklappern und zahlreiche „Slice of Life“-Filme wie «Spanglish» zwar auf einen deutlichen narrativen Faden verzichten, aber dennoch ein filmisch-konventionelles Zeitgefühl vermitteln, geht diese Erzählung andere Wege. Die Sprünge zwischen den einzelnen (manchmal mehr und manchmal weniger stark miteinander verbundenen) Fragmenten aus Masons Leben sind unterschiedlich groß. Mitunter vergehen zwischen zwei Szenen nur wenige Minuten oder Tage, andere Male springt Linklater um ein ganzes Jahr nach vorne.

Stets steckt der Autorenfilmer seine narrativen Lücken so ab, dass es der Struktur des Gesamtwerks als faszinierendes Kaleidoskop an Jugenderfahrungen zugutekommt. Ähnlich lebensnah wie diese sprunghaften Entwicklungen ist zudem, wie sehr sich Linklater in seiner Auswahl dessen, welche Momente für ihn in der fiktionalen Biografie Masons erwähnenswert sind, von ausgetretenen Pfaden verabschiedet. Beispielsweise reißt der Regisseur Masons erste wild durchzechte Nacht nur an, während das anschließende Gespräch mit seiner Mutter in voller Länge über die Leinwand flimmert. Mit dieser erzählerischen Entscheidung rückt Linklater «Boyhood» von filmischen Konventionen hinweg und näher an den Erfahrungsalltag – denn schließlich geschieht es oft genug, dass eine Diskussion über ein Ereignis letztlich länger nachhallt als die eigentliche Tat.

Derartige Auslassungen vermeintlich wichtiger Lebenseinschnitte zugunsten eingangs profan erscheinender Augenblicke erfüllen bei Linklater zudem stets eine inhaltliche Funktion. Beispielsweise ist es erzählerisch wertvoller, Masons Begegnung mit seiner Mutter direkt nach seiner abenteuerlichen Nacht zu zeigen, da diese unterstreicht, wie sich die Beziehung zwischen ihnen während seiner Pubertät ändert. Es wäre unnötig aufzuzeigen, wie der wilde Partybesuch aussieht – für Masons Charakterisierung ist allein entscheidend, dass auch er eine Sturm-und-Drang-Phase durchmacht, und diesen Umstand reißt «Boyhood» ganz erzählökonomisch an.

Bei alledem setzt sich «Boyhood» dennoch nicht bemüht über Lebensmomente hinweg, die gemeinhin mit hoher Bedeutung versehenen werden. Teilweise fallen auf Masons Weg zum Erwachsensein eben doch persönlich denkwürdige Ereignisse mit biografischen Standardeckpfeilern zusammen. Eine längere Passage illustriert beispielsweise, wie er als Jugendlicher seinen Geburtstag mit den erzkonservativen Schwiegereltern seines Vaters verbringen muss, der dem Scheidungskind mit seiner liberalen Spät-Hippie-Art lange Zeit ein Vorbild war. Diese Episode könnte leicht ins Parodistische abgleiten, doch ihr Kontext, Linklaters unnachahmlich authentische Dialoge und die unaufdringlichen, naturalistischen Performances der Schauspieler erden sie mühelos.

In praktisch jeder Sequenz gehen die Schauspieler in ihren Rollen auf, was vor allem in den frühen Szenen für Linklaters zielstrebige Regieführung spricht. In späteren Szenen profitiert das Schauspiel hingegen logischerweise auch davon, dass die Ensemblemitglieder über die Jahre hinweg eine enge Beziehung zueinander aufbauen konnten. Im Gegenzug dafür, dass die späteren Szenen schauspielerisch stärker wie Selbstläufer wirken, unterstreichen diese umso mehr das große Talent Linklaters als Drehbuchautor – pflegt er doch gesellschaftliche und popkulturelle Entwicklungen ganz natürlich in den Film ein. Dass sich der stets verträumte, frei denkende Mason als Teenager gegen die kommunikative Einengung durch Facebook wehrt, lässt den Eindruck entstehen, als sei das Skript aus einem Guss – was aber bekanntlich nicht sein kann. Durch solche in sich logischen, beiläufigen Thematisierungen dessen, was die Jahre 2002 bis 2013 alles ausmachte, erweckt «Boyhood» seine zentralen Figuren auf wundervoll zwanglose Weise zum Leben – und mausert sich ganz nebenher als kleine Zeitkapsel dieser Ära.

Zu guter Letzt weiß diese kleine, große Reise durch ein ganz normales, trotzdem so beachtliches Leben dadurch zu verzaubern, dass ihre Weltsicht mit ihrer Hauptfigur wächst. Und somit lädt Linklater auch den Zuschauer ein, innerhalb von beinahe drei Stunden Masons Entwicklung im Ansatz mitzumachen. So wie Mason in jungen Jahren durch seine launische Schwester genervt wird, ist sie eingangs mit ihrer arroganten Art und chargierenden Stimme auch für den Zuschauer anstrengend. Aber mit den Jahren geraten Samanthas Eigenarten aus dem Fokus, während ihre Stärken an Deutlichkeit gewinnen. Während Masons Pubertät fallen dafür umso mehr die Fehlentscheidungen der Langzeitstudentin Olivia auf, so dass sich nicht nur der Protagonist mitunter fragen muss, was mit seiner Mutter nicht stimmt. Doch auch hier kommt mit dem Alter ein neuer Blickwinkel – für Mason, wie für den die Welt mit ihm zusammen neu erschließenden Zuschauer.

Fazit: Nie zuvor gab es so etwas wie «Boyhood» zu bestaunen, und selbst wenn sich Filmemacher künftig an diesem visionären Coming-of-Age-Drama orientieren sollten, wird es schwer, dessen natürliche Ausstrahlungskraft zu wiederholen. Richard Linklater fängt in seinem Ausnahmeprojekt die Essenz des Erwachsenwerdens ein, ganz ohne Pathos oder selbstgefällige Spielereien, allein mit wundervollen Dialogen und alltagsnahen Schauspielleistungen.

«Boyhood» ist ab dem 5. Juni in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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