Hingeschaut

Harald Schmidt in Sat.1 oder: Die Rückkehr zur klassischen Late Night?

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Harald Schmidt und sein Comeback in Sat.1, das nicht hielt, was viele vermuteten: Die Neuauflage der letzten ARD-Show präsentierte Schmidt nicht, dafür eine klassische Late Night - mit langem Monolog und einem ausführlichen Plausch mit Kerkeling.

Ist es übertrieben, wenn Harald Schmidt sich aktuell in nahezu jedem Interview als Late-Night-King des deutschen Fernsehens feiert? Zurecht verweist er darauf, dass es ohnehin keinen anderen richtigen Late-Night-Moderator gebe – aber muss man den einzigen dann gleich zum König befördern? In Schmidts Fall lautete die Antwort zuletzt jedenfalls: ja. Schon im Herbst 2009 titelte Quotenmeter.de anlässlich der ersten Schmidt-Shows im Ersten nach Pocher: „Der König zurück auf dem Thron.“

Diesen Thron hat der Late-Night-King seitdem nicht mehr verlassen; seine Abschiedstournee bei der ARD war stark, teils großartig, fast immer unterhaltsam. Obwohl die „Bild“ im Interview mit Schmidt nun konstatierte, dass seine Sendung zuletzt eigentlich „stinklangweilig“ gewesen sei – allein, die Zielgruppe des Entertainers ist nicht die Bild-Leserschaft, sondern ein völlig anderes Publikum. Eines, das seine gute Form mit steigenden Einschaltquoten honorierte, auch – und das ist für Sat.1 wichtig – in der jüngeren Zielgruppe.

Eine schöne Reminiszenz erweist Harald Schmidt seinen Fans gleich zu Beginn, denn die Intro-Musik des sehr gelungenen neuen Vorspanns ist eine abgewandelte Melodie aus der klassischen «Harald Schmidt Show» bis 2003. Das Studio, nun dunkel und mit Backsteinmauern sowie der Kölner Skyline im Hintergrund, erinnert ebenfalls an alte Zeiten, während die hellen orangefarbenen Töne des ARD-Studios ausgemustert wurden.

Schon im August erklärte Schmidt, dass der Late-Night-Gott es so gewollt habe, dass Günther Jauchs neue Talkshow zwei Tage vor seiner eigenen Sendung starte. Der Late-Night-König hat seinen Gott erhört und eröffnet die Sendung mit einer Kopie des Jauch-Starts vom Sonntag und weiteren Sticheleien gegen dessen wenig begeisternde Premiere. Auch kleine Seitenhiebe auf seinen neuen Arbeitgeber Sat.1 erlaubt sich Schmidt im Monolog, indem er diesen als Sender mit der „größten Insolvenzkompetenz“ bezeichnete; er bleibt damit seiner jüngsten Tradition treu, sowohl die Konkurrenz als auch die eigenen Reihen einzubeziehen.

Fortgesetzt wird ebenfalls die Schelte auf das Studiopublikum, die er zuletzt in der ARD weiterentwickelte. Es ist der ARD-Schmidt, den wir in den ersten Minuten sehen – und angesichts der Qualität ist dies nur positiv. Hervorragend: Vor und nach der Werbung gibt Schmidt den Entertainer, singt zur Begleitung von Helmut Zerletts Band einige Zeilen aus dem Lied „Polk Salad Annie“ (womöglich als Anspielung auf die vom Sonntagabend gechasste Anne „Annie“ Will) und erinnert daran, wie sehr der singende Entertainer überhaupt fehlt, den es früher im Fernsehen gab. Schmidt behält seinen Stil, kann aber trotzdem nicht singen – und dass er sich dafür nicht zu schade ist, ist das Amüsante. Schließlich will das Publikum lachen und keine Castingshow sehen.

Das erste Segment nach der Werbepause ist ein ebenso überraschender wie sympathischer Auftritt des Weggefährten Olli Dittrich («Dittsche»), mit dem Schmidt sich in Plaudereien begibt und selbsternannte „alte Witze aufwärmt“. Dittrich wirkt bei diesem kurzen Talk wie ein Sidekick Light – hätte er die ganze Sendung lang noch hinter einem Schreibtisch gesessen, so wären Erinnerungen an Manuel Andrack wach geworden. Kurze Zeit später kommt schon Schmidts großer Premierengast: Hape Kerkeling. Einer der dankbarsten, besten Gäste für jede Show und dementsprechend auch ein guter Talk zwischen den beiden Entertainer-Großmeistern. Dabei sparen beide nicht mit Anspielungen auf Kerkelings Nachfolge-Diskussion um «Wetten, dass..?», ohne natürlich zu verraten, was dabei nun wirklich Sache ist.

Wird das Konzept des neuen Schmidt in Sat.1 auf Fakten heruntergebrochen, so hat das Team entgegen aller Voraussagen eben nicht das Konzept der ARD auf den neuen Sender übertragen, sondern sich der klassischen Late-Night aus den USA angenähert: Sowohl der Stand-Up-Monolog als auch das Gespräch mit dem Gast wurden ausgebaut, sodass für das Dittrich-Segment und einige weitere Witzchen nur noch wenige Minuten übrig waren. Dies erinnert an besagtes klassisches Late-Night-Konzept, aber auch an den frühen Harald Schmidt der 90er in Sat.1.

Ob es dabei bleibt, ist abzuwarten – aber angesichts der zahlreichen Rubriken von «Harald Schmidt» im Ersten, dem jungen Ensemble um Katrin Bauerfeind und Co. sowie der vielen Einspielfilme wirkte die Schmidt-Rückkehr in Sat.1 etwas dünn. Erinnert man sich an seine erste Sendung im Jahr 2009 nach Pocher, in der Schmidt und sein neues Team einen furiosen Start hinlegten und die grandiosen Sendungen der folgenden zwei Jahre vorwegnahmen, so war die neue Show in ihrer klassischen Machart weniger vielversprechend. Dennoch bleibt festzuhalten, dass der Chefzyniker mit guten Gags und bösen Spitzen brillierte, den hintergründigen ARD-Humor der letzten Monate erhielt und damit insgesamt durchweg unterhaltsam war. Ob der selbsternannte Late-Night-König seine Krone behalten darf, entscheidet das Volk beziehungsweise das Fernsehpublikum nun mit der Einschaltquote: Für Schmidt ist sie die große Herausforderung nach der Rückkehr ins Privatfernsehen. Königlich jedenfalls war der erste Auftritt in diesem noch nicht.

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