Die Kritiker

«Artemis Fowl»: Disneys große Franchise-Fehlzündung

von   |  3 Kommentare

Basierend auf einer Jugendbuchreihe erzählt «Thor»-Regisseur Kenneth Branagh in «Artemis Fowl» von einem prahlerischen, reichen Teenie-Genie, das Märchenwesen nachspürt.

Filmfacts «Artemis Fowl»

  • Regie: Kenneth Branagh
  • Produktion: Kenneth Branagh, Judy Hofflund
  • Drehbuch: Conor McPherson, Hamish McColl; basierend auf der Vorlage von Eoin Colfer
  • Cast: Ferdia Shaw, Lara McDonnell, Josh Gad, Tamara Smart, Nonso Anozie, Colin Farrell, Judi Dench
  • Musik: Patrick Doyle
  • Kamera: Haris Zambarloukos
  • Schnitt: Matthew Tucker
  • Laufzeit: 95 Minuten
Die Welt des Franchise-Films hat ihre Anhänger – serielles Erzählen, gepaart mit großem Aufwand, was gibt’s schon dagegen zu sagen? Nun, die Gegner von Film-Franchises werden jede Person, die diese Frage auch nur anschneidet, mit Mengen an Gründen überschütten. Doch es gibt wohl etwas, wo sich beide Parteien praktisch immer einig werden dürften: Viel schlimmer als passioniert und mit überwältigendem Aufwand verwirklichte Franchise-Filme sind jene Filme, die mit schmerzlich-spürbarer Verzweiflung ein Franchise lostreten wollen, doch so angestrengt und planlos, so überproduziert und mangelhaft sind, dass sie bloß skurrile, beschämende Einzelfilme mit größeren, rein kommerziellen Wünschen bleiben.

Und diese Riege an berüchtigt-legendären Filmen wie Josh Tranks «Fantastic Four», «Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen», M. Night Shyamalans «After Earth» oder «Warcraft» bekommt mit «Artemis Fowl» einen neuen Eintrag. Nach langer Planungsphase und vielen Terminverschiebungen (und das bereits in einer Pre-Corona-Welt) kam der anfangs für einen Kinostart im August 2019 angekündigte Film schlussendlich diesen Sommer als Disney+-Original heraus. Allein schon die "Strafversetzung" vom Kinofilm zum Verlegenheits-VOD-Titel lässt erahnen, dass «Artemis Fowl» nicht das wurde, was sich der Mäusekonzern anfangs erhoffte und die Fans der Buchreihe erträumten. Aber es braucht nur wenige Filmminuten um zu erkennen: Hier liegt ein neues «Fantastic Four» vor, ein kaputtgewirtschafter, krampfhafter Versuch, eine Filmreihe anzuleiern, die so garantiert nicht folgen wird.

Im Mittelpunkt dieses Franchise-Fehlstarts steht Titelheld Artemis Fowl (Ferdia Shaw), der zwölfjährige Spross einer alten irischen Gangsterdynastie und ein wahres Genie. Als sein Vater (Colin Farrell) verschwindet, begibt er sich auf die Suche und entdeckt dabei eine uralte, fantastische Welt, die von Elfen und anderen mystischen Kreaturen beheimatet wird. Der clevere Artemis vermutet eine Verbindung zum Verschwinden seines Vaters und findet seine freundlichere Ader. Die wird jedoch prompt auf die Probe gestellt, denn um das Lösegeld zu bezahlen, muss Artemis die unterirdische Elfenwelt infiltrieren und den Entführern seines Vaters den Aculos bringen, das mächtigste und begehrteste magische Gerät der Feen …

Unter der Regie von Kenneth Branagh und nach einem Drehbuch von Conor McPherson & Hamish McColl wird aus Eoin Colfers Vorlage, die zu Beginn der Buchreihe von einer Art hochintelligentem Kinder-Superschurken mit Charme handelte, ein sanfterer Stoff. Zumindest laut bisherigem Promomaterial war es Branaghs persönlicher Wunsch, den Titelhelden in «Artemis Fowl» zugänglicher und humaner zu gestalten – auch wenn solch eine Änderung von literarischer Vorlage zu filmischer Umsetzung sonst ein typisches Studio-Meme wäre und die volle Wahrheit über den «Artemis Fowl»-Produktionsprozess gewiss erst noch enthüllt werden muss.

Dass sich der «Artemis Fowl»-Film von den Jugendbüchern unterscheidet, ist für sich genommen noch kein Beinbruch, selbst wenn hier ein Alleinstellungsmerkmal der Vorlage gestutzt wurde. Ärgerlich wird dieser Eingriff in das originäre «Artemis Fowl»-Feeling dadurch, dass die entstandene Lücke nicht geschlossen wird: Dort, wo in den Büchern die Mischung aus High-Tech-Welt und Fantasystoff durch einen außergewöhnlich egoistischen Kinderprotagonisten bereichert wird, klafft im Film nun eine gewaltige Leerstelle, über die Branaghs 125-Millionen-Dollar-Film mit seiner ein deutlich niedrigeres Budget vermuten lassenden Ästhetik nicht hinwegtäuschen kann. Das Aufeinanderprallen von futuristischer Technik und Fantasiewesen ist produktionstechnisch zum Fremdschämen und die halbgaren Action-Setpieces (inklusive hektischer Kampfchoreografie) unterstreichen die Schwächen nur weiter.

Vor allem aber wirkt «Artemis Fowl» wie ein Film, der während seiner zahlreichen Verschiebungen mit großer Hektik und dadurch nachlassender Sorgfalt überarbeitet wurde: Ein Großteil der Dialoge findet im Off statt – kaum eine Szene vergeht, in der nicht die wichtigsten Informationen von Figuren erwähnt werden, die entweder gar nicht im Bild sind oder den Hinterkopf zur Kamera gedreht haben. So distanziert Branagh unweigerlich sein Publikum von den Figuren, die zu reinen Informationsablieferungsmaschinen werden und kaum im Film Gefühle zeigen können – und das wiegt doppelt schwer, weil die Dialoge in «Artemis Fowl» eh schon hölzern sind, unabhängig davon, wie sie in Szene gesetzt sind.

Die These, dass «Artemis Fowl» zerhackstückelt wurde, wird dadurch verstärkt, dass Figuren erst mühselig eingeführt werden und dann völlig in den Hintergrund geraten, um nur noch scharfäugigen Filmfans in späteren Szenen am Bildrand aufzufallen. Oder durch die jeglichen filmischen Drive erdrückende Rahmenhandlung rund um Josh Gads Riesenzwerg Mulch Diggums, der in der ersten Filmhälfte ständig Dinge erklärt und nacherzählt, statt dass Branagh den Plot einfach passieren lässt. Dass Gad in der englischen «Artemis Fowl»-Originalfassung obendrein mit einer Stimme spricht, als nehme er (genauso wie die verschenkte Nebendarstellerin Judi Dench) an einem Amateurwettbewerb für Christian-Bale-als-Batman-Stimmenimitatoren teil, macht diese eh schon lästigen Szenen noch anstrengender.

Nach einem tönenden, halbgare Digitaltricks abfeiernden Finale ohne emotionalen Anker mündet «Artemis Fowl» in verkrampfte Sequel-Haken, an denen sich höchst wahrscheinlich niemals ein zweiter Teil dranhängen wird, bleiben bloß heftiges Kopfschütteln und immerhin die Erinnerung an einen soliden, verspielten Score von «Mord im Orient Express»-Komponist Patrick Doyle.

«Artemis Fowl» ist ab dem 14. August 2020 exklusiv via Disney+ abrufbar.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Nr27
12.08.2020 13:36 Uhr 1
Bei "Warcraft" würde ich nicht darauf wetten, daß es nicht doch eine Fortsetzung (oder zumindest einen weiteren Film im gleichen Filmuniversum) geben wird - immerhin war der Film in Asien sehr erfolgreich und kam generell beim Publikum (auch bei mir) deutlich besser an als die anderen genannten Titel.
Familie Tschiep
12.08.2020 16:17 Uhr 2
Warcraft war furchtbar. Schade, dass Artemis Fowl so schlecht umgesetzt scheint. Das Buch war als Grundlage vielversprechend.
Burpie
12.08.2020 17:17 Uhr 3
Ich habe nur die bisherigen Kritiken gelesen und der Film muss verheerend sein.

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