Serientäter

«Fuller House»: Die Tür bleibt immer offen!

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Eine der langlebigsten Sitcoms der 80er und 90er erlebte Mitte der 2010er-Jahre ein Comeback. Nach fünf Staffeln hat Netflix dann entschieden, dass es (vorerst) zu keiner Rückkehr in eines der wohl berühmtesten fiktionalen „Häuser“ der TV-Geschichte mehr kommen wird. Grund genug, um auf diese „zweite Ära“ zurückzublicken und sich von all den Bewohnern gebührend zu verabschieden.

Zwischen 1987 und 1995 war San Francisco Schauplatz einer Serie über eine in jederlei Hinsicht besondere Familie. Und nein, damit sind nicht ausschließlich die Tanners, sondern auch viele weitere Personen aus deren engerem Umfeld gemeint, die von ihnen im Laufe der 193 Episoden sozusagen „adoptiert“ worden sind. Ausgangspunkt des Ganzen war der plötzliche Tod von Daniel „Danny“ Ernest Tanners (Bob Saget) Frau Pam, von dem wir im Piloten erfahren, und die Tatsache, dass der Witwer daher seine drei Töchtern unterschiedlichen Alters eigentlich von nun an alleine hätte großziehen müssen. Doch dazu sollte es bekanntlich nicht kommen: Denn nicht nur sein seine Haare über alles liebender Schwager (Onkel) Jesse Katsopolis (John Stamos), sondern auch sein langjähriger Freund Joseph „(Onkel) Joey“ Alvin Gladstone (David „Dave" Alan Coulier) ziehen bei ihm ein, sodass die Mädchen gewissermaßen mit drei „Vätern“ aufwachsen und Letzteren zu ihrem zweiten Onkel erklären, obwohl sie de facto nicht miteinander verwandt sind.

Chaos war oftmals an der Tagesordnung, leise war es ebenfalls selten und hier und da ging auch einmal das eine oder andere zu Bruch, doch genau dieser Trubel war es, der all die komischen und herzlichen Momente überhaupt erst möglich machte, die von Anfang an die DNA dieses in den USA einst bei ABC beheimateten Formats bildeten. Und exakt diese DNA wurde von vielen Beteiligten der ersten Stunde als so zeitlos empfunden, dass allen voran John Stamos sehr dafür kämpfte, die alte Truppe wieder in einem TV-Studio für ein Nachfolgeprojekt versammeln zu können. Netflix griff schließlich zu und mit der Produktion konnte begonnen werden. Die Idee, nun den Staffelstab an die nächste Generation weiterzureichen und statt dreier Männer diesmal drei Frauen in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken, mag den einen etwas zu naheliegend oder gar einfallslos erscheinen, schon ein Blick in die erste Folge der Neuauflage, für die abermals Jeff Franklin, der Schöpfer der Urserie, verantwortlich zeichnete, ist allerdings ein Beleg dafür, dass diese Entscheidung absolut richtig war.

Wenn Donna Jo „D.J.“ Margaret Tanner-Fuller (Candace Cameron Bure), ihre Schwester Stephanie „Steph“ Judith Tanner (Jodie Sweetin) und ihre beste Freundin Kimberly „Kimmy“ Louise Gibbler ihre erste gemeinsame Szene haben, ist sie sofort wieder spürbar, diese Chemie, die ihre Darstellerinnen bereits vor 30 Jahren miteinander hatten. Einzig auf Michelle (Mary-Kate und Ashley Olsen hatten sich die Rolle geteilt), das wohl populärste Bildschirm-Kleinkind/-Baby überhaupt, mussten die Treuesten der Treuen bis zum Schluss verzichten, durften sich dafür jedoch an unzähligen Anspielungen und kleinen Spitzen samt gewohntem Augenzwinkern erfreuen – sowie an diversen „Besuchen" der „Dads“. Und Drehorte wie die Küche, das Wohnzimmer (mit Treppe) oder der Garten lassen in denjenigen, die einst schon regelmäßig die „Einladungen“ zum „Gute-Laune-Tanken“ dankend angenommen haben, sofort dieses vertraute Gefühl aufkommen. Hier ist man gerne – vorausgesetzt, man war im Vorhinein dazu bereit, einige Grundprämissen zu akzeptieren: Abgesehen von dem Fakt, dass es diesmal der Tod von D.J.s Ehemann Tommy ist, der das Trio wiedervereint, wird in diesem fiktiven Kosmos „heile Welt“ großgeschrieben – und um drei Ausrufezeichen ergänzt.


Der Humor ist im Prinzip derjenige von damals: ein wahnsinnig unschuldiger, gelegentlich auch durchaus alberner, insgesamt aber einfach ein sehr sympathischer. Das mögen manche nicht als zeitgemäß empfinden – wie auch das (gemessen an der Comedy-„Konkurrenz“) gemächliche Erzähltempo oder eine Handlung, die selten den eigenen Mikrokosmos verlässt. Das ist an sich nicht untypisch für das Genre, könnte allerdings von Kritikern angeführt werden, um zu erklären, weshalb man beim Anschauen eher meint, sich in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu befinden – Smartphone, Social Media und Tablet hin oder her. Jedoch könnte man auch an diesem Punkt ansetzen, um zu erklären, warum «Fuller House» vielleicht nicht im klassischen Sinne als innovativ, dafür aber durchaus als „retro-modern“ bezeichnet werden könnte.

Denn sind wir ehrlich: Das „Golden Age of Television“, in dem wir nach wie vor leben, hat zahlreiche fantastische Serien hervorgebracht und zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass jede oder jeder, der dieses Überangebot an „Binge-Material“ als Chance begreift und etwas Zeit investiert, auch exakt das finden wird, was sie oder ihn anspricht. «Modern Family» hat sich inzwischen bekanntermaßen ebenfalls von seinen Fans verabschiedet, sodass das Thema „Familie“ im Prinzip nur noch Wesenskern eines US-Publikumsmagneten ist: «This Is Us». Inhaltlich unterscheiden sich das FOX-Aushängeschild und der Streamingtitel, der im Zentrum dieses Beitrags steht, aber sehr. Bei Tanner-Gibbler-Dramen müsste man sich im Grunde stets die Anführungszeichen mitdenken, während es bei den Pearsons bevorzugt um solche geht, die eine ungeheure emotionale Wucht entfalten können. Sprich: Das VoD-Format hätte es allein deshalb verdient gehabt, fortgesetzt zu werden, weil es für eine fiktionale Farbe steht, die in der nationalen und internationalen TV-/Streaminglandschaft eindeutig unterrepräsentiert ist: Wohlfühlfernsehen.

Und das wiederum liegt vor allem daran, dass nicht nur der „Urcast“ all seine Stärken ausspielen darf, sondern die Verantwortlichen auch bei der Besetzung der Neuzugänge einen richtig guten Job gemacht haben: Jede/Jeder von ihnen stellt im Prinzip eine absolute Bereicherung für dieses serielle Universum dar – einzig der kleine Tommy Jr. (Dashiell und Fox Messitt) ist im Vergleich zu Michelle etwas zu lange zu klein, um ähnlich populär werden zu können. Michael Campion ist es hingegen zu verdanken, dass der herzensgute und gleichsam wunderbar begriffsstutzige Jackson eindeutig ein ebensolcher ist – ebenso wie sein von Elias Harger verkörperter kleiner Bruder Max, der bevorzugt mit Anzug und Krawatte in die (Grund-)Schule geht und ein liebenswerter, das Fechten und Schach schätzender Besserwisser ist, dessen Belehrungen man ihm einfach nicht übel nehmen kann, und die von Soni Nicole Bringas gespielte Ramona, die wohl intelligenteste und talentierteste Vertreterin der Gibblers, die die Welt je gesehen hat beziehungsweise sehen wird, und „Quasi-Schwester“ der drei Jungs.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was «Fuller House» im Detail ausmacht.

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