Interview

Felix Kramer: 'Ich versuche, ab und zu meinen inneren Schauspieler abzuschalten'

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Mit Felix Kramer haben wir über die ungewöhnliche rbb-Serie «Warten auf'n Bus» und seine ausgiebige Vorbereitung gesprochen.

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  • Das Konzept ist schnell erklärt: Zwei Männer warten auf‘n Bus und reden über ihr Leben. Offen und ehrlich.
  • Die Hauptrollen spielen Ronald Zehrfeld und Felix Kramer. Sie spielen frühinvalide und langzeitarbeitslose Freunde. Manchmal begegnen ihnen an "ihrer" Haltestelle Fremde, die im Bus versackt sind. Und dann ist da Kathrin (Jördis Triebel), die struppige Busfahrerin, die für die die beiden Aussteiger der letzte Draht zur Welt darstellt.
  • Die Serie ist eine Produktion der Senator Film (Produzenten: Ulf Israel und Reik Möller) in Zusammenarbeit mit der rbb Media im Auftrag des Rundfunk Berlin-Brandenburg (Redaktion: Martina Zöllner und Kerstin Freels).
In der achtteiligen Serie «Warten auf'n Bus» spielen Ronald Zehrfeld und Felix Kramer zwei verlebte End-Vierziger, die sich immer wieder an einer Bus-Endhaltestelle treffen. Und es ist gut möglich, dass sie das nur tun, um ganz für sich zu sein und zu sprechen. Sie resümieren unter anderem, wie es war, als die beiden Freunde von dort aus noch zur Arbeit, in die Stadt oder sogar in den Urlaub fuhren. Inzwischen sind sie frühinvalide und langzeitarbeitslos. Die Serie entstand unter nach Drehbüchern von Oliver Bukowski und unter der Regie Dirk Kummers, der unter anderem auch für sein Schauspiel im DEFA-Film «Coming Out» und in «Hundert Jahre Brecht» bekannt ist.

Anlässlich des Ausstrahlungsbeginns von «Warten auf'n Bus» im rbb haben wir mit Felix Kramer ein Telefoninterview geführt – das ein sehr engagierter, gesprächsfreudiger Kramer erst einmal damit begonnen hat, sich über Akzente und Dialekte auszutauschen. Nachdem er versucht hat, unseren Redakteur allein anhand seiner Aussprache regional zu verorten (Kramer landete immerhin im richtigen Bundesland), lag unsere erste Frage praktisch auf der Hand ...

Ist Ihre Faszination für Sprache womöglich eine Art Berufskrankheit?
Oh, den Begriff mag ich ja gar nicht – "Berufskrankheit" … Nein, nein. Diese Faszination hatte ich schon immer, dazu bin ich nicht erst durch das Schauspiel gekommen. Aber ich nutze dieses Interesse natürlich auch, um mich in Rollen "reinzuhören". Wobei ich doch sehr hoffe, dass das bei mir nicht pathologisch ist …

Ich versuche, ab und zu meinen inneren Schauspieler abzuschalten. Es kann ja nicht gesund sein, immer alles durch die Brille des Schauspielers zu betrachten. Weder für einen selbst, noch für die eigene Leistung als Schauspieler. Fußballer spielen im Training ja auch ab und zu Handball, damit der Fuß mal anders genutzt wird und damit sich der Kopf nicht völlig in einer Sache verrennt.

Was stört Sie denn am Begriff "Berufskrankheit"?
Ich finde: Das klingt so zwanghaft, so, als wäre man unfähig, den Job hinter sich zu lassen. Die Vorstellung, ich hätte eine Berufskrankheit klingt für mich so, als wäre ich ein Arzt, der an der Raststätte auf Leute zuläuft und ihnen erzählt, wie ungesund der Kaffee ist, den sie gerade trinken. Ich hoffe doch sehr, dass ich nie so rüber komme.

Ich denke, der Begriff wird gemeinhin schon etwas leichtgängiger genutzt und verstanden (schmunzelt) … Doch so oder, mich würde noch interessieren: Inszenieren Regisseure, die auch als Schauspieler aktiv sind, anders als Regisseure, die keine Schauspieler sind?:
Ich denke nicht, dass das einen Unterschied macht. Denn grundsätzlich würde ich behaupten, dass wir alle auf unsere Art und Weise Schauspieler sind - vielleicht nicht professionell, aber wir alle wissen, wie es ist, etwas vorzutäuschen, das gerade nicht echt ist.

Wie sah Ihre Vorbereitung auf «Warten auf'n Bus?» aus?
Ich habe mich mit Langzeitarbeitslosen unterhalten, mit Alkoholikern und auch mit Angehörigen. Ich wollte nämlich vermeiden, dass es so wirkt, als würde ich mich über arbeitslose, trinkende Menschen lustig machen. Daher wollte ich nicht nur deren Sprache übernehmen, deren Duktus und deren Körperhaltung – ich wollte mich wirklich in deren Sorgen einfühlen, so dass ich das beim Spielen im Hinterkopf halten kann.

Um wieder auf den Begriff der Berufskrankheit zurückzukommen: Ich würde mir Sorgen machen, hätte ich diese Gespräche rein zur Vorbereitung geführt. Ich denke, man könnte sagen, ich würde unter einer Berufskrankheit leiden, wäre ich diesen Menschen begegnet und hätte dabei vollkommen emotionslos nur darauf geachtet, was ich für mein Spiel kopieren könnte. Und ich kann Ihnen sagen: Es gibt so Fälle in meiner Profession, da machen Leute das so. Ich dagegen verstehe das, was ich gemacht habe, eher als eine Art sensitive Wahrnehmung. Ich bin aufmerksam in diese Treffen hineingegangen, aber nicht aus reinem Selbstinteresse, sondern auch, weil ich diesen Menschen, die schon viel Leid erfahren haben, nicht noch durch unsere Serie weiteres Leid zuzufügen wollte. Und ich habe auch mehr aus den Gesprächen mitgenommen.

Was haben Sie denn noch aus den Gesprächen mitgenommen?
Ich hatte schon öfter diese unguten Gefühle – dieses Schuldbewusstsein, wenn ich Straßenverkäufern, Zeitungsverkäufern oder Straßenmusikanten begegne. Es gibt immer mal wieder Leute, an denen ich vorbeigehe, und es erwischt mich irgendwie. Es berührt mich und ich denke mir: "Mein Gott, der gehört doch nicht hier auf die Straße. Und inwiefern ist es gerecht, dass ausgerechnet ich in der Position bin, dieser Person Geld zu geben?" Und seit der Vorbereitung auf «Warten auf'n Bus» erwischen mich diese Gedanken noch häufiger.

Gab es schon einmal einen Fall, in dem ein Projekt von Ihnen beim Publikum falsch rüberkam?
Bestimmt – ich ich weiß, dass ich es nicht allen recht machen kann. Das ist mir seit meiner allerersten Theaterarbeit bewusst. Nach der Premiere habe ich zwei Kritiken gelesen – laut einer war ich völlig mit der Rolle überfordert, laut der anderen sei ich die Entdeckung der Theatersaison. In dem Moment wusste ich: Die Leute haben ihre Meinung – und sie wird nie durchweg deckungsgleich sein. Ich kann aber stets versuchen, mein Bestes zu geben. Denn so kann ich mir wenigstens keine schweren Vorwürfe machen.

Vielen Dank für das Gespräch.
«Warten auf'n Bus» ist ab dem 22. April 2020 um 22 Uhr im rbb zu sehen.

Kurz-URL: qmde.de/117628
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