Die Kino-Kritiker

«The Gentlemen»: Ah, da ist der alte Guy Ritchie also abgeblieben

von

Dreckige, chaotische Gangsterpossen, edel präsentiert: Guy Ritchie lädt zu einer Ganoven-Gaudi in Tweed ein.

Filmfacts «The Gentlemen»

  • Regie und Drehbuch: Guy Ritchie
  • Produktion: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Bill Block
  • Story: Guy Ritchie, Ivan Atkinson, Marn Davies
  • Cast: Matthew McConaughey, Charlie Hunnam, Henry Golding, Michelle Dockery, Jeremy Strong, Eddie Marsan, Colin Farrell, Hugh Grant
  • Musik: Christopher Benstead
  • Kamera: Alan Stewart
  • Schnitt: James Herbert
  • Laufzeit: 114 Minuten
  • FSK: ab 16 Jahren
Mit der Realneuverfilmung des Disney-Zeichentrickklassikers «Aladdin» hat Guy Ritchie seine unguyritchiehafteste Regiearbeit abgeliefert: Die Abenteuer-Musicalkomödie ließ nur die kleinsten Spurenelemente des Ritchie-Stils durchschimmern und war auch inhaltlich sowie tonal ein Ausreißer aus dem, was den britischen Filmemacher sonst ausmacht. Selbst im viel verlachten «Stürmische Liebe – Swept Away», den er mit seiner damaligen Frau Madonna drehte drehte, ließ Ritchie sein Publikum mehr von seinen Eigenheiten spüren. Mit «The Gentlemen» wirft der Ex-Musikfilmer, der seine Karriere mit «Bube, Dame, König, grAS» und «Snatch – Schweine und Diamanten» begonnen hat, nun aber quasi zum Ausgleich einen neuen Film hinterher, aus dem der Ritchie-Stil fast schon trieft:

Es geht um Ganoven, es wird in dickem britischen Dialekt und in Untergrund-Slang gesprochen, es wird mit Fäusten gekämpft und mit Pistolen gewedelt. Die Action ist ein kühner Mix aus Prahlerei, fiesen Gewaltspitzen und urkomischen Übertreibungen, der Humor ist eine ebenso wilde Mischung aus bewusst überzogenen Klischees, trockenem Wortwitz, süffisanter Situationskomik und markanten Boshaftigkeiten.

Die Geschichte dreht sich um den Exil-Amerikaner Mickey Pearson (Matthew McConaughey), der sich in Großbritannien vom knallharten Kleingangster zum Chef eines millionenschweren Marihuana-Imperiums aufgeschwungen hat. Er arbeitet mit Adeligen zusammen, versteht sich als Gentleman-Unternehmer innerhalb der Unterwelt, und er exportiert feinsten Stoff nach ganz Europa. Doch nun, da die Idee einer Legalisierung von Marihuana in Großbritannien in der Luft liegt, will Mickey aussteigen, um endlich mehr Zeit mit seiner Frau Rosalind (Michelle Dockery) zu verbringen und endlich auf legalem Weg das Leben in Londons höchsten Kreisen genießen.

Also muss ein Käufer für die landesweit verteilten und gut versteckten Hanf-Plantagen her. Im exzentrischen Milliardär Matthew Berger (Jeremy Strong) findet Mickey einen interessierten, aber vorsichtigen Käufer. Und ausgerechnet jetzt entstehen Löcher in Mickeys Sicherheitssystem. Der Triaden-Boss Lord George (Tom Wu) rückt ihm ebenso auf die Pelle wie der schwer einzuordnende Emporkömmling Dry Eye (Henry Golding), während Privatdetektiv Fletcher (Hugh Grant) an wertvolle Informationen gelangt und sich nun mit Mickeys rechter Hand Ray (Charlie Hunnam) auf einen Plausch trifft …


So, wie die frühen Guy-Ritchie-Filme vom rebellisch-motzigen Kleingangster-Style ihrer Hauptfiguren leben, ist der entscheidende Reizpunkt an «The Gentlemen», dass dieser Film die Zweischneidigkeit von Mickey und Ray atmet. Sie sind dubiose, moralisch fragwürdige, Grenzen überschreitende Typen von heute, die sich aber aufgrund ihres Erfolges und eines Geltungsbewusstseins wie Edelmänner der alten englischen Schule geben. Also besticht «The Gentlemen» mit galant eingerichteten, geräumigen Schauplätzen (Rays Tischgrill beispielsweise dürfte bei vielen Filmfans auf die ewige Einrichtungs-Traumliste geraten) und todschicker Mode:

Kostümdesigner Michael Wilkinson («Tron: Legacy», «American Hustle») kleidet die zentralen Figuren von «The Gentlemen» in geschmackvoller, galanter Mode mit sehr altmodischem Anstrich, doch modernem Schnitt und lässt sie so einfach blendend aussehen. Aber als die unverbesserlichen Mistkerle, die sie nun einmal sind, nutzen die Figuren in «The Gentlemen» etwa weite, schmucke Mäntel, um riesige Schusswaffen zu verstecken, und pressen mit näselnder Arroganz dreckigste Beleidigungen aus ihrer von einem bestens gepflegten Bart umschmeichelten Kodderschnauze. Colin Farrell währenddessen verbirgt hinter seinem Alt-England-Fußballvater-Auftreten eine unbeugsame, rauffreundliche Attitüde, als sei er frisch bei den «Kingsman» rausgeflogen und hätte daraufhin beschlossen, halt seinen eigenen Club aufzumachen.



Der oberflächlich gelebten Eleganz der Figuren stellt Guy Ritchie bewusst stylisch geschnittene, Brutalität betonende Actionszenen entgegen sowie einen Soundtrack voller wummernder und treibender Rock- und Hip-Hop-Songs. Und auch die Dialoge und Ansichten der Figuren sind gewollt ungalant: Ritchies Film handelt von aggressiven, vorurteilsbelasteten Fieslingen, die sich alle gegenseitig bekriegen – und dann wird die Geschichte obendrein noch von einem fragwürdigen Erzähler aufgetischt, der nichts mehr liebt als den schnellen, effekthascherischen Witz oder Schockmoment.

Von Hugh Grant mit ansteckender Spielfreude gespielt und als kess-selbstverliebter Scherzkeks ohne Gewissen angelegt, ist Privatdetektiv/Möchtegern-Drehbuchautor/Erzähler Fletcher der Ursprung für viele bewusst-abgeschmackte Gags, die diese Figur aber ihrem Gegenüber als kultiviertes, großes Kino verkauft. Es ist ein bisschen so, als sei er der Guy Ritchie aus einem Bizarro-Universum, der nun auf Film gebannt versucht, ein kritisches, modernes Publikum für seine alten, rauen Gangstergeschichten zu erwärmen. In der US-Presse fand das nur wenig Gegenliebe, doch man darf Guy Ritchie durchaus für den Versuch respektieren, sich mit kindlich-alberner Freude nach einer Möglichkeit umzuschauen, dem Wunsch "Mach doch mal wieder was wie früher!" gerecht zu werden und sich trotzdem weiterzuentwickeln. Es gibt dümmere Herangehensweisen als das Aufbauen einer ironischen Distanz zu den Figuren – zumal der eloquente Rapport zwischen dem hibbeligen Fletcher und dem kultivierten, aber auch spürbar genervten Ray sehr lustig geraten ist.

Abseits dieser spritzigen Rahmenhandlung braucht «The Gentlemen» etwas, bis alle Storyfäden in Gang kommen und die verschiedenen, eigensinnigen Parteien in der Position angekommen sind, der Story Zunder zu verleihen. Doch ist das Spielfeld erst einmal aufgebaut, zündet Ritchie ein kerniges, selbstironisches, dennoch auch spannendes Feuerwerk ab («Birds of Prey» lässt dahingehend grüßen). Grant und ein geschniegelter und gestriegelter Hunnam scheinen den Spaß ihres Lebens zu haben, Farrell, Golding und McConaughey sind in guter Form und Michelle Dockery fügt sich ebenfalls mit aparter Strenge in dieses Treiben der sich für die Spitze der Gesellschaft haltenden Gangster. Er kann es also noch, der Guy Ritchie.

Fazit: «The Gentlemen» ist schmutziges, chaotisches Gangsterkino im geordneten, todschicken Gewand.

«The Gentlemen» ist ab dem 27. Februar 2020 in deutschen Kinos zu sehen.

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