Debatte

Das Jugendwort des Jahres: Mehr Swag für Ehrenmänner

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Dem deutschen Jugendwort des Jahres fehlt der Swag, und auch Wort und Unwort fehlt oft der Biss. Ein Blick zu unseren österreichischen Nachbarn zeigt: Es geht dezidierter.

I bims, der verbuggte Smombie auf der Gammelfleischparty. Wer so spricht? Die Jugend. Wenn man eine beliebige Frage mit „die Jugend“ beantwortet, kommt man sich gleich wie ein alternder ZDF-Moderator vor, der zwischen zwei aufgrund beginnender geistiger Umnachtung verbaselter Anmoderationen sein Gebiss schnell in einen Liter Kukident tauchen und sich eine Flasche Doppelherz intravenös verabreichen muss, um wieder auf Touren zu kommen, damit auch „die Jugend“ am Ball bleibt.

Dem Konzept eines Jugendworts wohnt etwas Verquastes inne – ob es nun von der Langenscheidt-Jury oder (wie dieses Jahr) mithilfe eines Online-Plebiszits ermittelt wird. Denn es sagt weniger etwas über den Sprachgebrauch junger Menschen aus, als vielmehr über die Vorstellung alter Leute, wie junge Menschen so sprechen. Babo, Yolo und Swag eben.

Das Wort des Jahres ist dabei seit seinem Bestehen deutlich aussagekräftiger und gibt – radikal reduziert auf einen einzigen Terminus – einen der bestimmenden öffentlichen Diskurse des jeweiligen Jahres wieder. Selbiges gilt für das dazugehörige Unwort als Evidenz für die unablässige sprachliche Verrohung. Manchmal sind sie auf den ersten Blick nicht einmal zu unterscheiden: Rettungsroutine und Opfer-Abo, postfaktisch und Volksverräter, Hartz IV und Humankapital.

Blicken wir in den Südosten zu unseren österreichischen Nachbarn, finden wir neben Wörtern, Unwörtern und Sätzen des Jahres auch Sprüche und Unsprüche – und allesamt haben sie es in sich. 2015 wurde „besondere bauliche Maßnahmen“, ein fürchterlicher Euphemismus für den Anti-Flüchtlingszaun an der Grenze zu Slowenien, Unwort, ein Jahr vorher „Das ist nicht jeden Freitag!“ über öffentliche Exekutionen in Saudi-Arabien zum Unspruch. Der herrlich verschwurbelte und inhaltlich desaströs unsinnige Erklärungsansatz „Es gibt kein Budgetloch[, es] gibt nur Einnahmen und Ausgaben, die auseinanderklaffen“ des damaligen Wiener Landeshauptmanns findet sich in den Annalen ebenso wie das berüchtigte „Wer alt genug ist zum Stehlen, ist auch alt genug zum Sterben“ des österreichischen Post-von-Wagner-Pendants Michael Jeannée, das er einem erschossenen jugendlichen Einbrecher ins Grab hinterherrief. Ergänzen wir diese Sammlung um Herbert Kickls Lösung für alle Probleme Österreichs („Daham statt Islam“) und die „Töchtersöhne“-Kontroverse, ergibt sich schnell ein umfassender Bild über all die Themen, die das Land im jeweiligen Jahr bewegten – und hat in jedem Fall mehr Swag als der unbedarfte deutsche Ehrenmann.

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