Die Kino-Kritiker

«Mister Link - Ein fellig verrücktes Abenteuer»: Laika wird kindgerecht

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Die Laika-Animationsstudios gehen erstmals in Richtung Familienkino. Ob ihr fünfter und neuester Streich «Mister Link» trotzdem auch die alteingesessene Fanbase überzeugen wird, das verraten wir in unserer Kritik.

Filmfacts: «Mister Link»

  • Start: 30. Mai 2019
  • Genre: Abenteuer/Familienfilm
  • Laufzeit: 94 Min.
  • FSK: 6
  • Kamera: Chris Peterson
  • Musik: Carter Burwell
  • Buch und Regie: Chris Butler
  • Deutsche Sprecher: Christoph Maria Herbst, Bastian Pastewka, Collien Ulmen-Fernandez
  • OT: Missing Link (CAN/USA 2019)
«Coraline», «ParaNorman», «Die Boxtrolls», «Kubo – Der tapfere Samurai» und in Teilen sogar «Corpse Bride» sind Stop-Motion-Trickfilme mit großer Fanbase und einem überragendem Kritikerfeedback. Der Grund: Das in Portland, Oregon ansässige Produktionsstudio Laika Animation biedert sich anders als die CGI-Konkurrenz von Pixar, Disney, Dreamworks und Illumination nicht zwingend bei einem Familienpublikum an (wir erinnern uns: Slapstick und eine einfache Message für die Kleinen, Popkulturanspielungen für die Großen), sondern erzählt in seiner edel-verspielten, mitunter auch sehr düsteren Optik Geschichten für Erwachsene. Darauf deutet teilweise schon die Altersfreigabe hin: Der Gruselfilm «ParaNorman» war erst ab zwölf Jahren freigegeben, was nicht wenige auch für «Coraline» und «Kubo» forderten. Dieser Ansatz ist selbstbewusst, denn die großen Kassenerfolge blieben infolgedessen aus. Die Laika-Fanbase ist dafür umso treuer. Trotzdem legt der Konzern mit ihrer fünften und neuesten Eigenproduktion «Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer» nun einen Film vor, den sich Eltern und ihre Sprösslinge erstmals guten Gewissens gemeinsam anschauen können.

Die Laika-typische Erzählreife kommt dabei trotzdem nicht zu kurz: Im Laufe seiner 95 Minuten schlägt Autor und Regisseur Chris Butler (Regiesseur von «ParaNorman», Autor von «Kubo») Bögen zu Feminismus, Rassismus und gelebter Gleichberechtigung. Und obwohl der Abenteuer- und Entdeckeraspekt dabei schnell zu kurz kommt, ist «Mister Link» trotzdem ein im besten Sinne netter Film geworden.

Forscher auf Abwegen


Der charismatische Sir Lionel Frost (Christoph Maria Herbst/Hugh Jackman) hält sich selbst für den weltführenden Erforscher von Mythen und Monstern.– Um diesem Anspruch auch gerecht zu werden, begibt er sich auf eine Reise mit dem Ziel, die Existenz des legendären Vorfahren des Menschen, des sagenumwobenen ‚Missing Link‘, zu beweisen. Und tatsächlich wird er fündig: Das Wesen (Bastian Pastewka/Zach Galifianakis), das er Mister Link tauft, entpuppt sich als harmlose, überraschend clevere und gefühlvolle Kreatur. Mister Link ist der Letzte seiner Art und deswegen sehr einsam. Doch er hat noch eine Hoffnung: An einem sagenumwobenen Ort namens Shangri-La sollen einem Gerücht nach entfernte Verwandte von ihm leben! Sir Lionel muss nicht lange überredet werden und die beiden ziehen gemeinsam los.

Unterstützt werden sie dabei von Adelina Fortnight (Collien Ulmen-Fernandes/Zoe Saldana), einer unabhängigen und klugen Abenteurerin, die im Besitz der einzigen Karte ist, die sie zu ihrem Ziel führen kann. Und so begibt sich das ungleiche Trio auf eine turbulente Reise ans andere Ende der Welt, um Mister Links Verwandte aufzuspüren. Doch Gefahren lauern an jeder Ecke, denn hinterhältige Bösewichte wollen die Mission um jeden Preis zum Scheitern bringen…

Die aller erste Begegnung zwischen Sir Lionel Frost und dem Yeti-ähnlichen Affenwesen gehört nicht nur zu den berührendsten Animationsfilmszenen der vergangenen Jahre, sondern fasst auch die erzählerischen Stärken von «Mister Link» hervorragend zusammen: Der ehrgeizige Forscher hat sein Ziel, das Fellmonster zu finden, nämlich sehr früh im Film erreicht. Und als er aus der Überraschung heraus ein Gespräch mit ihm anfängt, antwortet dieser zu allem Überfluss auch noch. In diesem einen Moment wirft Chris Butler sämtliche Erwartungen des Publikums über den Haufen: Hier geht es nicht um eine Auseinandersetzung oder gar einen Kampf zwischen Gut und Böse, sondern um das sich vorsichtige Annähern zwei ganz unterschiedlicher Spezies. Und es geht sogar noch weiter, denn so verschieden sind die beiden gar nicht: Auf die Frage, weshalb das später von Sir Lionel Frost Mister Link getaufte Wesen eigentlich die menschliche Sprache beherrscht, antwortet dieser, dass er ganz einfach nur genau zugehört und anschließend viel geübt habe.

Und so fühlt man sich fast ein wenig ertappt, denn was hat einen eigentlich dazu veranlasst, zu glauben, dass Jemand – nur, weil er nicht so aussieht, wie wir – nicht in der Lage sein kann, unsere Sprache zu sprechen? Dasselbe gilt auch für die Annahme, dass dieses Zotteltier doch sicher bösartig sein muss. Oder dass es sich in der menschlichen Welt kaum zurechtfinden wird. Alles vollkommen falsche Annahmen, durch die uns der titelgebende Held umso mehr ans Herz wächst.

Animationsunterhaltung für die ganze Familie


Zu Beginn zieht «Mister Link» seinen Reiz vor allem aus der Interaktion zwischen den beiden grundverschiedenen Hauptcharakteren. Damit trägt Chris Butler die lobenswerte, wenngleich simple Botschaft „Lass dich nicht vom Äußeren eines Menschen (oder Yetis) abschrecken, denn auf die inneren Werte kommt es an!“ zwar mit stolz geschwellter Brust (ergo: wenig subtil) vor sich her, aber sie funktioniert im Kontext der Geschichte trotzdem glaubhaft. Darüber hinaus lassen sich darüber noch deutlich ernstere Thematiken anreißen. So ist es für Sir Lionel Frost beispielsweise von Anfang selbstverständlich, dass er als Mensch klar über seiner Entdeckung steht, die für den Forscher fortan das Gepäck schleppen und Sticheleien über sich ergehen lassen muss. Um damit nicht die Figur des Sir Lionel Frost allzu sehr in Bedrängnis zu bringen, inszeniert Chris Butler dieses Verhalten zwar eher als Unbeholfenheit denn als festgefahrenes (oder gar böswilliges) Klassendenken, die Parallelen zu rassistischen Ideologien sind trotzdem unübersehbar und gerade für ein junges Publikum leicht zu verdauen.

Nicht umsonst baut das Happy End von «Mister Link» vor allem auf die Gleichberechtigung zwischen Mann und Yeti, aber auch zwischen Mann und Frau; die Mitreisende Adelina Fortnight hat sich mit Einsetzen des Abspanns nämlich ebenfalls längst vom rettungsbedürftigen Sidekick zur starken, unabhängigen Abenteurerin etabliert.

Zwischen den Zeilen funktioniert «Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer» am besten. Der Versuch, die löblichen Botschaften mit dem Abenteueraspekt in Einklang zu bringen, funktioniert dagegen nicht immer. Einige ausufernde Slapstickszenen – darunter eine aus dem Ruder geratende Bar-Prügelei und eine visuell an «Inception» angelehnte Verfolgungsjagd auf einem Schiff – treiben das Tempo von «Mister Link» zwar immer mal wieder kurzfristig in die Höhe, doch anstatt die Entdeckertour des ungleichen Trios zum Himalaya als klassisches Roadmovie zu inszenieren, nutzt Chris Butler die Zeit vor allem für lange Gespräche. Das ist schade, denn gerade in den temporeichen Szenen steckt «Mister Link» voller Humor. So sorgen die langen Dialogszenen dafür, dass sich «Mister Link» trotz seiner übersichtlichen Laufzeit von gerade einmal 95 Minuten immer wieder in die Länge zieht. Das ändert jedoch nichts daran, dass das Design des Films in sämtlichen Szenen schlichtweg berauschend ist.

Insgesamt 110 Sets mit 65 verschiedenen Drehorten wurden für den Film gebaut. Der komplette Produktionsaufwand wird allerdings vor allem dann deutlich, wenn man hier auf die Details achtet: Wenn Sir Lionel Frost hier Stapel mit Briefen vom Tisch reißt, dann fliegen hier auch mal eben gefühlte 100 Briefe durch die Gegend (man könnte die Szene ebenso gut mit der Hälfte dieser Briefe inszenieren). Wenn die Entdecker durch eine Sandkulisse stapfen, sieht man im Boden die originalgetreuen Umrisse der Füße. Und wenn die Kamera gen Himmel schwenkt, fliegen hier nochmal rasch ein paar Vögel durch die Luft. Auf diesen produktionstechnischen Aufwand können die Macher zu Recht stolz sein.

Fazit


«Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer» rangiert tricktechnisch auf gewohnt hohem Niveau, die Geschichte kombiniert eine simple Botschaft mit Laika-typischer Weisheit. Mission geglückt: Das Stop-Motion-Unternehmen kann auch Familienfilm!

«Mister Link – Ein fellig verrücktes Abenteuer» ist ab dem 30. Mai in den deutschen Kinos zu sehen.

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