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Interview

«Herzkino-Märchen»-Produzentin Annedore von Donop: 'Unsere Protagonistinnen sind Subjekte, keine Objekte'

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Vor Weihnachten zeigt das ZDF zwei Märchen im «Herzkino»-Stil. Wie diese Idee entstanden ist, und weshalb diese Filme Detailliebe erfordern, verrät uns Produzentin Annedore von Donop.

Die Sendetermine

  • «Schneeweißchen und Rosenrot»: Sonntag, 16. Dezember 2018, 20.15 Uhr im ZDF
  • «Der Froschkönig»: Sonntag, 23. Dezember 2018, 20.15 Uhr im ZDF
Die Sendetermine
Die Adventszeit wird im ZDF märchenhaft: An zwei Sonntagen zeigt der Mainzer Sender kein klassisches «Herzkino», sondern unter dem Markennamen «Herzkino.Märchen» je einen Film, in dem ein Grimm-Märchen ins Heute sowie den Duktus der ZDF-«Herzkino»-Produktionen übertragen wird. Es ist ein Testlauf für eine neue Reihe innerhalb der «Herzkino»-Dachmarke, dessen Genese im Jahr 2014 begonnen hat, wie Produzentin Annedore von Donop sich Quotenmeter.de gegenüber erinnert: "Es ist erstaunlich, welchen langen Weg die Dinge manchmal nehmen", sagt die Geschäftsführerin, die die sabotage films GmbH zusammen mit Karsten Aurich leitet. "2014, als ich anfing, mich dafür zu interessieren, etwas für diesen Sendeplatz zu entwickeln, haben die Autorin Sarah Esser, mit der ich eine sehr enge Arbeitsbeziehung hege, und ich den Entschluss gefasst, richtiges Herzkino zu erzählen. Nach allen Regeln der Kunst. Und sie schrieb eine wunderschöne Geschichte, die auch einige biografische Verflechtungen mit ihrem Leben hatte."

Doch es kam anders als erhofft, wie von Donop erläutert: "Als wir das Exposé abgegeben hatten, war die Enttäuschung beim ZDF groß, denn die Geschichte war ganz genau so, wie Geschichten auf diesem Sendetermin seit Jahren aussehen. Weil man uns aber als 'spannende Firma' einordnete, hatte man sich von uns für den Sendeplatz etwas ganz Neues erwartet." Sie holt weiter aus: "Alexander Bickel, der den Sonntagabend im ZDF koordiniert, erklärte uns die schwierige Situation, in der sich das ZDF mit seinem Sonntagabend befindet: Es möchte aus dem ewig gleichen Duktus herausfinden, den Sendeplatz verjüngen und neue Publikumsschichten finden, ohne aber bisherige Zuschauerinnen und Zuschauer zu verlieren. Auf dieser Basis haben wir einen neuen Ansatz gesucht."

Was bei der Arbeit für das Herzkino interessant ist: Man muss ganz am Anfang über den Ort nachdenken.
Annedore von Donop
Beim zweiten Anlauf sollte ein beeindruckender Schauplatz als Sprungbrett für den Film dienen: "Was bei der Arbeit für das Herzkino interessant ist: Man muss ganz am Anfang über den Ort nachdenken", so die Produzentin. "Denn es ist ein Genre, das an den Ort der Handlung große Anforderungen stellt. Wir haben uns dann einen Ort in einer deutschen Stadt ausgesucht, der sehr pittoresk ist und von dem es bisher in Film und Fernsehen nicht so viel zu sehen gibt. Außerdem haben wir eine sehr märchenhafte Geschichte … ja, ich würde sagen, konstruiert. Und das war diesmal das Problem."

Bei einem Treffen mit Alexander Bickel kam es dann zur Geburtsstunde der «Herzkino.Märchen». "So erinnere ich mich jedenfalls daran, auch wenn Alexander und ich bereits festgestellt haben, unterschiedliche Erinnerungen an den genauen Wortlaut zu haben. Ich bleibe aber dabei, dass er es war, der über unsere Geschichte sagte: 'Also, dann doch lieber ein richtiges Märchen erzählen.' Und so entstand die Idee, unter dem «Herzkino»-Mantel Märchen neu zu erzählen." Zunächst sollen es die alten Hausmärchen werden, wie sie die Gebrüder Grimm gesammelt haben, die eine neue Interpretation im «Herzkino»-Stil erhalten. Für Annedore von Donop sind es zwei Erzählwelten, die sehr gut zusammenpassen:

Der Sonntagabend im ZDF hat als bewusste Gegenprogrammierung zum «Tatort» das stete, klare Versprechen, dass das Gute über das Böse siegen wird und die große Liebe existiert. Und es gefällt mir sehr, dass auf diesem Programmplatz viele Frauen vorkommen.
Annedore von Donop
"Uns als Firma hat der Sendetermin am Sonntag im ZDF sehr gereizt. Mich persönlich reizt er, weil er ein Stammpublikum hat sowie eine definierte Programmfarbe. Der Sonntagabend im ZDF hat als bewusste Gegenprogrammierung zum «Tatort» das stete, klare Versprechen, dass das Gute über das Böse siegen wird und die große Liebe existiert. Und es gefällt mir sehr, dass auf diesem Programmplatz viele Frauen vorkommen, was ich mit Blick auf das Gesamtprogramm sehr unterstützenswert finde." Sie führt fort: "Das große Plus an der Idee, Märchen im Heute zu erzählen, ist, dass die Leute vorab schon die Geschichte kennen. Es stellt sich nie die Frage, wie es ausgeht. Aber es ist spannend wie die Geschichte erzählt und übersetzt wird, es gibt Raum für Überraschungen. Und das Genre Märchen ergänzt sich gut mit diesem Sendeplatz, mit der Marke Herzkino, die ja ein Gefühl von Sicherheit vermitteln will, indem sie – vor allem den Frauen – Mut macht zu wachsen."

Frauenquote, ja, bitte!


Der Plan: Jeder Film bringt seinen eigenen Ansatz mit. So wird die «Froschkönig»-Adaption die Figuren in kontemporäre gesellschaftliche Strukturen versetzen, die aber durch die Kostüme eine märchenhafte Erhöhung erhalten. Das «Herzkino.Märchen» über «Schneeweißchen und Rosenrot» hingegen wird auch in der Erzählhaltung märchenhafter bleiben. Aber mit einem wichtigen Unterschied: "Unsere Protagonistinnen sind Subjekte, keine Objekte", betont von Donop. "Wir wollten unbedingt von einer Schwesternbeziehung erzählen, weil es in Film und Fernsehen fast nie darum geht. Frauenfreundschaften sind generell Mangelware, und wenn sie vorkommen, dann kommt es oft zum reinen Zickenterror. Dem wollten wir etwas entgegensetzen.

Zur Frauenquote sage ich: Die ist leider nötig als Ausgleich zur existierenden Männerquote, die in unserer Welt herrscht.
Annedore von Donop
Das uralte Problem der schlecht geschriebenen Frauenfiguren wird sich, wie von Donop befürchtet, auch nicht ändern, so lange die meisten Filme und Serien von Männern verfasst werden. "Ihnen fällt zu Frauenfiguren leider wirklich nichts ein. Das ist so. Punkt", seufzt sie. "Selbst bei Autoren, die ich sehr schätze, bemerke ich das immer wieder. Ich sage daher manchmal: 'Stell dir einfach vor, es wäre eine Männerfigur. Schreibe eine männliche Figur und ändere nachher das Geschlecht.' So klappt das manchmal. Vielleicht müssen wir die Wörter 'Mann' und 'Frau' für eine Weile abschaffen und stattdessen 'männliche Person' und 'weibliche Person' sagen." Von Donop ist daher auch eine Befürworterin der Frauenquote: "Zur Frauenquote sage ich: Die ist leider nötig als Ausgleich zur existierenden Männerquote, die in unserer Welt herrscht."

Die «Herzkino.Märchen» werden konsequenterweise nicht nur in der Skriptphase von weiblicher Hand betreut. Sarah Essers Drehbücher werden außerdem von Regisseurinnen verfilmt. «Der Froschkönig» stammt von «Fremdgehen»-Regisseurin Jeanette Wagner, «Schneeweißchen und Rosenrot» von Seyhan Derin, die unter anderem bei «Soko Leipzig», «In aller Freundschaft» und «Bettys Diagnose» am Regiestuhl saß. Annedore von Donop erklärt: "Ich gehe ganz pragmatisch vor und gehe von der Geschichte aus. Ich arbeite auch gerne mit Männern zusammen, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es Stoffe gibt, bei denen sich viele Männer sehr schwer tun. Und bei vielen Regisseuren liegt zudem das Augenmerk mehr auf der Technik des Filmemachens als bei feinen Emotionen der Figuren. Aber ich will nicht sagen, dass alle Frauen das naturgemäß anders herum machen. Denn letztlich sind wir ja alle Individuen. Trotzdem ist es interessant, bei dieser Reihe erst einmal nur mit Regisseurinnen zusammenzuarbeiten."

Die Regiesuche war laut von Donop einer der kniffligsten Parts in der Entstehungsgeschichte der «Herzkino.Märchen». Denn es galt, Regietalente zu finden, die sich mit der Vorstellung eines ins Heute übertragenen Märchens anfreunden konnten sowie obendrein mit dem Umstand, dass sie ein durch von Donop, Esser und ZDF-Redakteurin Silvia Hubrich bereits gemeinschaftlich erarbeitetes Koordinatensystem nehmen und weiterentwickeln sollen. "Es galt, jemanden für die Regie zu finden, der bereit ist, sich einer Bewegung anzuschließen, die bereits läuft, statt bei Null anzufangen", so die Produzentin. "Sowas ist in Deutschland ja unüblich. In den Köpfen existiert noch immer das Bild des Einzelgenies, was ich nicht verstehe. Denn das hat mit der Realität im Filmalltag wenig zu tun."

Liebe zum märchenhaft balancierten Detail


Es galt, jemanden für die Regie zu finden, der bereit ist, sich einer Bewegung anzuschließen, die bereits läuft, statt bei Null anzufangen. Sowas ist in Deutschland ja unüblich. In den Köpfen existiert noch immer das Bild des Einzelgenies, was ich nicht verstehe. Denn das hat mit der Realität im Filmalltag wenig zu tun.
Annedore von Donop
Dem Vorurteil, ZDF-Sonntagsfilme entstünden mit weniger Passion und Ambition als ernstere Fernsehfilme, kann von Donop nur ein Kopfschütteln abringen. "Ich habe viel in meinem Leben gemacht, aber noch nie ein Projekt, bei dem es so sehr auf Details ankommt wie bei den «Herzkino.Märchen»", erklärt sie. "Diese Detailliebe ist entscheidend, um die Balance zwischen Märchenhaftigkeit und Heutigkeit herzustellen. Wie märchenhaft sind die Kostüme, wo kommt die Heutigkeit der Figuren herein? Wie ist die Sprache der Figuren? Wo findet die Überhöhung statt? Und so weiter. Das ist ein bisschen 'Learning by Doing' …"

Zudem soll die Musik in der Reihe ein verbindendes Element sein, weshalb sie eine hohe Priorität eingeräumt bekommt. "Die Filme sind ja komplette Einzelstücke, mit wechselndem Cast. Doch durch ein einheitliches Farbkonzept, ein verwandtes Feeling zwischen den Filmen und den musikalischen Aspekt möchte ich sie klar als eine Reihe markieren", erläutert von Donop. "Daher kam mir früh die Idee, mit einer einzigen Person für die Musik aller Filme der Reihe zu arbeiten und vielleicht immer mit demselben Musikstück am Anfang in den Film einzusteigen. Dann fiel mir auf, dass ich schon seit 30 Jahren in der Branche tätig bin und noch nie mit einer Komponistin zusammengearbeitet habe. Also habe ich bei den Experten vom ZDF nachgefragt, und sie haben mir einige Komponistinnen vorgestellt. Ich habe mit einigen von ihnen Gespräche geführt und mich letztlich für die junge Kollegin Therese Strasser entschieden, über deren Beteiligung an den «Herzkino.Märchen» ich mich sehr freue."

Auch wenn die Ausstrahlung der ersten beiden «Herzkino.Märchen» noch aussteht, denkt man bei der sabotage films GmbH bereits an die Zukunft dieser Reihe: "Die Reihe macht uns ungeheuren Spaß und wir hoffen sehr, dass wir weiter machen dürfen. Wir sind auch schon in der Entwicklung der nächsten zwei Drehbücher, damit wir parat sind, falls es mit den Pilotfilmen gut laufen sollte", verrät uns von Donop. "Wir würden uns als nächstes an «Schneewittchen» heran trauen, das ja schon wahnsinnig oft verfilmt wurde und daher eine besondere Herausforderung ist, und an «Frau Holle»."

Auf die Frage, ob es Märchen gibt, die für die Reihe ungeeignet sind, antwortet sie energisch: "Nein, da bin ich unerschrocken. Mit Zeit und Mühe können wir aus jedem Märchen etwas Interessantes machen. Das ist ja so spannend an dieser Arbeit: Man hat eine Vorlage, über die man sich den Kopf zerbrechen kann. Das eröffnet eine erstaunliche Freiheit!"

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Quotermain
08.12.2018 19:07 Uhr 1
Wieder ein Fall von Sexismus in den Medien. Das üble Schattenbild des Mannes an die Wand werfen und damit eine Blendgranate in der potentiellen Frauenzielgruppe zünden.
Ich finde es nur unfair, das der Pilcher-Zielgruppe jetzt ungefragt Märchen reingewürgt werden sollen.
Aber ist klar. Wenn es floppt, war es der Tatort..oder die Männer.
Ach nee upps, 50Prozent der GEZ kommt von Männern.
Wo ist eigentlich der Sonntagabend-Männerslot im ZDF? Auch Männer haben nur einen Sonntag in der Woche.

Medienalltag ist halt nicht Alltag. Wo auf der Strasse grösstenteils Gleichberechtigung herrscht und Stellenanzeigen mit M/W/D ausgeschrieben werden, wird in den Medien, der Kasse wegen, ein Geschlechterkampf inszeniert, der in den 80ern des vorletzten Jahrhunderts angesiedelt zu sein scheint.
Ich könnte mir vorstellen, das das Casting nicht mit dem Alltagsarbeitsrecht vereinbar war, sonst könnte Schneewittchen ja auch ein Mann sein.

Warum kommt Der kleine Lord eigentlich immer noch gut an?

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