Die Kritiker

«Der Mordanschlag»

von

Petra Schmidt-Schaller spielt eine mit sich hadernde RAF-Terroristin, Ulrich Tukur ihr geplantes Opfer. Aus einem Drama um Zweifeln und Zögern will dieser Zweiteiler einen schneidigen Thriller machen – eine krachende Themaverfehlung.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Petra Schmidt-Schaller als Sandra Wellmann
Jenny Schily als Bettina Pohlheim
Ulrich Tukur als Hans-Georg Dahlmann
Maximilian Brückner als Andreas Kawert
Suzanne von Borsody als Sandras Mutter
Franziska Hartmann als Miriam Wellmann
Stefanie Stappenbeck als Marion Burckhardt

Hinter der Kamera:
Produktion: Network Movie Film- und Fernsehproduktion GmbH und Senator Film Produktion GmbH
Drehbuch: André Georgi
Kamera und Regie: Miguel Alexandre
Produzenten: Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge und Ulf Israel
Der (fiktionalisierte) Chef der Treuhandanstalt, Hans-Georg Dahlmann (Ulrich Tukur), hat im Jahr 1990 als Gesicht seiner Institution Mühe, die Konkursmasse der Ostwirtschaft zu verwalten und eine Verramschung der ehemaligen DDR-Staatsbetriebe an gierige Westkonzerne zu verhindern. Trotz seiner redlichen Bemühungen und seiner freimütigen Transparenz ist er eine in der Arbeiterschaft und der linken Öffentlichkeit systematisch verhasste Persönlichkeit – und steht auf der Liste der 3. Generation der RAF ganz oben. Was er nicht weiß: Seine neue rechte Hand Sandra Wellmann (Petra Schmidt-Schaller) ist Mitglied der Terrororganisation und hat den Auftrag, ihn auszukundschaften, damit die Kavallerie ihn kalt machen kann.

Um gleich zu Beginn zu verdeutlichen, wie effektiv die außerparlamentarische bundesdeutsche Rote Armee operiert, gelingt den kommunistischen Mördern ein beeindruckender Anschlag auf einen anderen prominenten Vertreter der Bourgeoisie. Doch Dahlmann will sich – trotz seiner besonders exponierten kapitalistischen Funktion und des aufgeheizten Klimas – von der großbürgerlichen Panik nicht kirre machen lassen. Er glaubt an Kommunikation und Vermittlung. Linke Ideen seien ihm selbst nicht fremd, erzählt er Wellmann bei einer beiläufigen gemeinsamen Zigarettenpause. Marx, Engels und Ricardo hat er als junger Mann verschlungen. Dann bekam seine Frau ein Kind, führt er weiter aus – will sagen: Der Kommunismus mag als realitätsferne Ideologie ganz schön sein, hat aber für die reale Welt keine sinnvollen Antworten. Oder etwas zynischer: Kommunismus hört bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 2.000 Mark auf.

Ob der erstaunlichen Gemeinsamkeiten in ihrer Weltanschauung und ihrer zunehmenden Sympathie und Zuneigung für den Großkapitalisten plagen Sandra Wellmann bald Gewissensbisse: noch dazu, da sie der freundliche, offene Mann auch begeistert seiner Familie vorstellt, die sie mit offenen Armen im engen Zirkel willkommen heißt. Wellmann selbst ist ja alles andere als eine kaltherzige Persönlichkeit, wie man unschwer in den zahlreichen Szenen erleben kann, in denen sie trotz selbstverweigernder Zurückhaltung und alten Wunden entstammenden Bindungsängsten liebevoll mit ihrem Sohn zusammen ist.

Ihre RAF-Kontrolleurin Bettina Pohlheim (Jenny Schily) ist da weniger zimperlich: Sie pustet schon einmal einem ehemaligen Waffenbruder das Hirn weg, wenn der zur Gefahr für die Operation werden könnte. Konsequent und unter Zuhilfenahme des gesamten Psychokriegsinstrumentariums, das ihr die STASI in Brandenburg beigebracht hat, hält sie die hadernde und zweifelnde Sandra auf Linie. Als es nicht mehr anders geht, drückt sie ihr vor Dahlmanns Haus eine Waffe in die Hand und gibt die knappe Anweisung: „Du gehst jetzt da rein und erschießt ihn einfach.“ Aber Sandra kann nicht. Blöd, dass jemand anderes den Abzug drückt und Sandra als RAF-Terroristin enttarnt wird.

Eine Konstruktion, mit der es sich der Film sehr einfach macht: Denn mit denen, die letztendlich geschossen haben, hat seine hadernde, zweifelnde Heldin nichts zu tun – und damit zumindest unmittelbar weniger Schuld. Gleichzeitig geht «Der Mordanschlag» damit in unpassender Weise seinem zentralen thematischen Untersuchungsfeld aus dem Weg: Schuld, Gewissensbisse, Wiedergutmachung, die Zweifeln und das Zögern vor dem Abdrücken der Waffe, die Unumkehrbarkeit der Tötung eines Menschen, das Große Ganze Politische versus das Kleine Persönliche Rechtschaffene.

Stattdessen will «Der Mordanschlag» diesen Konflikt mit aufgesagter Exposition bestreiten: Bettina Pohlheim, die rabiate, entschlossene, zweifelsfreie Linksterroristin, darf ihre Überzeugungen von der Unmenschlichkeit des Kapitalismus und seinen abscheulichen Folgen vortragen, die auch die Tötung von bisweilen Unschuldigen rechtfertigen, um dieses System abzustellen, das ja – so ihre Logik – noch viel mehr Menschen dahinraffen wird, wenn man nicht entschieden mit allen Mitteln einschreiten würde. Sandra Wellmann darf in diesen Momenten nur brav nicken, bevor sie sich dann doch bei der nächsten Gelegenheit schützend in die Schusslinie stellt oder beim gemeinsamen Abendessen mit ihren Opfern von Gewissensbissen zerfressen wird.

Doch all das bleibt oberflächlich anerzählt, wird weder dialogistisch noch inszenatorisch jemals kohärent ausgeführt. Stattdessen begreift sich dieser Zweiteiler vornehmlich als Spannungsthriller und pfercht seine unnütz überlange Sendezeit mit allerhand opulent ausstaffierten Zugriffen, Verfolgungsjagden und Fluchtsequenzen voll. Das ist genau der falsche Zugang zu diesem Stoff: Zögern und Zweifeln, Hadern und Entscheiden oder Um-Entscheiden sind Ereignisse der Stille, der Introspektion, der Reflexion, der Psyche und der Intimität – nicht des schneidigen Handelns, der zackigen Planerei, der Ticking-Clock-Polizeiaufarbeitung.

So ist es nicht verwunderlich, dass der in seiner Gesamtheit überschaubare tatsächlich vorhandene psychologische Tiefengehalt eher von dem fragilen und einnehmenden Spiel der Hauptdarsteller, insbesondere Petra Schmidt-Schaller und Ulrich Tukur, ausgeht, die konsequent jene Zwischentöne suchen und finden, die eigentlich die Essenz dieses Stoffes ausmachen müssten. Die strukturell unnötig fahrigen Charaktere, deren dramatisches Potential zugunsten allerhand überflüssigen Thriller-Boheis ungenutzt bleibt, sind Schauspielern dieses Formats jedoch unwürdig. Ein Drama, das es besser macht: Albert Camus, „Die Gerechten“.

Das ZDF zeigt den ersten Teil von «Der Mordanschlag» am Montag, den 5. November um 20.15 Uhr. Der zweite wird am Mittwoch, den 7. November zur selben Sendezeit ausgestrahlt. Anschließend folgt eine Dokumentation über den Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder im Frühjahr 1991 – das Ereignis, das für diesen Zweiteiler Pate stand.

Kurz-URL: qmde.de/104959
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