Die Kritiker

«Kommissarin Lucas - Das Urteil»

von

Mit seinem einnehmenden Stoff und seinen klugen Einfällen hätte der neue Fall von Kommissarin Lucas' aus der Masse an Fernsehkrimis herausstechen können – hätte man ihn nur konsequent erzählt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Ulrike Kriener als Ellen Lucas
Michael Roll als Boris Noethen
Lasse Myhr als Tom Brauer
Jördis Richter als Judith Marlow
Tilo Prückner als Max
Florian Teichtmeister als Bernd Stach
Lena Kalisch als Marie Heusler

Hinter der Kamera:
Produktion: Olga Film GmbH
Drehbuch: Peter Probst
Regie: Nils Willbrandt
Kamera: Jens Harant
Produzenten: Arbia-Magdalena Said und Harald Kügler
Vor etwa einem Jahr hat Kommissarin Lucas (Ulrike Kriener) den Psychologiedozenten Bernd Stach (Florian Teichtmeister) hinter Gittern gebracht, weil er bei einer Party eine seiner Studentinnen vergewaltigt und ermordet haben soll. Jetzt ist er aus dem Knast ausgebrochen – und kidnappt Lucas, die er zwingen will, den Tatvorwurf gegen ihn noch einmal neu zu überdenken und seinen Argumenten zuzuhören. Sie sei damals die Einzige gewesen, die zumindest geringe Zweifel an seiner Schuld gehabt habe.

Lucas will sich das alles nicht anhören und diese entwürdigende Situation der Gefangenschaft eines wahrscheinlich durchgeknallten Triebtäters unverzüglich beenden. Doch ihre aufrichtige Persönlichkeit und ihr ehrenhaftes Pflichtgefühl überschatten selbst das Trauma ihrer Entführung: Bernd Stachs Geschichte macht Sinn, die Umstände, die er ihr vorträgt, um Zweifel an seiner Schuld zu säen, sind plausibel. Als Lucas nach wenigen Stunden von ihren Kollegen befreit wird, kann Stach fliehen – und Lucas kann nicht anders, als ihren Entführer in Schutz zu nehmen und ein Wiederaufnahmeverfahren in die Wege zu leiten.

Bernd Stach ist wahrlich kein Sympathieträger: Er ist aufbrausend, jähzornig und gewalttätig. Die Justizvollzugsanstalt ist trotzdem der falsche Ort für ihn, wie dieser Krimi schnell klar macht. Schuld und Unschuld entscheiden sich nicht anhand der Sympathie, sondern anhand der Sachverhalte, nüchtern, trocken, emotionslos.

Doch während „Das Urteil“ den für deutsche Fernsehfilme kontra-intuitiven Dualismus aus Unschuld und Unsympathie durchaus interessant zu erzählen vermag, tappt dieser Film an vielen anderen Stellen trotz zahlreicher intelligenter Einfälle in die Beliebigkeit.

Aus Lucas‘ Entführungssituation, der eisernen, klugen, starken, aber jetzt verschüchterten und doch ihre Würde behaltenden Ermittlerin in der Gefangenschaft eines schreienden, schier psychopathischen Wüterichs hätte ein einnehmendes Kammerspiel werden können, vielleicht sogar eine tiefenpsychologisch mitreißende Tour de Force. Stattdessen wird sie je unterbrochen, zugunsten uninspirierter Allerweltsmotive von läppischen Verfolgungsjagden bis zu zähen, aber spannungsarmen Verhörszenen.

Als sich die Geschichte in der zweiten Hälfte der Laufzeit zunehmend dem psychologischen Phänomen von Konfabulationen widmet, wenn Zeugen objektiv falsche Sachverhalten aussagen, die sie aber selbst aufrichtig für wahrhaftig halten, hätte sich daraus ein spannender und relevanter Diskurs zu diesem für die Justiz freilich essentiell problematischem Thema ergeben können. Doch auch dieser Themenstrang bleibt ein flottes Plot Device, allenfalls ein lehrhafter Hinweis, aber leider keine Grundlage für eine wirklich tiefgehende, sinnvolle Betrachtung. Schade um all das verschenkte Potential: Denn am Ende steht kein psychologisch dichter, mitreißend erzählter Stoff, sondern ein Krimifilm wie jeder andere.

Das ZDF zeigt «Kommissarin Lucas – Das Urteil» am Samstag, den 1. September um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/103449
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