Die Kino-Kritiker

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint: «I Feel Pretty»

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Immer mehr Frauen setzen sich dafür ein, dass das sogenannte Bodyshaming der Vergangenheit angehört. Ein Thema, das in «I Feel Pretty» zwar aufgegriffen, aber nicht konsequent zu Ende gedacht wird.

Filmfacts: «I Feel Pretty»

  • Start: 10. Mai 2018
  • Genre: Komödie
  • Laufzeit: 110 Min.
  • FSK: o.Al.
  • Kamera: Florian Ballhaus
  • Musik: Michael Andrews
  • Buch und Regie: Abby Kohn, Marc Silverstein
  • Darsteller: Amy Schumer, Michelle Williams, Emily Ratajkowski, Tom Hopper, Rory Scovel, Adrian Martinzez
  • OT: I Feel Pretty (USA 2018)
Unter dem Begriff „Bodyshaming“ versteht man die öffentliche Diskreditierung und Diffamation, die vor allem Frauen aufgrund körperlicher Abweichungen vom sogenannten Idealmaß befällt. Im vergangenen Jahr gab es mit «Embrace – Du bist schön» sogar eine Dokumentation über das Thema, der sich die sich aktuell über die sozialen Netzwerke verbreitende „Body Positivity“-Bewegung anschloss. Sie propagiert einen gesunden Umgang mit dem eigenen Körper und fordert die Akzeptanz, dass jeder Mensch schön ist, selbst wenn er nicht dem entspricht, was die Gesellschaft einst als Schönheitsideal festgelegt hat. Unter Druck eine unrealistische 90-60-90 anzustreben, soll damit schon bald der Vergangenheit angehören. Abby Cohn und Marc Silverstein («How To Be Single») wollen mit ihrer aussagekräftig betitelten Komödie «I Feel Pretty» ihren Beitrag zur „Liebe deinen Körper!“-Bewegung leisten und erzählen davon, wie sich eine Frau verändert, bloß weil sie die Problemzonen an ihrem Körper plötzlich nicht mehr als solche wahrnimmt.

Das ist per se eine mehr als lobenswerte Intention, doch leider geht der Schuss voll nach hinten los. Schuld daran ist zum einen Amy Schumer («Dating Queen»), die die vielen Facetten ihrer interessanten Hauptfigur überhaupt nicht ausloten kann. Zum anderen aber auch die Geschichte an sich, in der irgendwann nicht die Gesellschaft auf ihr oberflächliches Schönheitsempfinden reduziert wird, sondern einzig und allein die Protagonistin selbst.

Unzufrieden mit Mittelmaß


Renee (Amy Schumer) weiß sehr wohl wie es ist, gerade so knapper Durchschnitt in der Welt der Schönen zu sein. Doch ihr Selbstbild ändert sich buchstäblich schlagartig mit einem ungebremsten Sturz vom Fitnessrad: plötzlich sieht sie sich wunderschön, auch wenn ihre Umgebung das nicht genauso erkennt und der Kopf dazu noch ganz schön brummt. Mit ganz neuem Selbstvertrauen klettert sie unerwartet auf der Karriereleiter einer Kosmetikfirma nach oben und gewinnt endlich den Respekt der von ihr so bewunderten Chefin Avery LeClaire (Michelle Williams). Auch in der Liebe läuft es plötzlich wie am Schnürchen. Doch was passiert, wenn sich die anfängliche Wirkung verflüchtigt und die Realität wieder einsetzt?

Die Prämisse von der dicken Frau, die nach einem Schlag auf den Kopf plötzlich als dünn und begehrenswert anmutet (sich allerdings nicht selbst so wahrnimmt, sondern von ihrem Love-Interest Jack Black), hatten die Farrelly-Brüder bereits im Jahr 2001 in ihrer moralisch ziemlich fragwürdigen Comedy «Schwer verliebt» aufgegriffen. Als „Body Positivity“-Statement taugte dieser Film natürlich nichts, weshalb die Macher von «I Feel Pretty» nun ein entscheidendes Detail in der ansonsten ähnlich gestrickten Geschichte verändert haben: Ihre Protagonistin sowie ihr Umfeld sehen sie nicht plötzlich als rank und schlank, sondern besitzt einfach nur nicht mehr den Drang, sich permanent ihrer eigenen Problemzonen bewusst zu machen. Wenn sie in den Spiegel guckt, ist da immer noch die kurvige Amy Schumer zu sehen – nur ist diese – im wahrsten Sinne des Wortes – auf einen Schlag mit sich im Reinen und legt dadurch ein ungeheures Selbstbewusstsein an den Tag.

Auf diesem Wege funktioniert die Anti-Bodyshaming-Botschaft auf den ersten Blick überraschend gut, schließlich zeigt Renee, dass man sich auch als „Normalo“ ganz selbstverständlich wohl in seiner Haut fühlen kann. Doch schon auf den zweiten Blick erkennt man die in «I Feel Pretty» steckende Doppelmoral: Offenbar geht genau das nämlich nur, wenn man einen Schlag auf den Kopf bekommt. Mit einem echten Appell an das Selbstbewusstsein nicht ganz so perfekter Frauen (ohne dass wir an dieser Stelle festlegen wollen, was genau eigentlich „perfekt“ ist), hat «I Feel Pretty» dann nämlich doch herzlich wenig zu tun.

Zwischen hohlem Märchen und bemühtem Statement-Film


Das hängt auch damit zusammen, dass die Drehbuchautoren ihre Botschaft in eine ziemlich durchschnittliche Geschichte einbetten, die der komplexen Thematik nicht gerecht wird. Mit dem so wichtigen Umfeld und der Gesellschaft, in der so Einiges im Argen liegt, befassen sich die Verantwortlichen nämlich kaum. Stattdessen ist es Renee, die sich in jeder freien Minute einzig und allein über ihr Aussehen definiert: zu Beginn, indem sie sich als Frau mit Kurven andauernd selbst bemitleidet und später, indem sie ihre tolle Figur permanent in Hysterie versetzt. Freunde, Bekannte und Kollegen gehen dagegen immer nur dann auf Renees Äußeres ein, wenn die extremen Reaktionen ihrer Freundin und Kollegin eine entsprechende Antwort von einfordern. Das hinterlässt über kurz oder lang vor allem einen Eindruck: Die Einzige, die in dieser Welt ein Problem mit sich und ihrem Äußeren hat, ist die Hauptfigur selbst.

Der Message, dass ja eigentlich die oberflächliche und auf Äußerlichkeiten fixierte Gesellschaft die Ursache für dieses Problem ist, geht – auch dank der eindimensionalen Darstellung von einer sukzessive immer nerviger werdenden Amy Schumer – irgendwann einfach unter.

«I Feel Pretty» ist viel eher ein naives Großstadtmärchen und hat als solches auch einige ganz charmante Momente: Wenn Renee durch ihr neues, ungewohnt extrovertiertes Auftreten nicht bloß Karriere bei einem Modelabel macht (mit Michelle Williams als mit Fistelstimme ausgestattete Label-Chefin, die in einer «Zoolander»-Gedächtnisrolle allen anderen die Show stiehlt), sich endlich verliebt und plötzlich sogar bei den Reichen und Schönen Anklang findet, inszenieren Abby Kohn und Marc Silverstein diesen Höhenflug als Innbegriff des Kleinmädchentraumes. Das ist hier und da ganz süß, etwa wenn Renee voller Stolz Klamotten präsentiert, die sie vorher niemals getragen hätte. Solche Szenen besitzen durchaus etwas Befreiendes und lassen die ehrenwerte Intention hinter dem Konzept durchschimmern. Dann wiederum schlägt das Skript regelrecht abgeschmackte Kapriolen, etwa als sich Renee bei einem Bikini-Contest präsentiert und die Macher die Situation bis an die Grenze der Erträglichkeit ausloten, indem sie Amy Schumers Figur (nicht die körperliche!) eben doch der Lächerlichkeit preisgeben – und das hat absolut gar nichts mit ihren Maßen zu tun!

Darüber hinaus wird Renee ab dem Moment der veränderten Körperwahrnehmung selbst immer oberflächlicher und lässt sogar ihre jahrelangen Freundinnen links liegen. Ganz so, als würde einem «I Feel Pretty» sagen wollen, dass hinter gutem Aussehen automatisch ein schlechter Charakter steckt. Eine solch oberflächliche Aussage kann nicht im Sinne der Macher gewesen sein.

Fazit


«I Feel Pretty» soll vor allem Frauen darin bekräftigen, sich schön zu fühlen, so wie man ist. Doch die Macher denken diesen lobenswerten Ansatz nicht zu Ende. Das oberflächliche Skript und eine weit unter ihren Möglichkeiten aufspielende Amy Schumer lassen die angestrebte „Love Yourself!“-Message im Nichts verpuffen.

«I Feel Pretty» ist ab dem 10. Mai bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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