Die Kino-Kritiker

«Cars 2»

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Die Pixar Animation Studios machen das Dutzend voll. Kann «Cars 2», der zwölfte Langfilm der «Toy Story»-Macher, die Siegesstrecke fortführen, oder holen sich die Animations-Zauberer einen Platten?

Als die Pixar Animation Studios 2006 ihre animierte Komödie «Cars» in die Kinos entließen, werden sie wohl kaum geahnt haben, was sie damit lostreten sollten. Der in einer von Autos bevölkerten Welt angesiedelte Film nahm an den Kinokassen zwar weniger ein, als die zuvor veröffentlichten, modernen Trick-Klassiker «Findet Nemo» oder «Die Monster AG», dafür sollten die vermenschlichten Autos im Merchandising-Sektor beispiellose Zahlen schreiben. Die Verkäufe von Spielzeugautos, Videospielen und bedruckten Papierservietten generierten annähernd 10 Milliarden Dollar. Das muss man erst einmal sacken lassen...

Es wundert wohl kaum jemanden, dass angesichts solcher Zahlen eine Fortsetzung unvermeidlich war. John Lasseter, das kreative Pixar-Oberhaupt und Regisseur von «Cars», schwört allerdings Stein auf Bein (oder eher Steinschlag auf Reifen), dass «Cars 2» aus keinem kommerziellen Kalkül entstand, sondern weil er Sehnsucht nach den Figuren und ihrer nach Motoröl und Benzin duftenden Welt verspürt habe.

Vielleicht mochten Lasseter zahlreiche kleine Jungen zugestimmt haben, die ihr allerliebstes rotes Spielzeugrennauto wieder im Kino sehen wollten – erwachsene Pixar-Fans stöhnten bei dieser Ankündigung jedoch kollektiv auf. «Cars» war seiner Zeit der von der Kritik am schwächsten aufgenommene Pixar-Film. Bisher. Denn «Cars 2» gelang das zuvor für so viele Undenkbare. Er wurde als erste Pixar-Produktion von der US-Presse mehrheitlich verrissen. Nun stellt sich die Frage: Irrt die Mehrheit oder fuhr Pixar mit «Cars 2» tatsächlich im Eiltempo gegen eine Wand?

Ein Rennen um die Ehre, alternativen Treibstoff und… ums Leben


Das britische Agentenauto Finn McMissile wird auf eine Ölplattform beordert, um dort einen feststeckenden Kollegen zu retten. McMissile kann bei seiner Mission zwar einige Informationen über die jüngsten Machenschaften des schurkischen Professor Z einholen, um das Leben seines Kameraden zu retten, kommt er allerdings zu spät.

Im beschaulichen Örtchen Radiator Springs dagegen genießt Lightning McQueen, mittlerweile vierfacher Sieger des renommierten Piston Cups, den Anbruch der allsommerlichen Rennpause. Lange währt das entspannende Vergnügen nicht, denn als in einer Fernsehsendung über eine neue Rennserie berichtet wird, ruft Lightnings bester Freund, der rostige Abschleppwagen Hook, im Studio an. Er versucht dem Moderator und seinem arroganten Gast, dem italienischen Formel-1-Wagen Francesco, die Leviten zu lesen, was aufgrund Hooks mangelnder Eloquenz sehr schnell eskaliert. Lightning schaltet sich dazwischen und verspricht spontan, an der Rennserie teilzunehmen. Diese findet in Tokyo, an einer malerischen Küste Italiens und in London statt, um einen neuen, umweltfreundlichen Treibstoff zu bewerben. Wie der britische Geheimdienst kurz vor dem ersten Rennen herausfindet, plant Professor Z, diese Rennserie zu sabotieren. Eine Kette von Verwechslungen führt am Vorabend des Eröffnungsrennen in Tokyo dazu, dass Finn McMissile und seine Kollegin Holly ausgerechnet den vertrottelten Hook für einen amerikanischen Agenten halten. Chaos ist vorprogrammiert…

Dieses Grundgerüst zu «Cars 2» ist, so die Filmemacher, eine Verschmelzung zweier unterschiedlicher Ideen: Während der Promo-Tour zu «Cars» habe sich Lasseter gefragt, wie der Naivling Hook auf den internationalen Kulturschock reagieren würde – daher der internationale Anstrich des Films. Und nicht etwa, weil «Cars» im Vergleich zu anderen Pixar-Filmen eher eine amerikanische Geschichte war (sowohl inhaltlich, wie an den Kinokassen) und deswegen etwas Weltoffenheit gebrauchen könnte. Der Agentenplot dagegen rührt daher, dass man für «Cars» einen Ausflug in ein Autokino plante, wo sich die Figuren einen Agententhriller ansehen. Diese Vorstellung eines Auto-Agentenstreifens habe die Verantwortlichen auch dann nicht mehr losgelassen, als man die Sequenz aus Zeitgründen verwerfen musste.

Es ist tatsächlich glaubhaft, dass dies die Gedanken des Anstoßes waren, die der Kinowelt «Cars 2» einbrockten. Beide Elemente werden mit Pixar-typischer Ambition präsentiert und man spürt dem Film an, wie sehr die Verantwortlichen diesen mit Autos bevölkerten Kosmos mögen. An jeder Ecke warten kleine Elemente, die zeigen, dass «Cars 2» mehr ist, als ein verlängerter Werbespot für eine neue Merchandising-Kollektion. Doch das macht «Cars 2» fast noch tragischer: Pixar rast gewissermaßen lachend in die Schrottpresse.

Agent Null Acht Fünfzehn: Spionage nach Plan B


Bereits der Vorgänger aus dem Jahre 2006 bot eine für Pixar-Verhältnisse überaus konventionelle, abgenutzte Story. Das Drehbuch von Ben Queen, welches der Fortsetzung zu Grunde liegt, unterbietet die geringe Originalität von «Cars» bei weitem. Der Idee, einen ahnungslosen Trottel in ein Agentenabenteuer zu stürzen, und ihn durch Fachidiotie, Anfängerglück und zahlreiche Zufälle glänzen zu lassen, bedienten sich vor «Cars 2» bereits zahllose (Fernseh-)Filme und Serien. Etwas Neues können die Regisseure John Lasseter & Brad Lewis zu diesem Konzept nicht beisteuern. Obendrein reiht sich ein ungebrochen übernommenes Klischee ans andere, weshalb die zweite Hälfte von «Cars 2» zur reinsten Zerreißprobe wird. Dass das viel besser geht, bewies vergangenes Jahr «Toy Story 3» aus dem selben Haus, der seinen Vorgängerfilmen treu blieb und gleichzeitig ernstere Themen ansprach und eine originelle Spielvariante des Gefängnisausbruch-Subgenres bot. All diese Elemente wurden zu einer kohärenten, lohnenswerten Geschichte verbunden.

«Cars 2» dagegen gelingt es weder, seine abgenutzte Grundidee frisch abzuwandeln, noch die beiden Handlungsstränge befriedigend zusammenzuführen. Während das erste Rennen in Tokyo und Hooks verpeilter erster Agenteneinsatz auf akzeptable Weise ineinander greifen, gewinnt Hooks Subplot daraufhin zu drastisch an Dominanz. Letzten Endes entschwindet deswegen jegliche Relevanz aus der zuvor zeitaufwändig inszenierten Rivalität zwischen Lightning McQueen und seinem italienischen Konkurrenten Francesco. Somit erscheinen auch die vorhergegangenen Sequenzen rund um den Rennzirkus absolut überflüssig. Wenn sich in einem nahezu zweistündigen Kinofilm die prominent dargestellte B-Storyline zu einer reinen Zeitverschwendung entwickelt, dann ist das ein unverzeihlicher Fehler, der dem endgültigen Produkt sehr viel Energie und Spannung raubt. Und gerade ein Film mit Action- und Rennsport-Elementen sollte es sich keinesfalls zu schulden kommen lassen, dass es ihm an Tempo mangelt. Da können selbst die zahlreichen, liebevollen Anspielungen auf andere (deutlich vergnüglichere) Pixar-Filme das Filmvergnügen kaum aufbessern.

Dem animierten Rennsport geht der Sprit aus


Der Rennsport-Subplot nimmt jedoch nicht nur dadurch Schaden, dass er von der Geheimagenten-Geschichte mit zunehmender Gewalt aus der Spur gedrängt wird. Da Lightning McQueen seine obligatorische Wandlung vom arroganten, stürmischen Newcomer zum bodenständigen Sportsmann bereits im Original durchgemacht hat, und es ihm in der Fortsetzung an Charaktermotivation mangelt, verliert die Raserei in «Cars 2» viel an Spannungspotential. Dabei bietet der World Grand Prix mit seinem internationalen Flair und seinen abwechslungsreicheren Strecken eine für das weltweite Publikum viel reizvollere Ausgangsposition, als die NASCAR-Rennen im ersten Teil. Somit muss sich diese animierte Actionkomödie handlungstechnisch ganz allein auf den Agentensubplot verlassen. Und auch wenn nahezu sämtliche Agenten-Actionmomente durchweg vorhersagbar sind, gehören sie zu den gelungeneren Sequenzen von «Cars 2». Sie sind aufwendig animiert und bieten eine familientaugliche Balance aus Brenzligkeit und Albernheit, so dass die Spionageeinsätze zumindest die jüngeren Zuschauer erheitern dürften.

Jedoch führt dies auch zu einem weiteren, herben Kritikpunkt an dieser Pixar-Fortsetzung: Die Regisseure John Lasseter und Brad Lewis spielen ihre Actionmomente (wie den gesamten Film) sehr sicher, trotz manchen herberen Einfälle ist «Cars 2» sehr bedachtvoll auf die jüngsten Fans der Trickschmiede zugeschnitten. Dadurch wirkt er, insbesondere im direkten Vergleich mit «Die Unglaublichen», wie die kindische Spielzeug-Variante eines „echten“ Pixar-Films. Die Actionsequenzen in Brad Birds Superhelden- und Agenten-Hommage «Die Unglaublichen» waren ungleich packender und temporeicher, doch vor allem haftete ihnen eine inhaltliche Schwere an, die zweifelsohne mit dazu beitrug, dass der Film eine Oscar-Nominierung für das beste Drehbuch erhielt. Zu solchen Ehren wird «Cars 2» keinesfalls gelangen, denn selbst die besten Passagen sind für sich betrachtet nichts weiter als unaufregender, harmloser Zeitvertreib.

Hook: Verrosteter Südstaaten-Depp oder liebenswürdiger Trickheld?


In seinen schlimmsten Passagen wiederum kann «Cars 2» für einen erwachsenen Betrachter richtig nervtötend werden. Dies ist generell schon eine der größten Sünden, die ein Unterhaltungsfilm begehen kann, aber für ein Studio, das sich damit rühmen kann, mit seinen Filmen jede Altersklasse gleichermaßen zu bedienen, kommt dies fast schon einer Deklassierung gleich. Das Nerven zerrende Störelement in «Cars 2» ist zu allem Überfluss nicht bloß eine vorlaute Nebenfigur, wie man es aus manchen Animationsfilmen gewöhnt ist, sondern Hook, der Star der ganzen Geschichte. Der dümmliche Südstaatler war im Vorläufer noch eine naive Figur, ein ewig Kind gebliebener Erwachsener mit begrenztem Weltwissen, doch großem Einfühlungsvermögen.

Mit dem Schritt ins Scheinwerferlicht mutiert Hook zu einem unausstehlichen Volltrottel ohne jegliche soziale Kompetenzen. Aus dem leicht zu begeisternden Unschuldslamm wurde ein selbstzentrischer Simpel, der seine komplette Außenwelt ignoriert. Nicht, dass Hook durch seine enorme Verantwortung als frisch gebackener Geheimagent im Laufe des Films erwachsen wird, was vielleicht einige seiner anstrengenden Gewohnheiten relativieren könnte. Stattdessen möchten die Macher von «Cars 2», dass das Kinopublikum von Hooks Freund Lightning McQueen enttäuscht ist, weil er den vertrottelten Abschleppwagen nicht dazu anfeuert, seine Idiotie noch aggressiver zur Schau zu stellen. Keine Moral, die man in seinem Familienfilm sehen möchte.

Gehört denn der ganze Film auf den Schrottplatz?


«Cars 2» hat nur sehr wenige versöhnliche Qualitäten. Die Witze zünden zwar nicht immer, doch jüngere Zuschauer dürften über ein paar von Hooks Blödeleien schmunzeln, während erwachsenen Kinogängern durch ein paar Doppeldeutigkeiten und die wenigen Treffer unter den zahllosen Auto-Wortspielen ab und an ein Lacher entlockt wird. Womit der Film dagegen ohne jede Widerrede überzeugen kann, ist das erstklassige Produktionsniveau. Die wunderschönen Hintergründe sind mit Leben gefüllt und üben einen einmaligen Spagat zwischen Nachbildung der Realität und Fantasterei aus. Auch der Score aus der Feder von Michael Giacchino («Lost», «Ratatouille») muss gelobt werden: Die Filmmusik ist erfrischend, energiereich und hat einen dezent altmodischen Flair, der das Agentengeschehen treffend unterstreicht.

Sobald die Konzentration von der glänzenden Verpackung auf den Inhalt wandert, bleibt von dieser Ambition und der künstlerischen Treffsicherheit nahezu gar nichts mehr übrig. «Cars 2» versagt darin, den Anspruch der letzten Pixars aufrecht zu erhalten und er versagt auch darin, sein erwachsenes Publikum so sehr zu respektieren, wie es bei Pixar- und Dreamworks-Filmen eigentlich üblich ist. Und selbst für das kindliche Publikum hat «Cars 2» aufgrund seiner erzählerischen Schwächen weniger zu bieten als sein Vorläufer. Für kleine Jungs mag es noch so spannend sein, bunte Autos über die Leinwand flitzen und schießen zu sehen: Auch Kinder wissen es zu schätzen, wenn ein Film beseelt erzählt wird und Substanz hat. Die Explosionen und der ganze Auto-Slapstick in «Cars 2» können das nicht aufwiegen.

«Cars 2» ist ab dem 28. Juli in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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