Im Anschluss an unseren gestrigen Blick auf die Nebenkategorien, richtet Quotenmeter.de nun den Fokus auf die Darstellerpreise: Letztlich sehen sich viele Zuschauer die Verleihung der Academy Awards allein wegen der Stars an. Weshalb sonst hat ABC dieses Jahr die Vorberichterstattung vom roten Teppich verdreifacht?
Nachdem die Nebendarsteller-Kategorie dank Christoph Waltz’ Sensationsleistung in «Inglourious Basterds» und Heath Ledgers ikonischer Darstellung des Jokers in «The Dark Knight» eher vorhersagbar verlief, bieten die Männer aus der zweiten Reihe während der diesjährigen Oscar-Verleihung mehr Spannung. Verfolgt man die bislang verliehenen Preise der aktuellen Award-Saison, so kristallisieren sich zwei klare Favoriten heraus. Mit einer Nasenlange voraus: Christian Bale, der sich für die Sportler-Biografie «The Fighter» bis auf die Knochen runterhungerte, um einen drogensüchtigen Boxer zu spielen. Der andere große Favorit des Abends ist Geoffrey Rush, der in «The King‘s Speech» den australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue spielt, welcher der Stottern von König George VI. behandelte.
Noch beliebter als charismatische, witzige Rollen sind in der Nebendarstellerkategorie die Figuren, die auf der falschen Seite des Gesetzes stehen. Wenn sie dann noch obendrein zu den auffälligsten und denkwürdigsten Qualitäten ihres Films gehören, ist der Oscar üblicherweise nicht weit entfernt. Insofern scheint der letztes Jahr für seine Darstellung in «Tödliches Kommando - The Hurt Locker» mit einer Nominierung als bester Hauptdarsteller bedachte Jeremy Renner Pech mit seiner übermächtigen Konkurrenz zu haben. Der 1971 geborene Kalifornier gab in «The Town» mit feinsinnigem Spiel den besten Freund von Ben Afflecks Hauptfigur Doug, die er daran zu hindern versucht, sein Leben als Bankräuber aufzugeben. Renner besetzt die moralisch ambivalenteste und somit spannendste Rolle in dem Kriminaldrama, der auf zahlreichen Jahresbestenlisten vertreten war und auch bei den Preisen der Produzentengewerkschaft als bester Film nominiert wurde. Bei den Oscars ist es Renner allein, der eine Nominierung für «The Town» ergattern konnte, was Erinnerungen an Ben Afflecks Regiedebüt «Gone Baby Gone» weckt. Das Entführungsdrama, welches wegen einiger zufälliger Parallelen zum Fall Maddie in die Schlagzeilen geriet, wurde ebenfalls von Kritikern hoch gelobt, aber nur Nebendarstellerin Amy Ryan erhielt eine Oscar-Nominierung für ihre Performance als drogenabhängige, allein erziehende Mutter, deren Tochter spurlos verschwand.
Besondere Medienaufmerksamkeit erhielt die vierzehnjährige Hailee Steinfeld, die für ihr Langfilmdebüt «True Grit» nominiert wurde. Was allerdings die wenigsten Medien ansprechen, ist die Schummelei, die hinter ihrer Nominierung als beste Nebendarstellerin steckt. Korrekterweise sollte Steinfeld als beste Hauptdarstellerin nominiert werden. Man muss sich «True Grit» nämlich nicht gerade mit einer Stoppuhr im Anschlag ansehen, um festzustellen, dass sie mehr Leinwandzeit in Anspruch nimmt, als der für die männliche Hauptrolle in «True Grit» nominierte Jeff Bridges. Steinfeld ist in nahezu jeder Szene des Westerns zu sehen und die Antriebsfeder des gesamten Plots. Zum Vergleich: Beatrice Straights Oscar-prämierte Nebenrolle in der Mediensatire «Network» ist keine sechs Minuten lang zu sehen. Nur unwesentlich länger trat Judi Dench als Queen Elizabeth I in «Shakespeare in Love» auf. Und neben solchen Kurzauftritten steht nun auch Steinfelds hoch gelobte Western-Hauptrolle.
Ebenfalls nominiert: Helena Bonham Carter, genau wie ihr Ehemann Tim Burton bislang Oscar-los. Sie spielt in «The King‘s Speech» Elizabeth Bowes-Lyon, besser bekannt als Queen Mum. Ihre Rolle in dem aufmunternden Historiendrama ist eher klein und unterstützend, allerdings darf man zwei Dinge nie unterschätzen: Die Zuneigung, die einem favorisierten Film zukommt und somit knappe Rennen in den Darstellerkategorien entscheiden kann, und der vielen unerklärliche Preissegen, den der weibliche Adel mit sich zieht. Ob Helen Mirren oder Cate Blanchett, spielten sie eine Queen Elizabeth, winkten die Filmpreise. Wie es laufen kann, zeigte bereits die zuvor erwähnte Dame Judi Dench, die für ihren Kurzauftritt zum Schluss des Erdrutsch-Gewinners «Shakespeare in Love» mit einem BAFTA und dem Oscar ausgezeichnet wurde. Obwohl sie bei den Preisen der Schauspielgewerkschaft und den Golden Globes bloß nominiert wurde. Genau wie Bonham Carter…
Zum mittlerweile vierten Mal wurde Alexandre Desplat nominiert, der die ruhige, pianolastige Begleitmusik von «The King‘s Speech» schrieb. Er komponierte zuvor bereits die Musik zu einem weiteren mehrfach Oscar-nominierten Adelsdrama, nämlich Stephen Frears «Die Queen». Weitere Nominierungen erhielt Desplat für den Stop-Motion-Trickfilm «Der fantastische Mr. Fox» und David Finchers mit fantastischen Elementen durchsetztes Liebesdrama «Der seltsame Fall des Benjamin Button». Desplat wird außerdem Harry-Potter-Fans als Komponist der zwei Finalfilme ein Begriff sein. Und in einem stilistischen Ausbruch legte er außerdem Hand an die Teenie-Vampire in «New Moon» an. Die Melodien in «The King‘s Speech» sind für Desplat ungewöhnlich warm, behalten aber seine markante Ruhe und den für ihn stehenden Minimalismus bei.
Hans Zimmer erhielt derweil für «Inception» seine mittlerweile neunte Oscar-Nominierung. Es ist Zimmers dritte Zusammenarbeit mit Regisseur Christopher Nolan (und die erste ohne Einfluss von James Newton Howard) und vereint seinen berühmten Bombast-Sound mit Wehmut und Reue ausdrückenden, verletzlichen Melodien. Bereits nach dem «Inception»-Kinostart vergangenen Sommer begannen unter Filmexperten die Diskussionen darüber, ob Zimmer eine Chance auf den Academy Award hat, da er in seiner Filmmusik den Edith-Piaf-Chanson «Je ne regrette rien» manipuliert und somit an der Grenze zur Disqualifikation stand. Mittlerweile gibt es sogar eine interaktive «Inception»-App, die Zimmers Musik und spezielle Neukompositionen dem Umfeld des Anwenders anpasst. Im Kino ist Zimmers Arbeit bald in dem Animationsfilm «Rango» von «Fluch der Karibik»-Regisseur Gore Verbinski zu hören, ehe der Deutsche im Mai wieder zum «Pirates of the Caribbean»-Franchise zurückkehrt. Dieses Mal greift ihm dabei das mexikanische Gitarrenduo Rodrigo y Gabriela unter die Arme.
Ganz gleich, welcher Filmscore den Oscar erhält, den Preis für das meistdiskutierte Soundtrackalbum 2010 geht entweder an Zimmer oder an die von den Nine Inch Nails bekannten Trent Reznor und Atticus Ross. Ihre Zusammenarbeit mit David Fincher erzeugte einen schwer vergleichlichen Hype um den albtraumhaften Score von «The Social Network». Ihre Kompositionen sind düster, desorientierend und betten das Drama über Facebook, verratene Freundschaften und erfüllte Lebensträume in ein hypnotisches Klangbett, das für die Wirkung des Films nicht zu unterschätzen ist. Ursprünglich hatte Regisseur David Fincher zum Beispiel vor, die Vorspannsequenz mit Paul Youngs «Love of the Common People» zu unterlegen, was «The Social Network» laut den Filmkomponisten plötzlich wie eine lockere Jugendkomödie von John Hughes erscheinen ließ. Ähnlich gitarrenlastig wie der «The Social Network»-Score, ist A. R. Rahmans Musik zu Danny Boyles energetischem Sportler-Kammerspiel «127 Hours». Die wahre Geschichte eines Kletterers, der in einen Canyon stürzt und sich dabei den Arm festklemmt, wird mit einem in sich stimmigen, dennoch wandelbaren Score begleitet. Von beruhigenden, von Windspielen dominierten meditativen Klängen hin zu treibenden Girattenriffs bedient der für Danny Boyles «Slumdog Millionär» zweifach mit dem Academy Award ausgezeichnete Inder einer breiten Gefühlspalette. Dass die Gitarre zum vorherrschenden Instrument der «127 Hours»-Filmmusik wurde, war eine Entscheidung, die Rahman vom Charakter der Hauptfigur abhängig machte. James Francos Kletterer sei ein ungestümer, draufgängerischer junger Mann, was sich der Komponist nur von der Gitarre repräsentiert vorstellen könnte.
John Powell erhielt dieses Jahr, genau wie Trent Reznor und Atticus Ross, seine erste Oscar-Nominierung. Dies kommt angesichts seiner bisherigen Vita durchaus überraschend: Der von Hans Zimmer und Harry Gregson-Williams angelehrte Brite komponierte bereits die Filmmusik zum John-Woo-Actioner «Face/Off», «Mr. & Mrs. Smith», und die «Ice Age»-Fortsetzungen. Des Weiteren arbeitete er mit Gregson-Williams an «Shrek» und mit Hans Zimmer an «Kung Fu Panda». Dieses Jahr erstaunte Powell allerdings mit seiner Karrierebestleistung, dem Soundtrack zu «Drachenzähmen leicht gemacht». Die Musik vereint betörende stillere Momente mit folkloristisch angehauchtem, anregendem Abenteuer-Bombast und füllt die mit Drachen und Wikingern bevölkerte Welt des Dreamworks-Animationsfilms mit einer schwer widerstehlichen Dynamik. Mentor Hans Zimmer sagte bereits, dass sein Zögling Powell ihn überflügelt habe, und vielleicht zieht er kommenden Sonntag bereits mit Zimmer gleich. • Oscar
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