«The Wolf of Wall Street»-Star Margot Robbie brilliert in der Rolle der sogenannten 'Eishexe' Tonya Harding – und knüppelt allen die Beine weg, die ein festgefahrenes Bild von ihr haben.
Oh. Und dann war da ja noch diese Sache. Diese eine Sache … Hardings engste US-amerikanische Rivalin um Eiskunstlaufruhm, Nancy Kerrigan, wurde kurz vor den Olympischen Winterspielen 1994 mit einer Eisenstange attackiert. Die Medien stürzten sich auf diesen Vorfall. Ebenso wie das FBI. Schnell kam es zu Vermutungen, dass die Rüpeleiskunstläuferin Tonya Harding damit zu tun hatte und sich so ihre Konkurrenz aus dem Weg räumen wollte.
Diese "Ja, das hier basiert auf wahren Ereignissen, doch wer kann schon behaupten, die absolute Wahrheit gepachtet zu haben?"-Attitüde teilt sich «I, Tonya» mit Filmen wie «The Big Short» (in dem Tonya-Harding-Darstellerin Margot Robbie passenderweise einen genialen Cameo absolviert): Wiederholt unterbrechen Figuren die Handlung, zerstören so die filmische Illusion, und geben ihren Senf dazu, um ein unglaublich erscheinendes Szenario als real zu bestätigen – oder als Erfindung der Klatschpresse. In mit höchster Penibilität nachgestellten Interviewsequenzen, die den Filmverlauf einordnen, häufen sich zudem weitere Widersprüche – sowohl zwischen den Beteiligten als auch innerhalb der individuellen Nacherzählungen des Ganzen.
Die satirisch-ironische Attitüde wirft Gillespie nämlich abrupt ab, wenn er sich Themen wie gesellschaftlicher Doppelmoral oder häuslicher Gewalt nähert – und diese Themen kommen in einer Nacherzählung von Tonya Hardings Geschichte zwangsweise auf. Wenn dieser schmissige, unterhaltsame Film erschrocken innehält, sobald eine auf alt und verlottert geschminkte Margot Robbie als Tonya Harding in die Kamera sagt, dass sie sich durch die Medien missbraucht fühlt, gleicht dies einem zielgenauen Messerwurf. Genauso versteht es Allison Janney als Rabenmutter mit Kodderschnauze, ihrer Rolle genau dann die karikaturesken Aspekte zu entziehen, wenn es so richtig weh tut. Als würde sie dem Publikum eine Lektion erteilen wollen: "Humoristische Distanz zum Gezeigten? Ist was für Luschen …"
Die zeitgenössische Presse hat Tonya Harding unentwegt ihr Erscheinungsbild und ihren Familienhintergrund vorgehalten und sie daher als ungenügend für ihren betont schönen Sport erachtet. Margot Robbie dagegen ist eine immens starke Schauspielerin – der zumindest Teile des Publikums und des Filmjournalismus jedoch nie ernsthafte Anerkennung haben zukommen lassen, um sich stattdessen an ihrem modelhaften Aussehen aufzugeilen. «I, Tonya» lässt diese beiden Gegenpole mit voller Macht kollidieren. Heraus kommt ein elektrisierender Film. Ein elektrisierender Film, der Robbie hoffentlich nachhaltig in der Öffentlichkeit als das Schauspieltalent zementiert, das sie ist, und der die sensationalisierte Vita Harding mit Empathie und Medien- sowie Gesellschaftskritik versieht. In gesundem Maße, versteht sich. Denn nur, weil dieser Film mit seiner Energie und Direktheit brachial auf die Fresse gibt, muss er ja nicht in Extremen denken. Wie gesagt: «I, Tonya» hat Karacho und Methode.

• Fright Night • Goodfellas • I Tonya • Kate & Leopold • Lars und die Frauen • The Big Short • The Return of the First Avenger
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Es gibt 6 Kommentare zum Artikel
23.03.2018 22:07 Uhr 4
Wo genau steht denn geschrieben, dass eine Biopic auschließlich trocken und nüchtern erzählt werden muss? Das ist das schöne an Filmen, es gibt immer unterschiedliche Arten etwas zu inszinieren. Wenn es dir rein ein faktische Abarbeitung geht, dann solltest du eventuell auf Dokumentationen umschwenken.
Jeder der einen guten Film sehen will? Man muss doch keine Filme zwanghaft nach Aktualität der Ereignisse produzieren. Die Geschichte selbst kann einem heutigen Publikum genauso gut präsentiert werden, wie vor 20 Jahren.
24.03.2018 13:28 Uhr 5
24.03.2018 15:30 Uhr 6
Und „I, Tonya“ trotz mancher Schwächen ein wirklich guter Film.