Interview

Tobias Drews: ‚Man braucht eine gute Geschichte, die man mit dem Kampf verbindet“

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Bei Sport1 beginnt eine neue Ära: Ab Samstag steigt der Sportsender groß ins Boxgeschäft ein. Los geht es mit einem Kampfabend aus Norwegen. Leiter der Box-Unit und Kommentator wird er von Sat.1 gekommene Tobias Drews, den man auch als Stimme der großen Klitschko-Kämpfe bei RTL kennt. Drews Debüt am Mikro liegt ziemlich genau 20 Jahre zurück. Eine Zeitreise mit Quotenmeter.de.

Der erste Kampfabend

  • Leon Bunn vs. Jozsef Racz
  • Kai Robin Havnaa vs. Daniel Vencl
(Kampfauswahl)
Herr Drews, neues Jahr, neue Aufgabe?!
Absolut. Ich bin quasi wieder zurück an alter Wirkungsstätte. 1996 habe ich als junger Redakteur beim damaligen DSF angefangen. Am 30. Januar 1998, also vor ziemlich genau 20 Jahren, habe ich dann meinen ersten Boxkampf live kommentiert. Daran erinnere ich mich noch sehr gut. Danach kamen Einsätze für Premiere, für RTL, für ran. Und jetzt schließt sich ein Kreis. Das mag sich so abschließend anhören, ist es aber gar nicht. Ich denke, mit Sport1 kommt jetzt richtig etwas ins Rollen: Unsere Pläne werden der Sportart Boxen eine tolle Entwicklung ermöglichen.

Ich habe mich auf internationale Fights genauso vorbereitet wie auf die vermeintlichen riesen Events mit den Klitschkos. Der Unterschied ist: Bei den Klitschkos wurde man am nächsten Morgen beim Blick auf die Quote immer positiv überrascht.
Tobias Drews
Wenn wir mal da ansetzen: Sie waren freier Boxreporter, haben unter anderem für Premiere gearbeitet, als der Anruf von RTL kam. Dort wollte man die große Tradition der Boxkämpfe wieder aufleben lassen, hatte Verträge mit den Klitschkos geschlossen und Sie wurden dann die Stimme dieser Fights. Waren die Abende vor 15 oder gar 16 Millionen Zuschauern Ihre Karriere-Highlights oder sind es doch eher kleinere Kämpfe, die oben angesiedelt sind, weil man am Mikro in der Halle ja eh nicht merkt, ob da 100.000 oder zehn Millionen zuschauen?
Man merkt es nicht, das ist richtig. Die Vorbereitung ist auch immer die Gleiche. Ich habe mich auf internationale Fights genauso vorbereitet wie auf die vermeintlichen riesen Events mit den Klitschkos. Der Unterschied ist: Bei den Klitschkos wurde man am nächsten Morgen beim Blick auf die Quote immer positiv überrascht. Natürlich war die Zeit mit den beiden ein Highlight für mich, aber eben nicht das Einzige. Ich erinnere mich noch an den Kampf Tyson vs. Lewis damals bei Premiere, ich erinnere mich an tolle Abende mit De La Hoya und Erik Morales. Da gab es viele Events, bei denen mir als Boxfan das Herz aufging, die aber eben nicht auf so hohe Reichweiten kamen.

Der erste große Quotenerfolg, den ich kommentiert habe, war übrigens der Kampf Stefan Raab gegen Regina Halmich. Das war auch eine interessante Sache, ich war danach aber auch froh, mich wieder richtigem Boxen widmen zu können.

Sie haben von 2015 bis Ende 2017 für ran und Sat.1 gearbeitet. Aus meiner Wahrnehmung waren da sehr wenige Kämpfe der Kategorie „Dafür sage ich am Samstagabend auch mal eine Geburtstagsparty ab“ dabei. Liege ich falsch?
Bei einigen Kämpfen mögen Sie da schon richtig liegen. Es gab aber auch wirklich Events, die deutlich mehr Zuschauerzuspruch verdient gehabt hätten. Ich erinnere mich noch an den Fight Sturm vs. Stieglitz, der aber noch vor meiner Zeit bei Sat.1 war. Da habe ich nicht verstanden, warum der nicht mehr gezogen hat.

Zur Erklärung: Knapp drei Millionen schauten damals „nur“ zu. „Nur“, weil zuvor Sturm-Kämpfe teils auf fast 5,5 Millionen gekommen waren.
Auch Sat.1 hatte also Highlight-Kämpfe. Grundsätzlich war es von Sat.1 ein guter Versuch, hier Fuß zu fassen. Warum das manchmal nicht geklappt hat, ist schwer zu sagen. Vielleicht lag es auch am Gegenprogramm.

Vielleicht lag es auch ein bisschen an den fehlenden großen Events? Auch für 2018 sind jetzt ja noch keine Ober-Knaller angekündigt?
Abwarten. Einige bekannte Namen sind in der Tat nicht mehr aktiv. Felix Sturm hat zuletzt aber über Comeback-Pläne gesprochen. Arthur Abraham will in diesem Jahr ein bis zwei Kämpfe bestreiten. Dazu haben wir unseren Weltmeister Tyron Zeuge. Und dahinter schlummern durchaus einige vielversprechende Talente. Wenn Sie also fragen: Gibt es denn Leute, die die großen Fußstapfen füllen können? Dann sage ich: Eindeutig Ja! Da sind gute Boxer dabei und diese Boxer wollen wir bei Sport1 nun entwickeln. Wir wollen ihre Geschichten erzählen.

Wo wir schon beim Konzept wären.
Wir senden jeden Samstagabend vier, und auch mal sechs Stunden live. Da zeigen wir also nicht nur den Hauptkampf, sondern auch die Vor-Kämpfe und geben somit den Talenten eine Chance, sich Deutschland zu präsentieren. „Boxen pur“ also, das ist ein wichtiger Schritt für den Sport.

Wie wollen Sie das Projekt Boxen bei Sport1 genau angehen?
Es wird 20 Boxabende pro Jahr geben. Da muss man die Sommerpause und die Zeit um Weihnachten wegrechnen, also kann man grob sagen, bei uns wird am Samstagabend alle zwei Wochen geboxt. Wir senden in der Regel von 20 Uhr bis Mitternacht und haben uns dafür ein großes Kompetenz-Team zu Sport1 geholt. Wir haben so viele Namen gebraucht, weil natürlich nicht jeder immer an allen Veranstaltungen Zeit hat – zumal momentan auch erst fünf Abende bis Ende März genau feststehen. Wir haben die Namen ja alle schon veröffentlicht. Als Experten arbeiten für uns Regina Halmich, Axel Schulz, Graciano Rocchigiani und der boxende Rapper Kontra K. Kai Ebel und Sarah Valentina moderieren und ich kommentiere. Das Team brennt, jeder wollte unbedingt dabei sein, als wir erklärt haben, was wir vorhaben. Es ist bei allen eine große Boxleidenschaft zu spüren.

An jedem Abend werden wir uns aus dem umgebauten Europa-League-Studio in Ismaning melden und dann immer wieder zum Geschehen vor Ort schalten. An diesem Samstag starten wir mit Moderator Uli Pingel, mir, sowie Graciano und Regina als Experten, dazu ist für Social Media Lisa Ramuschkat im Einsatz. Wir zeigen einen internationalen Boxabend aus Norwegen, Moderatorin Sarah Valentina ist für uns in der Halle im Einsatz. Das Studio wollen wir für eingehende Analysen nutzen, da können wir auch mal länger talken, wenn es in der Halle zu Verzögerungen kommt. Auf so etwas hat man natürlich keinen großen Einfluss. Am 17. Februar übertragen wir erstmals einen Boxabend aus Deutschland: In Ludwigsburg steigt Vincent Feigenbutz in den Ring und wir werden dann mit deutlich mehr Personal vor Ort sein.

Und Sie machen alle 20 Boxabende oder darf auch mal jemand anderes kommentieren?
Ich werde an allen 20 Abenden dabei sein, aber ich werde nicht immer alle Kämpfe kommentieren. Jetzt am Wochenende werde ich alles am Mikrofon begleiten, aber ich möchte auch hier mal neuen Stimmen und dem Nachwuchs eine Chance geben.

Welche Quotenziele gibt es denn bei Sport1?
Ich persönliche habe noch keine genauen Zahlen im Kopf. Gegen starke TV-Konkurrenz am Samstagabend wird es nicht einfach, das ist klar. Man muss grundsätzlich sicher auch zwischen den internationalen und den deutschen Top-Events unterscheiden. Und dann ist es an Ihnen, ab wann Sie von positiven Quoten schreiben. Bei den großen Top-Events wie einem WM-Kampf mit deutscher Beteiligung wollen wir schon der Millionen-Marke nähern. Das sehen wir schon sportlich und wissen, wo die Reise hingehen soll. Und in der insgesamt dreijährigen Vertragslaufzeit würde ich gerne mal den bisherigen Sport1-Boxrekord, den Regina Halmich mit 1,6 Millionen Zuschauern im Schnitt hält, knacken.
Schauen wir mal: Dafür müssen wir gute Kämpfe anbieten, gute Geschichten der Boxer erzählen und Relevanz schaffen. Ich denke, dass uns das mit unserem tollen Produkt gelingt.

Oft muss auch ein Mexikaner bei den PPV-Kämpfen dabei sein, damit es funktioniert. Es braucht auf alle Fälle immer eine gute Geschichte, die man mit dem Kampf verbindet.
Box-Experte Tobias Drews
Wenn wir in die USA blicken. Da gibt es große Pay-Per-View-Events, auch in England ist Sky da sehr aktiv. Teilweise kosten TV-Tickets 90 oder gar 100 Euro. In Deutschland ist das ja unvorstellbar. Hat Deutschland weniger Lust auf Boxen?
Darum geht es gar nicht. Was waren denn die großen PPV-Kämpfe? Natürlich Tyson früher, oder zuletzt Mayweather. Oft muss auch ein Mexikaner bei den PPV-Kämpfen dabei sein, damit es funktioniert. Es braucht auf alle Fälle immer eine gute Geschichte, die man mit dem Kampf verbindet. Wenn die nicht stimmt, stimmen auch die Zahlen im Pay-Per-View nicht. Ich glaube, wenn wir hierzulande so einen „Axel Schulz Reloaded“ hätten, der gegen einen großen Namen antritt, dann würde auch hier Pay-Per-View klappen. Es hat ja teilweise auch schon funktioniert: Etwa bei Haye vs. Chisora, da wurde aber auch eine richtig gute Geschichte erzählt. Ich denke, dass man sich hier einen solchen Markt aufbauen kann. Auch Deutschland kann Pay-Per-View-fähig werden. All das untermauert den Weg, den wir mit Sport1 jetzt gehen. Insgesamt wird es im internationalen Boxsport sicherlich ohne Pay-Per-View nicht mehr gehen. Die Summen, die aufgerufen werden, wenn Leute wie Mayweather in den Ring steigen, sind anders nicht zu bezahlen. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung: Der letzte Golowkin-Kampf kam im Pay-Per-View auf ein paar Hunderttausend Buchungen. Das ist für deutsche Verhältnisse sicherlich stark, in Amerika war das aber eher enttäuschend. Das liegt vielleicht auch daran, dass Showtime und HBO zuletzt zu viele Kämpfe ins PPV gesteckt haben. Promoter Bob Arum etwa hat kürzlich mit ESPN einen Free-TV-Deal über 30 große Boxkämpfe abgeschlossen. Auch in Amerika setzt man jetzt also vermehrt auch wieder auf die größeren Reichweiten im Free-TV.

In diesem Sinne, herzlichen Dank für das Gespräch.

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