Seit seiner fantastischen Performance im Oscaranwärter «Raum» wird Nachwuchsdarsteller Jacob Tremblay munter herumgereicht. Auch in der Tragikomödie «Wunder» spielt er die Hauptrolle – sein bisheriger Karrieretiefpunkt,
Auf den ersten Blick umgeht das Skript von Steven Chbosky («Die Schöne und das Biest»), Steve Conrad («Das erstaunliche Leben des Walter Mitty») und Jack Thorne («A Long Way Down») clever die alleinige Fokussierung auf Hauptfigur Auggie, indem es die Ereignisse des ersten Schuljahres aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Neben Auggie selbst, erhalten auch seine Schwester Via (Izabela Vidovic), sein bester Kumpel Jack (Noah Jupe) und der Schulbully Julian (Bryce Gheisar) ihre eigenen Kapitel und lassen das Miteinander mit ihrem Bruder oder Klassenkamerad in facettenreichem Licht erscheinen. Hier und da erlaubt sich Regisseur Chbosky auch Spitzen in Richtung Auggies durchaus forderndem Verhalten; etwa dann, wenn Teenagerin Via noch nicht einmal einen Abend mit ihrer Mutter verbringen kann, ohne dass ihr Bruder den beiden Frauen einen Strich durch die Rechnung macht. Doch bei diesen Spitzen bleibt es, denn dass die Macher ihrer jungen Hauptfigur letztlich doch nicht allzu sehr zu Leibe rücken und sie der Einfachheit halber lieber in eine permanente Opferposition drängen, merkt man allein schon daran, wie Auggie selbst nachvollziehbares Verhalten seiner Umgebung immer wieder relativiert.
Das mit dem ernst nehmen ist in «Wunder» ohnehin eine Sache für sich. Der als schwer entstellt etablierte Auggie, unter dessen Maske Jacob Tremblay («Raum») tatsächlich nicht als er selbst wiederzuerkennen ist, geht sogar auf der großen Leinwand kaum als körperlich missgebildet durch. Selbst mit dem Wissen, wie grausam Kinder schon bei den falschen Markenschuhen reagieren können, behandelt Auggies Umfeld den eigentlich recht selbstbewussten Kerl wie einen Aussätzigen, doch das an den Tag gelegte Verhalten steht in keinem Verhältnis zu seiner allenfalls ein wenig aufgedunsen wirkenden Visage. So muss man sich als Zuschauer schon angestrengt in die Szenerie hineindenken, um in den Geschmack authentischer Gefühlsregungen zu kommen, denn in erster Linie basiert in «Wunder» viel auf Behauptung – und auf viel, viel Tearjerking, basierend auf den richtigen Streichern (Score: Marcelo Zarvos) im richtigen Moment. Und wenn auch das nicht hilft, hat man im Notfall ja immer noch den Familienhund, den man sterben lassen kann, um Auggies Familie wieder ganz eng zusammen zu führen, was im Anbetracht der letzten zehn Minuten aber immerhin noch einigermaßen glaubhaft ist.
Da in «Wunder» ohnehin nichts so verläuft, wie es im normalen Leben verlaufen müsste, sind die Macher natürlich frei in der Inszenierung. Auf übertriebenes Drama folgt im nächsten Moment die konstruierte Versöhnung; und natürlich bekommt hinten raus auch noch der unangenehmste Zeitgenosse entweder sein Fett weg, oder die verdiente Läuterung zu spüren. Insofern ist «Wunder» vor allem eines: entsetzlich vorhersehbar und auf den kleinsten gemeinsamen Nenner mit dem nach Harmonie dürstenden Publikum abgestimmt. Zu dieser Intention passt auch die Besetzung perfekt. Mit Everybody’s Darling Julia Roberts («Money Monster») und Schwiegermutters Liebling Owen Wilson («Zoolander No. 2») könnten die Eltern von Auggie nicht ecken- und kantenloser besetzt sein. Leider gibt das Skript den zweifelsfrei starken Schauspielern nicht die Gelegenheit, immerhin einen Hauch Eigenständigkeit aus ihren Rollen herauszuholen. Stattdessen erfüllen sie voll und ganz das Klischee der verständnisvollen Eltern. 

• A Long Way Down • Das erstaunliche Leben des Walter Mitty • Die Schöne und das Biest • Homefront • Money Monster • Raum • The Fosters • Wunder • Zoolander No. 2
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Es gibt 4 Kommentare zum Artikel
25.01.2018 14:22 Uhr 2
25.01.2018 20:19 Uhr 3
Du bist ja sicherlich auch nicht die Zielgruppe die der film ansprechen will.
In damit einem einspiel von bisher 250 Mio Dollar weltweit ist das mit einer der überraschungshit des letzten jahres.
Und das QM bei einem 11 jährigen von Karrieretiefpunkt spricht, findenich schon reichlich seltsam und bizarr ....
26.01.2018 07:22 Uhr 4
Mag sein. Meine Frau wird sich das auch nicht geben! Die hat zwar kein Problem mit Julia Roberts, ist aber auch nicht unbedingt für die Herz-Schmerz-Schiene zu begeistern.