Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit? Im ersten Teenie-Drama von Netflix verschwimmen Fiktion und Wirklichkeit, Vergangenheit und Gegenwart. Irgendwann weiß der Zuschauer selbst nicht mehr, was und wem er glauben soll: der toten Hannah oder ihren noch lebenden (Ex-)Freunden?
Sie verspricht die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit über die Gründe ihres Selbstmords – und warum jeder Einzelne, der die Kassetten hört, mitschuldig daran ist. Die Serie beginnt dort, wo Mitschüler Clay die mysteriösen Kassetten geliefert bekommt. Später finden wir heraus, dass schon andere in deren Besitz waren – und dass Clay nicht der letzte sein wird. Denn Hannah hat genau festgelegt, wer die Tondokumente wann hören und an wen er sie weitergeben soll. Hält sich jemand nicht an die Regel, leakt ein Vertrauter die Bänder öffentlich und deckt damit alle Geheimnisse auf, die Hannah über ihre Mitschüler und die Erwachsenen verrät. Clay ist also gewarnt. Warum er ausgerechnet einer der Schuldigen für Hannahs Tod sein soll, kann er sich nicht erklären.
Noch verstehen sie sich gut: Clay (Dylan Minnette) und Hannah (Katherine Langford) in «Tote Mädchen lügen nicht» (Originaltitel: «13 Reasons Why»)
Auch wir Zuschauer werden lange im Unklaren gelassen über das, was die Schülerin zum Selbstmord getrieben hat, nur wenige Monate nach ihrer Ankunft auf der neuen Schule. Was sie erzählt, ist zunächst nichts Ungewöhnliches: die typischen Highschool-Dramen um enttäuschte Liebe und Freundschaft, um Intrigen und Mobbing. Was brachte Hannah dazu, sich umzubringen? Der Zuschauer stellt sich diese Frage bald immer mehr. Hannah ist also die Regisseurin, und Clay ihr Schauspieler. Er folgt ihren Anweisungen, besucht die Orte ihres Schicksals. Kurz: Wir sind Clay. Wir als Zuschauer wissen genauso viel wie er, nicht mehr und nicht weniger. Und irgedwann, wenn Clay sich fragt, ob die tote Hannah überhaupt die Wahrheit erzählt, dämmert es auch in uns. Auf die Idee sind wir bisher nicht gekommen: Lügen tote Mädchen vielleicht doch? Schließlich ist es nur die eine Seite der Geschichte, die wir erzählt bekommen. Holen uns die Fake News auch hier noch ein?
Visuell wird dieser Spagat fabelhaft umgesetzt: mit Szenen, in denen Vergangenheit und Gegenwart wortwörtlich verschmelzen, und mit kontrastvoller Farbgebung. Die Rückblenden sind orangewarm und hell gehalten, die Gegenwart erscheint blaukalt. Indie-Soundtracks erster Klasse – zum Beispiel von Joy Division oder The Cure – unterstreichen den Thriller-Charakter dieser etwas anderen Highschool-Serie. Schauspielerisch bewegt sich das Format auf gewohnt höchstem Niveau, sodass manche zu klischeehaft geratene Charakterzeichnung abgemildert wird. Insbesondere die Hauptcharaktere Hannah und Clay werden von ihren Jungschauspielern beeindruckend verletzbar dargestellt. 

• 13 Reasons Why • Gossip Girl • Pretty Little Liars • Riverdale • Tote Mädchen lügen nicht • Twin Peaks
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