First Look

«The Crown»: Schicksalsjahre einer Königin?

von

Netflix' bisher teuerste Serienproduktion über das Leben der amtierenden englischen Königin überzeugt nicht nur durch ihren hohen Production Value - auch wenn man ihre Haltung nicht teilen muss.

Cast & Crew

Produktion: Left Bank Pictures und Sony Pictures Television
Schöpfer: Peter Morgan
Darsteller: Claire Foy, Matt Smith, Vanessa Kirby, Eileen Atkins, Jeremy Northam, Victoria Hamilton, John Lithgow u.v.m.
Executive Producer: Stephen Daldry und Peter Morgan
Der Souverän des Vereinigten Königreichs und der übrigen Commonwealth-Staaten hat einen Knochenjob. Das wissen wir spätestens seit dem 2006 veröffentlichten Spielfilm «The Queen», der einen hintergründigen Blick auf das Leben der königlichen Familie nach dem tödlichen Verkehrsunfall der Prinzessin von Wales 1997 warf. Einfühlsam, mit gutem Gespür für das richtige Maß an Spannung und Dramatik erzählte das Drehbuch von Peter Morgan eine bekannte und hundertfach in der Presse verarbeitete Geschichte aus einem neuen, relevanten Blickwinkel – dem der handelnden Personen.

Diese Arbeit setzt Morgan nun an einem neuen Mammutprojekt fort: Sechs Staffeln soll seine Serie über die Regentschaft von Königin Elisabeth II. am Schluss umfassen; deren erste, die Netflix am vergangenen Freitag weltweit veröffentlichte, kostete über einhundert Millionen Dollar, und bildet das Leben der königlichen Familie von den letzten Lebensjahren Georgs VI. bis weit in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ab.

Das dramaturgische Augenmerk dieses Epos‘ liegt dabei eher auf den politischen und höchstpersönlichen Spannungsfamilien im Hause Windsor: Während die Geburten von Charles und Anne Randnotizen bleiben, widmet «The Crown» der Londoner Smog-Krise, den immerwährenden Auseinandersetzungen mit dem 1936 abgedankten König Eduard VIII. sowie dem Streit um den Namen des Hauses nach der Eheschließung von Elisabeth und dem Herzog Mountbatton großzügige Screen-Time.

Wie so oft bei historischen Stoffen ist allerdings das Wie entscheidender als das Was. Denn Stoffe um monarchische Figuren lassen sich mit dezenten Ausschmückungen und nah am Gang der Ereignisse erzählen wie Morgans «The Queen» oder eben pathetisch-überkandidelt wie Ernst Marischkas «Sissi»-Filme. Schon das Label Netflix kann hier beruhigen: Bei «The Crown» schlägt sich das Budget nicht nur im ausladend üppigen Production Value nieder, sondern auch in der inhaltlichen Gewitztheit.

Sicher: Dieses Format will eine andere Zuschauerklientel bedienen (oder erschließen) als «Stranger Things» oder «House of Cards»: eine, die Interesse an einem gediegeneren, langsameren Erzählduktus hat, der eine einnehmende Geschichte und ein großer Figurenvorrat wichtiger sind als innovative Erzählweisen oder radikal neue Interpretationen bekannter Milieus oder Zeitabschnitte.

Königin Elisabeth, Prinz Philipp, der Königin Mutter und Großmutter: Sie alle sind Kinder ihrer Zeit und vor allem vor diesem Hintergrund Projektionsfläche. Und gleichzeitig schreien sie nach einer heutigen Interpretation, nach einer post-kolonialen Lesart. Wenn die Königin oder ihre Schwester in Kenia rassistische Reden halten und Afrika wie Afrikaner nur als pittoresker Hintergrund auftauchen, vor dem sich die Probleme weißer Siedler oder ihres Souveräns abspielen, wird das in «The Crown» (bisher) nur implizit gewertet, was einen Kompromiss zwischen dem erzählerisch Möglichen und dem aus heutiger Sicht kontextuell Erforderlichen schlägt. Bestimmt wird die nächste Staffel, in deren erzählte Zeit der Höhepunkt der Entkolonialisierung Afrikas fallen dürfte, hier dezidierter ausfallen.

«The Crown» zeigt derweil stets eine ehrerbietige Haltung vor dem britischen Souverän, in einer Welt der intrigierenden Privatsekretäre, der steinalten Vorschriften und völlig überkommenen Traditionen. Die Serie gibt dem Grundtenor der Figuren recht, wann immer für das frische Königspaar oder sein Umfeld Befremdliches in Erscheinung tritt: Das muss so. Manchmal ist das zum Lachen (wenn Philip, der die Krönungszeremonie seiner Gattin organisieren soll, mit erbittertem Widerstand zu kämpfen hat, als er in Westminster Abbey Kameras aufstellen lässt, um die Veranstaltung im Fernsehen zu übertragen), und manchmal zum Aus-der-Haut-Fahren, wenn der Boulevard in den höchstpersönlichen Lebensumständen von Prinzessin Margaret wühlt und die Königin in ihrer Hilflosigkeit die haarsträubendsten Konsequenzen zieht. Als kontinentaleuropäischer Nicht-Monarchist ist man spätestens dann versucht, den ganzen Zinnober in den Dustbin of History zu kehren, und den alten Spruch vom Muff von tausend Jahren auszupacken.

Der geschasste König Edward VIII hat eine romantischere Erklärung, die er in seinem französischen Wahl-Exil seinen Gästen vorträgt: Wer will Prosa, wenn er Poesie haben kann? Wer will Vernunft statt Magie?

Eine Magie, vor der sich «The Crown» verneigt. Trotz allem. Das muss man als Zuschauer nicht mitmachen. Die einnehmende Wirkung dieser Produktion schmälert das nicht im Geringsten.

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