Michel Gondry fährt visuell auf Sparflamme. Doch weshalb sein minimalistisch inszenierter Coming-of-Age-Roadtrip «Mikro & Sprit» genau dadurch zu einem Statement gegen die emotionale Verrohtheit wird.
Mitten im laufenden Schuljahr kommt ein Neuer in die Klasse – Théo (Théophile Baquet). Wie Daniel (Ange Dargent) ist auch er schnell ein Außenseiter in der Klasse: Daniel, introvertiert und immer vertieft in seine Zeichnungen, und Théo, der auf alles eine Antwort weiß und leidenschaftlich gerne tüftelt. Doch eins haben beide gemeinsam: Als die Sommerferien beginnen, will keiner die Zeit mit seiner Familie verbringen und zusammen schmieden sie einen Plan. Mit Hilfe eines Rasenmäher-Motors und einigen Brettern zimmern sie sich ein ebenso skurriles wie liebevoll gestaltetes und vor allem fahrbares Haus. Ein abenteuerlicher Roadtrip – mit maximal 20 km/h – über die französischen Landstraßen beginnt. Sie lernen neue Freunde kennen, liefern sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei und vor allem…machen das, was sie schon immer tun wollten: die Freiheit genießen, einen wundervollen Sommer lang!
Inszenatorisch hält sich Michel Gondry in «Mikro & Sprit» auffällig zurück. Das einzig Verschrobene in dieser durch und durch authentischen Außenseitergeschichte ist die Prämisse selbst: Zwei heranwachsende Schuljungen, der eine frühreif, der andere einen Tick zu klein gewachsen, beschließen aus einer Rebellion heraus ihre Elternhäuser zu verlassen, um sich mithilfe eines selbst gebauten, fahrenden Hauses (!) bis an die französische Küste durchzuschlagen. Gondry, der hier wie bei fast allen seiner Filme auch als Drehbuchautor fungiert, ordnet dieses Szenario nicht etwa so absurd ein, wie es dem Zuschauer auf den ersten Blick erscheinen mag. Stattdessen nimmt er die Situation so wie sie ist und stellt sich in einer Selbstverständlichkeit an die Seite seiner jungen Protagonisten, dass die Frage nach dem Ausgang der Geschichte die irrelevanteste von allen ist. Stattdessen ist «Mikro & Sprit» vielmehr das zeitgeistige Portrait einer Jugend, wie sie in der heutigen Welt nach und nach ausstirbt. Mit ihrem Optimismus, dem Drang, etwas zu tun, anstatt nur tatenlos rumzusitzen und der Abenteuerlust, die Mikro und Sprit hinaus in die Ferne treibt (und sie gar auf alltägliche Luxusgegenstände wie das Smartphone verzichten lässt), wirken sie wie klassische Entdeckerfiguren in einer Zeit, in der es eigentlich nichts mehr zu entdecken gibt. Also setzt Gondry seine Geschichte an einem Scheideweg an: Jung genug, um noch nicht desillusioniert zu sein, aber alt genug, um bereits eine gewisse Weitsicht zu besitzen, schickt der Filmemacher seine beiden Hauptfiguren auf einen Selbstfindungstrip, der geerdet zwischen Melancholie und Leichtfüßigkeit hin und her schwankt.
Das Besondere an «Mikro & Sprit»: Hinter all dem hoffnungsvollen Idealismus der beiden Hauptfiguren steckt immer auch das Wissen darum, dass ebenjene Hoffnung vermutlich die einzig gute Idee ist, halbwegs glücklich durchs Leben zu kommen. Nicht umsonst sagt man, dass ausschließlich Betrunkene und Kinder die reine Wahrheit von sich geben; die niemals aufgesetzten Regungen von Mikro und Sprit entführen den von extremen Emotionen geprägten Zuschauer in eine Welt, in der ein gesagtes Wort noch als ein solches gilt. Insofern ist «Mikro & Sprit» auch ein Film, in dem auf der Leinwand selbst wenig passiert. Nur selten scheint der spielerische Ideenreichtum Michel Gondrys durch – etwa, wenn er für eine Traumsequenz ein Flugzeug rückwärts fliegen lässt. Doch im Kern (und im Anbetracht unserer schnelllebigen, hektischen und nicht selten äußerst oberflächlichen Welt) ist Michel Gondrys Minimalismus hier fast noch beeindruckender, als die Bildgewalten, die er in den vergangenen Jahren auf die Leinwand zauberte. Leise ist das neue Laut – der richtige Film zur richtigen Zeit und ein hervorragender Beitrag zur weltlichen Entschleunigung.

• Der Schaum der Tage • Krieg der Knöpfe • Mikro & Sprit • Science of Sleep • Vergiss mein nicht
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